Eine große, halbrunde Scherbe hat es ihm angetan. "Sehen Sie die Aufschrift 'Herzogthum Nassau'? Das Teil gehört sicher zu einer Mineralwasserflasche", sagt Günther Reiss. Schwefelhaltiges Mineralwasser wurde früher oftmals als Heilmittel angesehen und in eben solchen stabilen Ton- oder Keramikflaschen per Post verschickt. Reiss ist gespannt, wie viel der Flasche sich noch rekonstruieren lässt. Denn danach ließe sich eine genauere Recherche zum Kurbetrieb Nassau anstellen, welche wiederum mehr Informationen über die Datierung der Mineralwasserflasche ermöglicht.

Reiss hilft als ehrenamtlicher Laie und engagierter Mithelfer an der Inventarisierung der archäologischen Funde von Burg Lisberg mit. Sie ist eine der ältesten und am besten erhaltenen Burgen Deutschlands und verrät nun ihre Geheimnisse: Auf der Burg im Landkreis Bamberg wurden in den späten siebziger und frühen achtziger Jahren zahlreiche Funde entdeckt und aufbewahrt. Die Archäologen aus Bamberg bargen bei Grabungen umfangreiches Material aus mehreren hundert Jahren - ungefähr vom Ende des 14. Jahrhunderts bis heute. Dabei handelt es sich größtenteils um Teile von Gefäß- und Ofenkeramik sowie Porzellangegenständen und Schlachtabfällen von Hühnern, Schweinen und Kleintieren.

Unter Anleitung von Mitarbeitern des Lehrstuhls für Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit der Universität Bamberg inventarisieren und dokumentieren die Teilnehmer nun im Rahmen einer Lehrveranstaltung die Funde. Anschließend verpacken sie das Fundgut fachgerecht, sodass es letztendlich auf der Burg Lisberg archiviert werden kann.

Funde sichten und sortieren

Das Besondere hierbei ist, dass diese Arbeiten nicht nur im universitären Rahmen bleiben, sondern auch ehrenamtliche Laien wie Günther Reiss aktiv daran mitarbeiten können. Zur unverzichtbaren Grundausstattung gehören daher Handschuhe, Siebe sowie diverse Zahn- und Handbürsten. Damit werden die unstratifizierten Funde - also Funde, die noch nicht den Zeitstufen ihrer Entstehung eingeordnet sind - in mühevoller Handarbeit gesäubert, nach Farben und Material vorsortiert und wenn möglich anschließend wieder zusammengeklebt. Aus einem Haufen einheitlich bräunlichen Knochen und Scherben wird so der ursprüngliche Zustand wieder sichtbar und - wenn genug Scherben desselben Gegenstandes gefunden wurden - auch wieder greifbar gemacht. Für die Studierenden ist diese praktische Lehrveranstaltung auch ein Forschungspraktikum, in dem der soziale Aspekt von Arbeit mit ehrenamtlichen Laien mit berücksichtigt wird.

Am Nebentisch puzzelt eine Studentin währenddessen an den Knochen der zahlreichen Schlachtabfälle herum. "Die Tierknochen können wir erstmal nur sauber machen und sortieren. Dann müssen wir sie mit Hilfe von speziellen Bestimmungsbüchern der genauen Tierart zuordnen", sagt sie. Manche Knochen sind sehr leicht zu identifizieren, wie der in Lisberg gefundene halbe Schweineschädel. Dabei komme sie sich oft etwas makaber vor - immerhin hat man nicht jeden Tag einen Schädel in der Hand. Auch Wirbel und Rippen sind leicht zu erkennen, jedoch wird es schwieriger, wenn man dann die entsprechende Tierart herausfinden muss.

Bericht für das Landesamt

Die Ausgrabungsingenieurin Britta Ziegler betreut die Lehrveranstaltung in den Räumen der Universität Bamberg. "Aus welcher Zeit ein Fund stammt, ist natürlich sehr interessant. Für mich persönlich liegt der Fokus aber mehr auf der Vollständigkeit unserer Funde", sagt Ziegler. So ist es mindestens ebenso wichtig zu sehen, inwieweit sich die Gegenstände aus den vorhandenen Scherben wieder zusammensetzen lassen. Da die Ergebnisse in der Archäologie und Denkmalpflege wieder umkehrbar sein müssen, wird beim Kleben der Einzelteile ausschließlich auf wasserlöslichen Klebstoff zurückgegriffen.

Am Ende der Dokumentation schickt Britta Ziegler einen umfassenden Bericht an das Landesamt für Denkmalpflege, in dem alle Funde vermerkt und zeitlich eingeordnet werden. So besteht die Möglichkeit, dass im Laufe der Inventarisierung auch Günther Reiss' Nassauer Mineralwasserflasche bald zu den zweifelsfrei zugeordneten und zusammengesetzten Fundstücken der Burg Lisberg gehört.