Sie ist es nicht gewohnt zu zögern. Schnelle Entscheidungen gehören bei Sonja Weigand zum Tagesgeschäft. "Kaufen wir die Melonen zu diesem Preis?" "Ja."
Der Handel mit Obst und Gemüse, den die Bambergerin im großen Stil betreibt, ist schnelllebig. Die Ware kommt und geht raus. "Wir sind keine Konservenfabrik. Wir handeln mit Frische", sagt sie. Für Weigand ist dieses Geschäftsleben Routine, sie ist quasi hineingewachsen. Seit dem Tod ihres Vaters im Jahr 2012 steht sie allein an der Spitze des Großhandelsunternehmens Denscheilmann + Wellein, ein Familienbetrieb, den ihr Großvater 1934 in Bamberg mitbegründete.
Anfang April kam im Leben von Sonja Weigand eine weitere Führungsaufgabe hinzu - diesmal unbezahlt, ein Ehrenamt: Präsidentin der Industrie- und Handelskammer für Oberfranken, verantwortlich für rund 47 000 Unternehmen im Regierungsbezirk. Ausgenommen ist der Raum Coburg. Dort gibt es historisch bedingt eine eigene IHK.


Die Altgedienten kniffen

Seit zehn Jahren engagiert sich die 56-Jährige in der Selbstverwaltung der oberfränkischen Wirtschaft, saß bisher im Bamberger IHK-Gremium wie zuvor der Vater. Bei der Kammerwahl erhielt sie in ihrer Wahlgruppe die meisten lokalen Stimmen, das Bamberger Gremium entschied sich hierauf für sie als Vorsitzende und zugleich als eine Bamberger Vertreterin in der Vollversammlung in Bayreuth. Dieses "Parlament" der oberfränkischen Wirtschaft suchte ebenfalls eine neue Führungsfigur, nachdem der Bamberger Unternehmer Heribert Trunk sich nicht mehr zur Wahl gestellt hatte. "Präsidentin - ich habe das überhaupt nicht in Erwägung gezogen", sagt Weigand rückblickend. Doch die bisherigen, wiedergewählten Gremiumsvorsitzenden aus Forchheim, Lichtenfels, Kronach, Kulmbach, Hof und Marktredwitz-Selb kniffen alle. Keiner wollte den Präsidenten machen. Also fühlte sich Weigand als Vertreterin des Gremiums mit den meisten Sitzen in der Pflicht. "Unsere Gesellschaft braucht Menschen, die Verantwortung übernehmen. Ich bin ein Mensch, der sich um Probleme kümmert."


"Gezielte Indiskretion"

Eines dieser Probleme sahen sie und die anderen sieben Präsidiumsmitglieder dann ziemlich schnell in der bisherigen IHK-Hauptgeschäftsführerin. Die Trennung von Christi Degen sorgte für Wirbel. Nach Ansicht der neuen Präsidentin handelte es sich um eine "gezielte Indiskretion". Erschwerend hinzu kam, dass keine konkreten Gründe für diesen schnellen Schritt genannt wurden, was selbst unter Mitgliedern der Vollversammlung für Diskussionen sorgte.


Reifekammern für Bananen

Weigand ließ und lässt sich dadurch aber nicht beirren. Auch nicht in ihrem Tempo. "Wenn feststeht, dass es zu dieser Trennung kommt, kann ich die Entscheidung auch jetzt treffen. In acht Wochen ändert sich nichts."
Ihren Bananen gönnt die Unternehmerin mehr Zeit zum Reifen als ihren Entscheidungen. Bis zu 23 000 Kartons mit dem gelben Obst lagern dazu pro Woche in EDV-gesteuerten Reifekammern von Denscheilmann + Wellein. Eine Ware von vielen. Das Sortiment von Obst, Gemüse und Blumen umfasst rund 7000 Artikel. Der Warenumschlag des international einkaufenden Familienunternehmens liegt bei rund 124 000 Tonnen pro Jahr. Kunden sind Wiederverkäufer und Wiederverarbeiter. Beliefert werden im Umkreis von rund 200 Kilometern Handelsketten, Discounter und Einzelhändler, aber auch Gastronomiebetriebe, Hotels und Krankenhäuser. "Mir liegt es aber auch daran, dass wir unsere kleinen Kunden hegen und pflegen. Drei Gurken, zwei Stück Kopfsalat und zwei Schälchen Himbeeren - auch so etwas liefern wir. Wir haben nicht vergessen, wo unsere Wurzeln liegen", sagt Weigand.


Nach dem Studium in die Bank

Anfangs, in den 1930er Jahren, wurde nur mit heimischem Bamberger Gemüse gehandelt. Erhard Denscheilmann und Georg Wellein nutzten die Bahn als Versandmittel, verschickten große Weidenkörbe nach Sachsen und Thüringen. Der Fuhrpark bestand aus einem Handwagen. Heute besitzt Weigand 45 Kühl-Lkw. Je nach Saison beschäftigt sie im Schnitt 250 Mitarbeiter, die meisten als Fahrer und im Lager.
Wenn es sein muss, packt die Chefin auch selbst mit an, vor allem, wenn sie durch die Firma geht und etwas sieht, das ihrer Meinung nach geändert werden müsste.
Unterstützung im Familienbetrieb erhält sie von Sohn und Tochter, die aber beide noch studieren. Sie selbst hat auch studiert, Betriebswirtschaftslehre in Nürnberg. Danach arbeitete die Diplom-Kauffrau in einer Bank, bevor sie 2004 als Geschäftsführerin in den elterlichen Betrieb eintrat. Ein Job, der zeitaufwändig ist. Unter der Woche ist Weigand von 6 bis 18 Uhr im Betrieb, sitzt nicht im Chefzimmer, sondern mittendrin unter den Mitarbeitern, dort, wo die Telefone heißlaufen. Auch am Wochenende ist sie da. "Ich kann nicht von meinen Mitarbeitern etwas verlangen, das ich selbst nicht mache." Die Kunden, zum Beispiel Gastronomen, verlangten viel Ware am Wochenende. Und auch am Montag müssten in den Läden die Regale voll sein.


Kein Halbtagsjob als Präsidentin

Ihr Vorgänger bezeichnete das Amt des IHK-Präsidenten als Halbtagsjob. "Das geht nicht. Dann ist es ja kein Ehrenamt mehr", sagt Weigand. Im Schnitt will sie einen Tag in der Woche für die Kammer zur Verfügung stehen.
Viel Zeit für Hobbys bleibt da nicht. Aber die 56-Jährige, die sich als "grundzufrieden" bezeichnet, hat keine großen Ansprüche an ihre Freizeitgestaltung. Die Familie steht an erster Stelle, Kochen ist eine Leidenschaft und die Bamberger Symphoniker hört sie sich gerne im Abo an.


Bisher nicht gern in den Medien

Weigand taucht am liebsten gar nicht in den Medien auf. Das unterscheidet sie von ihrem Amtsvorgänger. Inhaltlich sind dagegen bisher kaum Unterschiede zu Heribert Trunk zu erkennen: Fachkräftemangel, Digitalisierung, Jahrzehnt Oberfrankens, zufriedene Mitgliedsbetriebe - die Schlagworte sind dieselben wie bei Trunk.
Was die Perfektionistin Weigand hasst, ist Unzuverlässigkeit, wenn sich Leute nicht an Vereinbarungen halten. Die Präsidentin sagt allerdings auch über sich, dass sie nicht nachtragend sei. Eine gute Eigenschaft, um den holprigen Start mit Indiskretionen und Diskussionen in der Kammer schnell hinter sich zu lassen.