Gut 130 Hirschaider riskierten es am Mittwochabend, einen Teil der Fernsehübertragung europäischen Spitzenfußballs zu versäumen. Wichtiger war ihnen, von den verantwortlichen Bauleitern der Deutschen Bahn Informationen über den Streckenausbau durch Hirschaid, seine Risiken und Nebenwirkungen zu erhalten. Damit der ICE künftig in kurzer Taktfolge mit 230 Stundenkilometern durch das Regnitztal brausen kann, wird die Bahn viel Geld investieren, in die Sicherheit des künftigen Haltepunkts Hirschaid und auch in den Lärmschutz.

Gleichwohl mussten sich die Bahn-Bahnvertreter deutliche Kritik anhören: So lange die Güterzüge mit veraltetem Wagenmaterial durch deutsche Lande rumpeln, mit technisch unzulänglichen Bremsen, Rädern und Fahrwerken die Schienen aufrauen - und diese wiederum zu selten geschliffen werden - , so lange wird die Eisenbahn als Störfaktor empfunden. Mag sie im Vergleich mit Auto oder Flugzeug noch so umweltgerecht unterwegs sein. Um das Hauptübel der Lärmbelästigung zu beseitigen, müssen die Weichen allerdings im Bahnvorstand und in der großen Politik gestellt werden. Da fühlen sich die Kunden und Anlieger der Bahn im Stich gelassen von den Verantwortlichen in den Hauptstädten.

Außerdem ist der Bahn ziemlich Wurst, ob ihre Kunden überhaupt geeignete Parkplätze nahe den Bahnhöfen und Haltepunkten vorfinden. Deshalb hat Bürgermeister Klaus Homann (CSU) schwer zu kämpfen. Es muss für die entfallenden 100 Pendlerparkplätze an der Heinrichstraße Ersatz finden. Dabei kann er gar nicht sicher sein, ob er dabei an anderer Stelle Grundstücke aus Bahneigentum erhält und zu welchen Konditionen. Derzeit zahlt die Marktgemeinde 2000 Euro Pacht fürs Parken auf bahneigenem Gelände.

Wie Homann in der Informationsveranstaltung der Bahn im Foyer der RegnitzArena berichtete, pendelt er derzeit zwischen München und Bayreuth, um Staatszuschüsse für den Bau von Parkplätzen in Bahnhofsnähe zu erbetteln. Allerdings kommt er dort nicht weiter, solange die Frage einer Verlegung des Haltepunkts südlich der Maximilianstraße offen ist. Beim Bau von Parkplätzen geht es um Zuschüsse zwischen 4000 und 10000 Euro pro Stellplatz, ob in ebenerdiger oder mehrgeschossiger Bauweise. Durchaus selbstkritisch stellte Homann fest, dass seit Beginn des Planungsverfahrens 26 Jahre vergangen sind, ohne dass Hirschaid Anträge zur Gestaltung der Bahnstation gestellt hat. Daran soll nun ein bürgerliches Forum tüfteln - unter Zeitdruck.

Ungeachtet dieser Initiative erläuterte Kerstin Koch, die Teamleiterin der DB-Projektplan für den Bauabschnitt 21, die Hirschaid betreffenden Pläne. Bis 2025 sollen die umfangreichen Baumaßnahmen abgeschlossen sein. Zur Erweiterung des Bahnkörpers von derzeit zwei auf vier Schienen muss unter anderem an sieben Brücken gebaut werden. So wird die erst wenige Jahre alte Brücke der Staatsstraße 2244 zwischen Hirschaid und Strullendorf durch einen Neubau ersetzt. Anders als etwa im Maintal wird der Bahnverkehr nicht unterbrochen. Koch informierte, dass gemäß den Brückenbaumaßnahmen ostseitig die zwei neuen Gleise verlegt werden. Dann wird der Verkehr über die neuen Gleise abgewickelt und die bisherige Bahntrasse kann den künftigen Anforderungen angepasst werden.

Zum Lärmschutz werden beiderseits je drei Meter hohe Wände errichtet, in der Mitte ist eine viermetrige Wand vorgesehen ("3-4-3-Lösung"). Im Bereich des Haltepunktes sollen links und rechts Lärmschutzwände mit vier Metern Höhe errichtet werden. Auf dem Papier sind auch schon die Wohnbereiche definiert, die voraussichtlich Anspruch auf passive Schallschutzmaßnahmen haben. Ob Schallschutzfenster, Lüfter oder Dachverstärkungen erforderlich sind, werde, so Koch, von Fall zu Fall entschieden. Stichjahr ist 1996 (Projektbeginn). Wer danach gebaut hat, wird für den Schallschutz keinen Zuschuss bekommen. In Zweifelsfällen werde der "Schallplaner" einbezogen.

Daneben kündigte die Bauleiterin ein umfassendes Beweissicherungsverfahren für Häuser und Straßen im Umgriff des Bauprojekts an. Bürgermeister Homann ergänzte, dass die Marktgemeinde ihrerseits eine Beweissicherung anstrebt, um die Lärmbelastung vor und nach dem Streckenausbau sowie den Zustand der kommunalen Liegenschaften zu dokumentieren.

Klarheit besteht seit Mittwoch auch, wie die vier Gleise künftig genutzt werden: Die beiden Außengleise werden von ICE und Regionalexpress befahren, die zwei inneren von S-Bahn und Güterzügen. Die Außenbahnsteige erhalten zum Schutz gegen den pfeilschnell durchrasenden ICE eine "Reisendensicherung", Sperrgitter in einer zum Beispiel auf der Strecke Hamburg-Berlin bewährten Ausführung.

Der Abend förderte einige Überraschungen zutage. So ist nun klar, dass der am INA-Gelände an der Bahnstrecke entlang führende Weg durch eine Neubaustrecke mit Schwarzdecke auf der anderen Seite ersetzt wird. Die Auflage, dass alle 500 Meter ein Rettungszugang zum Bahnkörper vorhanden sein muss, kann gleichwohl erfüllt werden. An der Brücke für den Griesweg muss das östliche Widerlager erneuert werden. Dabei entfällt der ebenerdige Fußweg. Fußgänger müssen künftig über die Brücke.

Ebenfalls auf der Ostseite wird die Bahnbrücke über die Maximilianstraße verbreitert. Die Bahnsteige werden vor der Brücke enden. Die Hoffnung, im Interesse der Realschüler einen Bahnsteig über die Brücke zu verlängern, scheitert an den Finanzen. Abschnittsleiter Alfons Plenter, machte klar: "Auf einem Erdkörper zu bauen ist billiger als in Brückenform."

Nach dem bisherigen Konzept ist der Neubau eines 3,50 Meter breiten und 2,50 Meter hohen Tunnels gleich neben dem Bahnhofsgebäude vorgesehen. Bürgermeister Homann hat es inzwischen aber schriftlich, dass die Bahn auf 4,50 Meter Breite eingeschwenkt ist. Behindertengerechte Rampen, Treppen und Aufzüge verbinden äußere Verkehrswege, Tunnel und Bahnsteige.

Auf glatte Ablehnung stießen die von der Bahn beabsichtigten Baustelleneinrichtungen direkt neben dem Hotel Göller sowie hinter der Realschule (deren Erweiterung 2018 ansteht). Hier fordert Bürgermeister Homann dringend neue Überlegungen zu weniger störenden Bauhöfen.

Ein stringentes Zeitmanagement erwartet Homann mit Blick auf die Brückenbaumaßnahmen in den Jahren 2020 bis 2022. Verkehrssperren hätten monatelange, weiträumige Umfahrungen zur Folge. Im Falle Maximilianstraße wären im Tagesschnitt 12000 Fahrzeuge betroffen. Kompliziert wird die Verkehrssituation in Hirschaid durch die anstehende Sanierung oder den Ersatzneubau der baufälligen Kanalbrücke.

Am Ende der über zweistündigen Veranstaltung stand die Einsicht: "Es kommen zehn harte Jahre auf Hirschaid zu!" Wenn es gelingen sollte, den Haltepunkt doch noch südlich der Maximilianstraße zu verlegen, kann"s auch noch ein wenig länger dauern. Wichtig erscheint allen Beteiligten, möglichst noch in diesem Jahr die Planfeststellung durch die Regierung von Oberfranken zu erhalten, um die öffentliche Anhörung einzuleiten und gegebenenfalls rechtliche Schritte zu ermöglichen. Hirschaid hofft, dabei von den Parlamentariern der Region kräftig unterstützt zu werden. Am Mittwochabend hatten die alle wohl Wichtigeres zu tun, als sich die Sorgen der Hirschaider anzuhören.