1,95583. Sabine Köppel kann den Umrechnungsfaktor noch heute wie aus der Pistole geschossen herunterrasseln. "Das wird mir ewig im Gedächtnis bleiben" , sagt die Bezirksvorsitzende des Handelsverbands Bayern.
"In den ersten Tagen und Wochen nach der Umstellung waren alle unsere Geschäfte mit Taschenrechnern ausgerüstet, die eine Umrechnungstaste hatten.

"Es ging überraschend reibungslos damals", blick sie zurück. Dass man vielleicht nicht genügend neues Wechselgeld zur Verfügung gehabt hätte, diese Befürchtung bewahrheitete sich nicht. "Die Leute waren sehr neugierig auf den Euro. Viele standen schon in der Neujahrsnacht am Geldautomaten und haben sich Scheine geholt."
Die D-Mark wurde entweder in Extra-Kassen eingelegt, "oder man nutzte geteilte Fächer für alle Münzen. Herausgegeben wurde nichts mehr in Mark oder Pfennig. Ziel war, die D-Mark abzuschöpfen."


Lohnt sich nicht für alle

"Das ist für kleinere Geschäfte ein ziemlicher Aufwand", antwortet Anne Rudel, die Vorsitzende des Einzelhandelsverbands Bamberg auf die Frage, warum in der Region nicht mehr "Wir-nehmen-Ihre-Mark"-Aktionen stattfinden.

Ganz andres sieht es bei einen großen Ladenkette wie C&A aus. Dort kann man immer noch mit der Mark bezahlen. Übrigens auch mit US-Dollar, Tschechischen Kronen und einigen anderen ausländischen Währungen.
Kein Mitarbeiter muss deshalb zum Taschenrechner greifen: Das Kassensystem rechnet mit der Mark wie mit den anderen Fremdwährungen.

Bei Karstadt gab es diese Möglichkeit zuletzt heuer Anfang September im Rahmen des 135-jährigen Bestehens. In nächster Zeit sei erstmal nichts geplant, lautete die Auskunft aus der Bamberger Filiale. "Das kommt wenn, dann aus der Zentrale."

Auch Kaufland hatte im Januar 2016 vier Wochen lang die Mark in den Blickpunkt gerückt. "Das war einmalig", heißt es dazu aus der Pressestelle des Unternehmens. Auch hier übernahm das Kassensystem die Umrechnung.


Ein Test am Wirtshaustisch

Doch wer hat denn heute überhaupt noch D-Mark zu Hause? Das erfährt man am besten im Wirtshaus. Als ob es vorher ausgerechnet gewesen wäre. War es nicht, Ehrenwort! 15 Euro und a weng sind zu bezahlen für Rehragout mit Klößen, ein Weihnachtsbier und einen großzügig eingeschenkten "Schnitt".

15 Münzen haben, von der Faust umschlossen, auf ihren Einsatz gewartet. Jetzt liegen sie auf dem Tisch. "Kann man bei Ihnen auch mit Mark bezahlen?". Die Frage ist nur rhetorisch - und Frau Ute, die das Essen serviert hat und jetzt kassiert, schüttelt erwartungsgemäß den Kopf. "Nein, nein, das geht nicht", sagt sie freundlich. Hat es denn in den letzten Jahren vielleicht mal jemand anderes ebenfalls versucht? "So weit ich weiß, nicht. Wir wären aber auch nicht verpflichtet, noch D-Mark anzunehmen."

Die alte deutsche Währung war vorher schon Thema an diesem Wirtshaustisch in der Brauerei Knoblach in Schammelsdorf. Denn wo könnte man besser mit Leuten ins Gespräch kommen als in einem fränkischen Gasthaus?


"Ich suche nie gezielt"

Zum Beispiel mit Franz auf der Heide aus Litzendorf, der schräg gegenübersitzt. Er erzählt, das er ab und an tatsächlich noch Markstücke in der Hand hat - immer dann, wenn er zufällig welche findet, zu Hause. "Die Statur verändert sich ja und die Sachen bleiben dann hängen im Schrank. In den vergangenen Jahren habe ich öfter mal in Hosentaschen oder Anzugjacken ein paar Mark gefunden. Oder es fällt plötzlich ein Schein aus einem Buch, das man lange nicht mehr gelesen hat. Ich suche nicht gezielt und es sind nie größere Beträge. Denn absichtlich deponiert habe und hatte ich nirgendwo was", sagt er.
"In den Euro-Anfangsjahren konnte man Mark ja noch in Bamberg umtauschen, in der Filiale der Landesbank am Schillerplatz. Jetzt gehe ich zu C&A und kaufe mir beispielsweise ein Hemd. Die Restbeträge begleicht man da einfach in Euro, das ist ganz praktisch."


Glücksbringer aus dem Geburtsjahrgang

Anders sieht es bei dem Ehepaar aus, das am Tischende sitzt. "Nein, finden würden wir gar nichts mehr", sagt die Frau. "Das liegt daran, dass unser Umzug ins neu gebaute Haus genau in die Zeit des Wechsels von Mark zu Euro fiel. Was also vielleicht noch in der alten Wohnung war, das hat man beim Ausräumen zusammengetragen und dann damit im Geschäft gezahlt. Nur ein Fünfmarkstück haben wir behalten, zur Erinnerung."

Etwas Ähnliches wird später auch Kellnerin Ute berichten. "Ich habe immer ein Markstück aus meinem Geburtsjahrgang im Geldbeutel. Als Glücksbringer. Mein Mann übrigens auch."

Es war keine schlechte Idee, die 15 Markstücke schon vor dem Zahlen aus ihrer zugeschweißten Plastiktüte zu holen. Sie waren sowas wie der Zündfunke für die Unterhaltung. Die beiden Männer, die am Tisch Platz nehmen, nachdem das Ehepaar aufgestanden ist, können zwar nicht von Mark-Aufhebe-Nostalgie-Aktionen berichten, aber einer von ihnen spricht das aus, was wahrscheinlich in diesem Moment alle denken, als eine der Münzen herunterfällt und ein heller, metallischer Ton erklingt. "Das hört sich noch wie echtes Geld an."


15 Mark sind 7,67 Euro

Warum gerade 15 Geldstücke? Weil es am letzten Dezembertag vor 15 Jahren hieß, von der D-Mark Abschied zu nehmen. Aber erstmal mussten sie beschafft werden. Ein Anruf bei der Sparkasse löste das Problem. Dort waren tatsächlich welche zu bekommen - doch nur aufgrund eines besonderen Umstands: In die Spendenboxen für die Aktion "Sternstunden", die in den Filialen stehen, werden nach wie vor auch D-Mark eingeworfen. 7,67 Euro abzählen, damit bei der Kasse die Kasse wieder stimmt und per Unterschrift quittieren, dass man die Münzen erhalten hat, war schnell erledigt.

Aus dem Vorhaben, zu 15 Münzen sich 15 kleine Geschichten erzählen zu lassen, wird nichts. Doch manchmal ist ein "Plan B" (hier: der mit dem Wirtshausbesuch) besser als die Ursprungsidee.


Drei Markstücke zur erinnerung

Bei der Suche nach Leuten, die mit der Frage "Adler oder Zahl?" noch was anfangen können, reichte es auch, ein Redaktionszimmer weiter zu gehen. "Ja, ich!" tönte es und über das Gesicht von Kollegin Anette Schreiber huscht ein fast verklärtes Lächeln. "Ich habe drei Markstücke aufgehoben, die für mich eine ganz besondere Bedeutung besitzen. Es war Wechselgeld für zwei Museums-Eintrittskarten. Zusammen mit den Abrissabschnitten liegen sie in einem durchsichtigen Schmuckkästchen und sind für mich wertvoller als jedes Geschmeide. Weil sie Erinnerungsstücke sind an jemanden, für den ich 1983 total geschwärmt habe.

Preise rechne immer noch in Mark um, wenn ich wissen will, was eine Sache tatsächlich wert ist. Es ist das Geld, mit dem ich groß geworden bin. Da braucht mir jemand auch nicht mit Teuerungsrate und so zu kommen. Wenn ich daran denke, dass ich zum Beispiel für zwei kleine Gebäckstücke insgesamt sieben Mark hinlegen würde - das ist schon irre."


Der Zwanziger war ideal

Keine Mark-Vorräte hat Friedwald Schedel, Kollege aus der Kronacher FT-Redaktion, mehr daheim. Und es wäre so wichtig gewesen! Zur Illustration dieser Geschichte hätte eigentlich ein aus einem Zehn-Mark-Schein gefaltetes kurzärmeliges Hemdchen dienen sollen. So eines, wie das, das über 20 Jahre lang im Mäppchen für den Blutspenderausweis schlummerte und 2015 unvorsichtigerweise in ein T-Shirt investiert wurde. Pech. Ersatz ist nicht mehr zu bekommen, fürs Foto.

Der Kollege faltet zwar noch, aber eben mit Euro. Dafür verrät er, was früher sein liebstes Arbeitsmaterial war: der (neuere) Zwanziger, der vorn das Porträt der Dichterin Annette von Droste-Hülshoff zeigte und hinten eine Feder, die bei geschicktem Hemd-Falten zum Schlips wurde.