Es ist fast "das tägliche Brot" von Richter Martin Waschner, den Ablauf von Schlägereien unter Jugendlichen zu rekonstruieren, die jeweiligen Schuldanteile zu gewichten und die entsprechenden Strafen zu verhängen. Es ist ein mühseliges Geschäft, und oft sitzen auf der Anklagebank junge Männer, die er schon aus anderen Verfahren kennt, weil sie schnell die Fäuste fliegen lassen oder anderes auf dem Kerbholz haben.


Kein rassistischer Hintergrund

Von acht Angeklagten, die am Montag wegen gefährlicher Körperverletzung vor dem Jugendschöffengericht saßen - höfliche, gut gekleidete junge Leute mit Ausbildungsplätzen -, waren es nur zwei, die noch nicht strafrechtlich in Erscheinung getreten waren. Die gemeinsame Tat liegt schon eine Weile zurück: Am 20. Juli 2015 haben sie laut Ermittlungen der Staatsanwaltschaft einen damals 30 Jahre alten Asylbewerber mit syrischer Staatsangehörigkeit auf die Erba-Insel in einen Hinterhalt gelockt, den Flüchtenden über den Weidendamm verfolgt, zu Boden gebracht und verprügelt.

Hintergrund war nicht etwa ein ausländerfeindlicher Anschlag, sondern eine Beziehungstat: Die einzige Frau in der Gruppe der Angeklagten, heute 19 Jahre alt, wollte sich dem Mann entziehen, der sich in sie verliebt hatte und ihr immer wieder auflauerte, wie Zeuginnen vor Gericht aussagten. Das Opfer selbst gab im Zeugenstand an, eine etwa sechs Wochen dauernde feste Beziehung mit der Frau gehabt zu haben. Mehrfach habe sie die Nacht bis in den frühen Morgen mit ihm im Männerwohnheim verbracht.

Welche Version stimmt, konnte das Gericht nicht ermitteln: Wie alle anderen Angeklagten machte das Mädchen von seinem Recht auf Schweigen Gebrauch. Eine durch Zeugen und elektronische Nachrichten belegte Tatsache ist allerdings, dass der Syrer vom Bruder der jungen Frau über deren Handy benachrichtigt und gebeten wurde, sich zu einer Aussprache am Spielplan auf der Erba-Insel einzufinden.


Angreifer hielten sich versteckt

Als der Syrer mit seinem Fahrrad dort ankam, merkte er schnell, dass er in eine Falle gelockt worden war: Aus allen Richtungen sprangen die Freunde seiner Angebeteten hinter Büschen hervor und gingen auf ihn los. Der Mann lief in Richtung Innenstadt davon, wurde aber schnell von der Gruppe eingeholt. Man warf ein Fahrrad gegen ihn, das ihn zu Boden brachte, und schlug auf ihn ein.

Der Mann erlitt eine Gesichtsprellung, eine Schürfwunde am linken Knie und eine Risswunde an der Innenseite der unteren Lippe. Einer der Angeklagten will das bewusstlose Opfer ("Ich weiß nicht, wie lange ich da gelegen habe") noch in die stabile Seitenlage gebracht haben. Es waren aber Passanten, die den Rettungswagen und die Polizei riefen, und nicht die Täter.

Vor Gericht hüllten sich alle acht Angeklagte in Schweigen. Zu Beginn des langen, bis 19.30 Uhr dauernden Verhandlungstages jedenfalls. Gegen Ende kam ihnen zu Bewusstsein, dass eine Aussage vielleicht nicht so schlecht wäre. So ließen sich die junge Dame im Bunde und ihr Bruder, der den Syrer mit der Handy-Nachricht nach Gaustadt beordert hatte, doch noch zu Erklärungen herab. Sie gestanden, gemeinschaftlich gehandelt zu haben. Es sei nicht geplant gewesen, den Syrer bewusstlos zu schlagen, aber in Kauf genommen worden für den Fall, dass Reden allein nicht ausgereicht hätte.

Staatsanwalt Ralf Hofmann beantragte daraufhin für diese beiden Angeklagten die Einstellung nach Paragraph 47 Jugendgerichtsgesetz gegen eine Geldauflage von jeweils 1350 Euro, wovon je 250 Euro an das Opfer gezahlt werden müssen - was die 19-Jährige zu einer kurzen Unmutsäußerung brachte.

Nach dem glimpflichen Verlauf für die beiden wollte noch ein weiterer Angeklagter die Chance einer Einstellung nutzen. Sein Verteidiger, Rechtsanwalt Norbert Brandl, schlug sich für ihn in die Bresche. "Er will das auch abkürzen."

Zudem sei der Tatbeitrag seines Mandanten weitaus geringer gewesen. Er habe einige der Leute mit dem Auto zur Erba-Insel gebracht und den Wagen geparkt. Als er leicht verspätet zum vereinbarten Treffpunkt gekommen sei, habe er den Syrer und zwei seiner Freunde gesehen, die hinter ihm her rannten. Mehr Leute seien an der Verfolgung nicht beteiligt gewesen. Er selbst sei ein ganzes Stück weiter weg gewesen und habe sich aus der Schlägerei herausgehalten.

Wegen der fortgeschrittenen Zeit an diesem ersten Verhandlungstag und der Widersprüche zu Aussagen von Zeugen, die eine weitaus größere Verfolgergruppe beobachtet hatten, stellte der Staatsanwalt für diesen Angeklagten noch keinen Antrag auf Einstellung. Er und die fünf weiteren Freunde müssen sich mit ihren Verteidigern am 9. Januar zum zweiten Verhandlungstag einfinden. Im Raum steht zudem noch die Behauptung des Angeklagten, es seien ihm zwei 50-Euro-Scheine aus der Geldbörse geraubt worden.