"Als die ersten eintrafen, wussten wir gar nicht, was da auf uns zukommt." Noch immer hat der Satz, den Michael Kalb (CSU) in der Sitzung des Jugendhilfeausschusses sagte, Gültigkeit. Denn keiner weiß, wie viele Minderjährige ohne Verwandte die Flucht nach Deutschland antreten.

Klar ist: Es werden viele sein. Die Prognose für Bayern wurde dieses Jahr bereits dreimal nach oben korrigiert, von zunächst 3000 über 10 000 auf mittlerweile 15 000. "Im Mai waren wir bereits bei 8200", sagt Christine Behringer-Zeis, Leiterin des Stadtjugendamtes. Die Zahlen, die in ihrer Power-Point-Präsentation aufploppen, zeigen: Es wird eng in den Unterkünften.

Sie rechnet die bayerischen Zahlen auf Bamberg um und kommt zu dem Ergebnis, dass sich die Stadt dieses Jahr auf etwa 94 zusätzliche unbegleitete minderjährige Flüchtlinge, auch "Umf" oder "Umfen" genannt, einstellen muss. "Wir müssen täglich damit rechnen, dass morgen ein Bus mit 30 jungen Menschen dasteht. Und noch mal und noch mal." Da es sich um Minderjährige handelt, müssen sie 24 Stunden am Tag betreut werden, Verköstigung, Sicherheitsdienst, Nachtbetreuung und eine rufbereite pädagogische Fachkraft organisiert werden.
Grundsätzlich muss die Kommune in Vorleistung gehen, kann sich dann Kosten erstatten lassen. Doch das dauert, und es ist kompliziert. So bringt Behringer-Zeis auf FT-Anfrage ein Beispiel:" Wir zahlen zwar den Sprachkurs für eine ganze Gruppe, müssen dann aber pro Kopf abrechnen - bei einem überörtlichen Kostenerstatter in Stuttgart oder Westfalen-Lippe."

Die Dokumentation in Bamberg müsse "tip top" laufen, denn "jeder Punkt, der vergessen wird, ist verloren. Und wir bewegen uns im Millionenbereich." Die Mitarbeiter im Stadtjugendamt seien an ihren Grenzen angekommen.

Zwei Vollzeitstellen wären nötig

Wie viel zusätzliches Personal denn nötig wäre, wollte Heinrich Schwimmbeck (BaLi) wissen. "Zwei Vollzeitstellen", war die Antwort der Jugendamtsleiterin. Die können allerdings nicht einfach neu geschaffen werden. Wo sollen die Neuankömmlinge überhaupt unterkommen? Denn, wie es Felix Holland (SPD) formulierte: "Hinter jeder Zahl steckt ein Schicksal und es ist unsere Aufgabe, die jungen Menschen aufzunehmen und zu betreuen."
Zuflucht finden sie in Wohngruppen oder auf Einzelplätzen verschiedener gemeinnütziger Organisationen und Vereine; das Don Bosco Jugendwerk, die Caritas Kinder- und Jugendhilfe - und neuerdings auch das Kolping Bildungswerk und der Awo Kreisverband Bamberg. Tobias Rausch von den Grünen erkundigte sich, ob es für die Träger schwer sei, geeignetes Personal zu finden. In eine ähnliche Richtung fragte Norbert Tscherner (BBB), indem er Lehrkräfte ins Spiel brachte, die derzeit nicht an Schulen beschäftigt sind.

Ja, die Träger hätten Personalprobleme, bestätigte Christine Behringer-Zeis. "Der Markt ist leergefegt, was auch mit dem Kita-Ausbau zusammenhängt." Sie erläuterte, dass Mitarbeiter als Mindestqualifikation eine Erzieherausbildung brauchen, eingesetzt werden aber auch Sozialpädagogen oder Psychologen. Allerdings: Die Qualifikation wirkt sich auch immer auf den Tagessatz aus.

Gesetzesänderungen in der Schwebe

Die Volkshochschule unterstütze die Suche nach geeignetem Personal und Lehrern. Hilfe kommt außerdem von den Bambergern selbst, die Jugendamts-leiterin nennt beispielsweise das Projekt "Integrationspaten" der Salesianer Don Bosco oder Schülerprojekte des Kaiser-Heinrich-Gymnasiums oder der Maria-Ward-Schule.
Für das Engagement aller Beteiligten fielen in der Sitzung gleich mehrmals Worte des Dankes. Sie erhalten umso mehr Gewicht, als Behringer-Zeis anmerkt: "Die meisten unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge kommen in Bayern an und werden hier untergebracht." Noch ist eine Gesetzesinitiative zu einer bundesweiten Verteilung nicht umgesetzt.

Ebenfalls noch nicht entschieden ist über die sogenannten Aufenthaltstitel: Minderjährige Flüchtlinge, die in Deutschland eine Ausbildung begonnen haben, sollen so lange bleiben dürfen, bis die Ausbildung abgeschlossen ist. Das sieht eine Gesetzesänderung vor. Momentan müssen sich die Jugendlichen jährlich den Aufenthalt verlängern lassen. Wird der Antrag abgelehnt, folgt die Ausreise.

"Wir haben aktuell den Fall eines Beikochs, der abgelehnt wurde. Jetzt wurde Klage gegen den Entscheid eingereicht, weil der Arbeitgeber händeringend nach Lehrlingen sucht", sagte Behringer-Zeis im Gespräch mit dem FT. Und dann gibt es ja noch die komplizierte Frage nach der Vormundschaft für die jungen Flüchtlinge. Aber das ist wieder eine andere, bürokratische Geschichte.


Zahlen zu unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen in Bamberg:

54 "Umfen" leben derzeit in Bamberg, darunter befinden sich auch ambulant betreute Jugendliche.

49 Plätze für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge gibt es aktuell in der Stadt Bamberg.

46 Plätze sollen noch im Sommer und Herbst dieses Jahres neu geschaffen werden.

53 Flüchtlinge wären trotz 46 neuer Plätze nach dem zu erwartenden Zustrom zusätzlich unterzubringen.