Was verbarg sich hinter dem Geheimnis seines Erfolges? Woher kam Karl May - wer war der Literat, bevor er zur Berühmtheit wurde? Viele Fragen stellten sich Besucher, bevor sie mit Rolf-Bernhard Essig, Gudrun Schury und Eckhart Neuberg eine Zeitreise durchs Leben und Werk des Mannes unternahmen, zu dessen Verehrern selbst die Friedensnobelpreisträgerin Bertha von Suttner, Kollegen wie Carl Zuckmayer, Ernst Bloch und Arno Schmidt zählten. Dann gab es Antworten - fantastischer als mancher anfangs geahnt hatte.

Lange, bevor man in Deutschland etwas von Winnetou, Old Shatterhand und Tscho-Tschi hörte, wurde der kleine Karl als fünftes von 14 Kindern eines Webers und einer Hebamme geboren, wie das Publikum von dem großen Fabulierer selbst (gespielt von Eckhart Neuberg, Schauspieler des E.T.A.-Hoffmann-Theaters) erfuhr. Bereits in seiner Ausbildung zum Lehrer begann May jedoch mit Diebstählen und Betrügereien, die im Laufe der nächsten zwölf Jahre zu diversen Haftstrafen führten. Beispielsweise "lieh" sich der junge Mann die Taschenuhr eines Zimmerkameraden und wurde von ihm prompt angezeigt. Als sich May später mit Gelegenheitsjobs über Wasser hielt, benutzte er des Öfteren auch falsche Namen aus. So beschlagnahmte der später so berühmte Literat als "Polizeileutnant von Wolframsdorf" zehn Taler und eine vergoldete Uhr. Mittlerweile steckbrieflich gesucht, wurde May letztendlich erwischt und landete, diesmal für vier Jahre, im Zuchthaus Waldheim.

Im Zuchthaus aber wurde der kreative Kopf, wie Eckhart Neuberg weiter berichtete, von einem Geistlichen ermutigt, mit dem Schreiben zu beginnen. Und noch vor seiner Entlassung erschienen tatsächlich einige von Mays Gedichten im "Neuen deutschen Reichsboten". Von da an ging es mit seiner Karriere steil bergauf. Ab 1882 erschienen Reiseerzählungen im Fehsenfeld-Verlag (später Karl-May-Verlag). Und mit den Erfolgen kam der finanzielle Wohlstand. Bald bewohnte May Neuberg zufolge die "Villa Shatterhand".


Die Feuerwehr musste helfen



Jetzt war der Schriftsteller also eine Berühmtheit. Und wurde von Fans verfolgt. Bis hin zu einem Gedränge vor Mays Hotel, bei dem die Feuerwehr die Menschen letztendlich "auseinanderspritzen" ließ, wie Rolf-Bernhard Essig erzählte. Gudrun Schury wusste von einer Jüdin zu berichten, die dem Autor in einem Brief schrieb, sie habe sich in eine christliche Bibliothek aufnehmen lassen, nur um seine Bücher lesen zu können.

Massenweise Fanpost war an der Tagesordnung. Wobei Anhänger der Bitte des Literaten, Briefen Fotos beizulegen, mit Freude nachkamen. So entstand ein "Leseralbum", in dem Karl May Essig zufolge die ihm zugeschickten Porträts zusammenstellte. Der Schriftsteller selbst ließ sich ablichten und verschickte Aufnahmen als Autogrammkarten - im Stil des späten 19. Jahrhunderts. Die Regensburger Buchhandlung Friedrich Pustet habe stets zwölf verschiedene Fotografien in unterschiedlichen Formaten auf Lager gehabt, sagt Essig. Folgende Anmerkung dürfte für May-Anhänger der damaligen Zeit dabei von äußerster Bedeutung gewesen sein: "Jedes Bild trägt die eigenhändige Unterschrift des allverehrten Schriftstellers."

Die Geschichten um Old Shatterhand, Kara Ben Nemsi und andere Helden sprudelten. "Ja, ich habe das alles und viel mehr erlebt. Ich trage noch heute die Narben von den Wunden, die ich erhalten habe", deklariert Eckhart Neuberg in seiner Rolle als Karl May. Moment mal: Essig erklärte dem Publikum, dass Karl May 1910, 14 Monate vor seinem Tod, zum ersten Mal in Amerika war. Was also steht hinter seiner Behauptung, selbst Old Shatterhand beziehungsweise Kara Ben Nemsi gewesen zu sein? Eine mehr und mehr verschwimmende Grenze zwischen Realität und Fiktion, die den Autor die eigenen Geschichten leben ließ? Oder war sein Verlag mit entsprechender Publicity schuld daran, wenn er Lesern entsprechende Erklärungen gab, warum noch kein neues Buch erschienen war? Vielleicht wollte Karl May Fans auch nur geben, was sie hören wollten. Schließlich wusste das Publikum von Eckhart Neuberg, dass dem Namensschwindler schon bei seiner Entlassung aus dem Gefängnis im Jahr 1874 klar war, dass er "mit seinem Schreiben auch Geld verdienen wollte".


Indianische Worte als "Echtheitszertifikat"



Ein Grund, warum die Geschichten um Winnetou und andere Protagonisten so real wirken, sind Mays indianischem Vokabular zu verdanken, wie Essig ausführte. "Die Worte der Dialoge stammen zuweilen allerdings aus mehreren indianischen Sprachen und stimmen nicht immer mit der Herkunft des Sprechers überein", so der Autor. Zuweilen sei May beim Nachschlagen wohl auch der "Zeigefinger verrutscht". So heiße ein Indianerjunge nicht etwa "Yuma-Töter", sondern "Yuma-Sitzer" - einfach, weil unter dem Wort "töten" das Wort "sitzen" aufgelistet sei. Alles halb so schlimm, wenn man Essig glauben will, man könne einen Feind ja auch "mit dem Hintern ersticken".

Eine andere Unkorrektheit, diesmal allerdings nicht als Resultat von Mays zittrigem Zeigefinger, ließe sich im Namen der Indianerin "Tscho-Tschi" entdecken. So die allgemein bekannte Aussprache, die leider nur die unsauber ausgesprochene Variante der richtigen Version "Nscho-tschi" darstellt. Leichter zu artikulieren, bewirkt diese Veränderung in der Übersetzung indes, dass die Indianerin nicht wie beabsichtigt "Schöner Tag", sondern "Schlechter Tag" genannt wird.

Und wie hätten sich die drei Bühnenprotagonisten zuletzt besser verabschieden können als mit einem Zitat (Old Surehand III): "Diese Geschichte muss ein Ende nehmen. Ich habe das ewige Anschleichen satt!"