Es ist wie eine Invasion: Sie stehen vor Feuerwehrheimen und Banken, in Möbelhäusern, Kantinen und neuerdings auch noch im heimischen Wohnzimmer oder auf dem Balkon: Schon Wochen vor Weihnachten prägen Christbäume die adventliche Szenerie. Geht es den Bäumen so wie den Lebkuchen, die bereits zur Rückkehr aus dem Sommerurlaub im Supermarkt angeboten werden? Und: Verdirbt der Anblick der inflationär aufgestellten Tannen nicht die Vorfreude auf Heiligabend?

Fakten und Trends am Weihnachtsbaum
Sowohl als auch, lautet die Antwort von Experten. Thomas Emslander, Vorsitzender des Vereins Bayerische Christbaumanbauer und selbst Produzent im niederbayerischen Ergolding, bestätigt eine Tendenz zum früheren Verkauf. In seinen Betrieb kämen schon in der letzten Novemberwoche Kunden, um einen "Zweitbaum" zu kaufen: "Das ist in der Regel ein günstigerer Baum, den sich die Leute gleich zum ersten Advent ins Zimmer oder auf die Terrasse stellen. Zu Heiligabend wird dann noch ein Baum gekauft, der teurer sein darf." Naturgemäß freut sich Emslander über diesen für die Produzenten positiven Trend.

Gleichzeitig gebe es auch einen negativen: Durch die steigende Zahl der Single-Haushalte gehe der Umsatz der Anbauer pro Jahr um ein Prozent zurück. "Alleinstehende kaufen keinen Christbaum", sagt Emslander. "Unsere Kunden sind ganz klassisch die Familien." Und unter ihnen sind eben auch einige, die sich ihre individuelle Weihnachtswelt schaffen. Gundi Zimmer-Beck zum Beispiel sagt: "Mein Baum steht seit zehn Jahren am ersten Advent auf dem Balkon. So bin ich zeitig auf Weihnachten eingestellt und habe auch etwas von meinem Baum". Charmanter Nebenaspekt: Die Bambergerin hat am 23. Dezember Geburtstag und früher den Baum mitten in der Nacht nach ihrer Feier aufgestellt. Das war ihr mit den Jahren zu stressig ...


Logischer Zeitpunkt

Franken ist eine der stärksten Anbauregionen für Christbäume in Bayern, viele Betriebe sind Mitglied im Landesverband. Die Produzenten haben sich darauf verständigt, die Bäume ab dem 15. November zu schlagen. Kurz darauf kommen außer Privatleuten auch gewerbliche Kunden zum Kauf. Emslander betrachtet den Zeitpunkt pragmatisch: "Wenn der erste Advent wie heuer so früh in den November fällt, muss der Baum vor dem Rathaus halt rechtzeitig stehen."

Trotzdem müssten es nicht so viele an allen möglichen wie unmöglichen Orten sein, sagt Michael Ritter vom Bayerischen Landesverein für Heimatpflege. "Es ist schon ein bisschen inflationär mit den Christbäumen." Vor 100 Jahren hätte es das nicht gegeben. Im späten 19. Jahrhundert seien Bäume auf Weihnachtsmärkten aufgestellt worden, was aus Brauchtumsgründen auch angemessen war. Aber geschmückte Tannen in Kaufhäusern und Fußgängerzonen, laut Ritter eine Tendenz, die man seit Jahrzehnten beobachten kann: Wenn überall und ab November Christbäume stehen oder Vorgärten exzessiv geschmückt werden, gehe das Besondere verloren. "Das kann das Erlebnis des Christbaums an Heiligabend abschwächen. Man hat sich dann fast schon sattgesehen."

Und das, findet Ritter, sei vor allem für Kinder schade.