Mitte der Woche ließ die Deutsche Bahn mit einer Presseerklärung aufhorchen. Meterhohe Mauern in Bamberg seien vom Tisch, hieß es da vollmundig. Am Freitag zuvor hatte Klaus-Dieter Josel, der Konzernbevollmächtigte der Bahn, noch gezögert, als wir im Seminarraum des Tourismus-Zentrums die Frage stellten, ob Bamberg nun gewissermaßen aufatmen könne.

Doch Erklärungen und auch Pressemitteilungen sind interpretationsbedürftig bei einem taktischen Spiel, in dem sich Partner mit derart gegenläufigen Interessen gegenübersitzen: Die Stadt mit ihrem Wunsch, eine Bahntrasse zu finden, die, soweit möglich, nur geringe Eingriffe erfordert, eine Trasse, die den ICE-Halt sichert und den Anwohnern den lange ersehnten Lärmschutz bringt. Gegenüber die Bahn, die eine schnelle und kostengünstige Umsetzung ihrer Pläne will und Kosten von bis zu einer halben Milliarde Euro fürchtet, wenn ein Tunnel gebaut werden müsste. Wie ist der aktuelle Stand beim Tauziehen um das wichtigste Verkehrsprojekt der Stadt seit Jahrzehnten? Drei Karten und ein möglicher Joker sind derzeit noch im Spiel.

Variante 2 oder Kreuz-Bube
Auf den ersten Blick wirkt recht überzeugend, was jetzt in einer Machbarkeitstudie auf Herz und Nieren abgeklopft werden soll: der Ausbau im Bestand mit innovativem Lärmschutz. Dagegen kann niemand etwas haben. Doch wer genauer hinschaut, wie etwa die Bamberger Initiative "Bahnsinn" weiß: Der so genannte Werkzeugkasten der Bahn wird überschätzt. Kaum eine der im Gespräch befindlichen modernen Techniken lässt den Schall tatsächlich wie unter einer Käseglocke verschwinden. Und selbst, wenn es solch ein Zaubermittel gäbe, könnte es in Bamberg nicht zur Anwendung kommen, weil es noch nicht zugelassen ist oder weil die gesetzlichen Vorschriften fehlen. Zum Beispiel die niedrigen, gekrümmten Ein-Meter-Lärmwände. Ganz abgesehen, dass sie nur für maximal drei Gleise wirken, stehen sie bis zur Planfeststellung 2014 nicht zur Verfügung. Oder die viel geforderten leisen Bremsen für Güterzüge. In Deutschland fehlt eine gesetzliche Verpflichtung, die kreischenden Verzögerer auszuwechseln. So lange es das nicht gibt, quietschen die Züge bis zum St-Nimmerleinstag. Was folgt daraus für Bamberg? Die verbal bereits abgesägten Riesenmauern könnten in verkleinerter Form schneller wiederauferstehen als einigen lieb ist. Denn nur so lässt sich der gesetzlich vorgeschriebene Lärmschutz darstellen, es sei denn man greift zu mathematischen Tricks und rechnet ihn runter. Auch ohne scheint klar: Auch drei Meter hohe Mauern werden Bamberg teilen.

Variante 5 oder Herz-Dame
Der Liebling der Stadtverwaltung ist ohne Zweifel der Güterzugtunnel durch Bamberg, der beim Münchner Ring abtauchen und an der Kronacher Straße wieder auftauchen würde. "Der Lärm verschwindet unter der Erde", erläuterte dazu Baureferent Michael Ilk. Wenn es denn so wäre! Denn die Bahn sagt auch, dass ein Tunnel nicht automatisch bedeutet, dass keine Güterzüge mehr durch Bamberg rumpeln. Dabei dreht es nicht nur um die paar Waggons, die täglich im Bahnhof oder im Hafen entladen werden. Es geht um die Aufnahmefähigkeit des unterirdischen Doppelgleises und vor allem um die Anbindung nach Westen. Man muss wissen: Von rund 100 Güterzügen, die täglich durch Bamberg fahren, biegen viele ins Maintal ab oder kommen von da. Wieviele Züge die Prognosen 2025 erwarten, darüber schwieg sich die Bahn bisher aus. Steckt Kalkül dahinter? Sollte die in Auftrag gegebene Machbarkeitsstudie belegen, dass der Tunnel die Anbindung nach Westen oder die Kapazität für die zu erwartenden Güterzüge nicht leisten kannt, wird man die Kostenfrage eines Tunnels natürlich ganz anders bewerten. Vorsichtige Schätzungen gehen von 50 Millionen Euro pro km Tunnel aus.

Variante 3 oder Pik-As
Schon im vorletzten Treffen des Koordinierungskreises Bahnausbau zeichnete sich ab: Der Liebling der Bahn AG scheint die Ost-Umfahrung zu sein. Auch wenn offiziell noch keine Kosten genannt werden, hört man hinter vorgehaltener Hand den Grund für die Sympathiewerte: Der Neubau einer Trasse könnte schneller und vermutlich auch billiger zu verwirklichen sein als eine neue Gleisstrecke im Bestand. Oder ist das alles nur Taktik? Indem man die Folterinstrumente zeigt, soll der Widerstand der Bamberger gegen die Mauern vor der Kulisse des Welterbes geschwächt werden. Bisher ging das auf: Der politische Widerstand im Osten ist hoch. Anrainer und Naturschützer sind sich einig: Sie wollen keine Gleisstrecke quer durch das Hauptsmoor, die die Autobahn auf einem riesigen Brückenbauwerk überwindet. Immerhin: Die Ost-Umfahrung soll nun in einer Machbarkeitsstudie aufgehübscht werden. mit Tunneln und Tieferlegung.

Variante 4 - der Joker
Die alten Pläne von "Bahnsinn" wurden wegen des Einspruchs von Bosch verworfen. Vielleicht kann man die neue Idee, als Joker oder gar als As im Ärmel bezeichnen - die unterirdische Güterzug-Umfahrung mit Anbindung an das Gleis nördlich von Hallstadt. Die Idee scheint manchem Stadtbewohner charmant, weil sie den gleichen Effekt wie ein Güterzugtunnel in der Stadt hätte, aber vermutlich billiger ist. Doch sie hat einen großen Makel: "Der Auftrag des Bundes ist es, einen Hochgeschwindigkeitsstrecke von Erfurt nach Nürnberg zu bauen. Eine Güterzugumfahrung gibt das nicht her", sagt Claus Reinhardt von der Stadt.

Bahnsinn-Sprecher Robert Bartsch und seine Mitstreiter geben dennoch nicht auf: "Wenn sich eine Alternative als vernünftig erweist, dann sollte man das Betriebskonzept den Lösungen anpassen."