Aus der Regnitz wird der Mississippi. Ein Bootsanlegesteg verwandelt sich in ein Floß. Schon können "Huck und Jim" ablegen, um endlich frei zu sein. Ja, Chapeau Claque holt für große und kleine Fans des erfolgreichsten Romans von Mark Twain zwei liebgewonnene Helden auf die Bühne, von denen sich einer überraschenderweise als Heldin entpuppt. Beide müssen die alte Heimat verlassen, beide leiden unter Gewalt, dem Anderssein und der Intoleranz ihrer Umgebung. Trifft das nicht auch auf die zahllosen Menschen zu, die in Deutschland Zuflucht suchen? So ist das neue Stück des Bamberger Kinder- und Jugendtheaters brandaktuell, obgleich seine Protagonisten der Feder eines Literaten des 19. Jahrhunderts entsprangen.



Fast schon aufgegeben

Im vergangenen Jahr stand die Altenburg als historische Kulisse der "drei Räuber" im Blickpunkt. Jetzt veranstaltet Chapeau Claque ab 17. Juni erstmals "Wasserspiele" in Bug - auf dem Gelände der Marinekameradschaft 1903 Bamberg. "Wir waren wieder auf der Suche nach einem neuen Spielort, hatten aber schon beinahe aufgegeben. Dann kam der Tipp von einer Bekannten einer Kollegin - und begeisterte alle", schwärmt Heidi Lehnert als künstlerische Leiterin des Kinder- und Jugendtheaters. Dabei schippern "Huck & Jim" unter der Regie von Andreas Ulich "bis ans Ende des Flusses". Auch schrieb der Bamberger Schauspieler, Rezitator und Autor fürs fränkische Publikum die Bühnenfassung nach Motiven des Romans "Die Abenteuer des Huckleberry Finn".

Um Vertrauen, Mut und Toleranz geht's in dem Stück, in dem Susanna Bauernfeind, Astrid Haas, Pascal Averibou, Valentin Kärner und Daniel Reichelt zu sehen sind. Für Live-Musik sorgen Florian Berndt, Nikolaus Durst und Ben Werchohlad während der bewegenden Reise zweier Freunde. So treffen "Huck und Jim" auf einen Fremden, der sie begleiten möchte. Führt er Übles im Schilde oder ist dem Unbekannten zu trauen? Die beiden Protagonisten "müssen über viele Schatten springen, bevor sie kapieren, was Freundschaft wirklich bedeutet", sagt Heidi Lehnert.


Erste Zusammenarbeit

Wie kam's überhaupt zur Zusammenarbeit zwischen Andreas Ulich und Chapeau Claque? Durch Heidi Lehnert, die mit der Idee eines Bühnenstücks nach den "Abenteuern des Huckleberry Finn" an den Autor herantrat. "Ich war gleich begeistert. Schließlich handelt es sich dabei um den großartigsten Jugendroman, den ich kenne", erinnert sich Ulich. Es reizte ihn, das Geschehen für kleine Kinder aufzubereiten - leicht verständlich und ohne Brutalitäten, wie sie in der literarischen Vorlage zu finden sind. Gleichzeitig spricht der Autor Erwachsene an, indem er Parallelen zum Hier und Heute herausarbeitete. Für einen besonderen Aktualitätsbezug sorgt schon die Ausgangssituation: zwei Menschen auf einem Floß, auf der Suche nach Frieden und Freiheit. Wobei Jim - anders als in Twains Roman - nicht der Sklaverei entflieht, sondern rassistischer Verfolgung.


Gegen Diskriminierung

Ulich wendet sich mit seinem Stück aber nicht nur gegen eine gesellschaftliche Diskriminierung von Migranten und Asylanten. Sondern auch gegen die "Benachteiligung von Frauen, wie sie in unserer Gesellschaft nach wie vor praktiziert wird, obwohl das den meisten kaum bewusst ist". Ob's um die Entlohnung geht oder Aufstiegsmöglichkeiten in Unternehmen - "von wirklicher Gleichheit kann keine Rede sein". Als Zeichen des Protestes verwandelte Ulich "Huck" in ein starkes Mädchen. "Und dieses Mädchen muss sich als Junge verkleiden, um zu überleben." Ganz so wie sich starke Frauen in unserer Gesellschaft wie Männer verhalten müssten, um dementsprechenden beruflichen Erfolg zu haben. "Als männlicher Autor muss man auch in dieser Hinsicht mal Stellung beziehen."



Seit Anfang Mai laufen nun schon die Probenarbeiten zu "Huck & Jim". "Das Wetter erlaubt es uns glücklicherweise draußen, an unserem neuen Spielort zu arbeiten", berichtet Heidi Lehnert. So beobachten Passanten diesmal also nicht um die Altenburg, sondern in Bug eigentümliche, wie einer fremden Welt entsprungene Gestalten. Vor allem in der "Endprobenwoche" vor der Premiere geht's rund, weil dann Lehnert zufolge beide Spielteams im Einsatz sind. "Wir haben alle Rollen ja wieder doppelt besetzt." So teilten sich beispielsweise auch Susanna Bauernfeind und Astrid Haas die Rolle der "Huck".


Auf einen Blick

"Huck & Jim - bis ans Ende des Flusses" - nach Motiven des Romans "Die Abenteuer des Huckleberry Finn" von Mark Twain ist in einer Bühnenfassung von Andreas Ulich ab 17. Juni zu sehen. Der Premiere am 17. Juni, 15 Uhr, folgen weitere Vorstellungen am 18. und 25. Juni, 2., 9., 16., 23. und 30. Juli, 6., 13., 20. und 10. September, jeweils ab 15 Uhr. Am 3., 10. und 17. August sowie 7. September beginnt das Spiel erst um 17 Uhr. Spielort ist das Gelände der Marinekameradschaft 1903 Bamberg/Bug (Freilichttheater mit überdachter Zuschauertribüne). Für Schulen und Kindergärten laufen Vorstellungen ab 26. Juni, buchbar unter 0951/968 6673 und buchung@kindertheater-bamberg.de. Weitere Infos zum Kinder- und Jugendtheater Chapeau Claque gibt's im Netz.