Als Patenklasse für ein Theaterstück darf man nicht nur exklusiv eine Theaterprobe miterleben, sondern kann sich auch die Generalprobe ansehen. Daneben bekommt man Besuch im Klassenzimmer. So stellte stellte sich der Dramaturg des E.T.A.-Hoffmann-Theaters, Tristan Benzmüller, in einer Deutschstunde unseren Fragen.

Herr Benzmüller, wir wissen alle ungefähr, was ein Schauspieler macht, was aber macht ein Dramaturg?
Tristan Benzmüller:
Er ist beteiligt an der Auswahl der Theaterstücke und dem Programm, leistet Vermittlungsarbeit zwischen dem Theater und der Öffentlichkeit. So schreibt er beispielsweise Texte für die Theaterzeitung, gestaltet und bearbeitet Plakate und Leporellos (Anmerkung: das ist eine Art Flyer). Er leistet auch Vermittlungsarbeit zwischen dem Text und dem Publikum, etwa durch Stückeinführungen. So muss er sich zum Beispiel in neue Themenbereiche einarbeiten und schwierige Themen aufschlüsseln. Meist arbeitet er an ein bis zwei Stücken, er erstellt gemeinsam mit dem Regisseur die sogenannte "Strichfassung" des Stückes, also den Text, den die Schauspieler dann tatsächlich sprechen werden.
Er arbeitet sich für oder mit Regisseur und Schauspielern in Themen ein, die in Stücken verhandelt werden, er besorgt und recherchiert Materialien und Informationen. Während der Probenzeit ist er schließlich erster Kritiker mit dem frischen Blick auf das Stück.

Das sind ja eine ganze Menge Aufgaben. Wie kann man denn Dramaturg werden?
Nun ich habe Theaterwissenschaft, Musikwissenschaft und Philosophie studiert. Anschließend habe ich einige Zeit als Regieassistent an Theatern gearbeitet. Das ist eigentlich ein recht gängiger Weg.

Was ist Ihre Lieblingsaufgabe?
Das Programmheft zu gestalten - Fotos auswählen, Texte schreiben, Texte aussuchen, die das Publikum informieren und interessieren.

Wird Ihre Arbeit auch genügend gewürdigt?
Der Dramaturg ist ein Zwischenberuf, da Theaterarbeit ein arbeitsteiliger Prozess ist. Im Rampenlicht stehen eher andere, zum Beispiel die Schauspieler.

Was passiert, wenn der Dramaturg am Ende der Proben noch einmal "drüberschaut", ob alles in Ordnung ist und feststellt, dass er gerne etwas ändern würde?
Das ist nicht immer einfach, insbesondere, wenn er mit erfahrenen Regisseuren zusammenarbeitet. Dann hat er keinen einfachen Stand.

Welche Stücke haben Sie als Dramaturg bisher betreut?
"Frau Müller muss weg", "Das letzte Band", "Edith Piaf", "Tschick", "Schuld und Schein" und noch ein paar andere.

Wie haben Sie von dem Beruf erfahren?
Während des Studiums, durch Praktikum und Hospitanz am Theater.

Was unterscheidet Ihren Beruf von dem des Regisseurs?
Der Regisseur arbeitet sehr eng und intensiv mit den Schauspielern, leitet die Proben, gibt ihnen genaue Anweisungen. Das muss einem schon liegen.

Sind Sie fest angestellt am E.T.A-Hoffmann-Theater?
Ja, allerdings mit einem Zeitvertrag, das ist so üblich in dem Bereich.

Verdienen Sie als Dramaturg gut?

Nun ja, wer reich werden will, der sollte nicht zum Theater gehen. Eine gute Portion Idealismus ist dafür schon nötig.

Machen Sie das also aus Leidenschaft?
Ja, im Moment schon.

Wer trägt denn die Hauptverantwortung für ein Stück?

Die trägt der Regisseur.

Was macht dann noch der Intendant?
Der Intendant, also der Chef eines Theaters, macht die Spielplangestaltung, trifft Entscheidungen über das Personal - insbesondere darüber, welche Künstler engagiert werden- und trägt die Verantwortung für das gesamte künstlerische Programm und die Ästhetik des Hauses.

Hat man als Dramaturg feste Arbeitszeiten?
Man sollte sich an bestimmte Bürozeiten halten, weil vieles mit Kollegen abgesprochen werden muss. Ansonsten ist man freier in der Zeiteinteilung als Regisseure, Regieassistenten, Schauspieler oder Souffleusen, da man nicht regelmäßig zu Proben gehen muss. Allerdings hat oft das Buch, das auf dem Nachttisch liegt, auch noch etwas mit der Arbeit zu tun.

Eine Frage zur Probe von "Tschick". Warum gibt es eine Rampe als Bühnenbild?

"Tschick" ist in gewisser Weise ja eine Art Roadmovie, eine Erzählung von Reise und Fortbewegung. Die Rampe ist gewissermaßen der Versuch, diese Bewegungsenergie einzufangen und umzusetzen, das habt ihr ja vielleicht gemerkt, als ihr in der Probenpause auf der Rampe gerutscht seid. Diese Energie passt gut zum Inhalt des Stücks.

Meine Lieblingsszene in "Tschick" ist die mit dem Kürbis. Ist die denn in der Inszenierung drin?
Nein, da muss ich dich enttäuschen. Die Szene mit der Familie Friedemann war dem Regisseur zu zeigefingerhaft. Diese heile Familienwelt ist ja das, was Tschick und Maik nicht haben ...
Das Problem bei "Tschick" ist auch - wir haben nur drei Schauspieler. Diese drei sollen möglichst viel Identifikationspotential bieten, jede neue Figur, die die Schauspieler noch spielen würden, untergräbt dieses Ziel. Wenn zum Beispiel der Schauspieler von Tschick auch noch Maiks Vater spielen müsste, ist die Figur des Tschick, die viel wichtiger für junge Zuschauer ist, weniger präsent. Darum geht es für die Schauspieler nicht darum, alle Figuren des Stücks perfekt zu verkörpern, sondern zu zeigen, wie drei junge Menschen spielerisch die Aufgabe lösen, ihre Geschichte zu erzählen.

Wer schlägt öfter vor, Szenen zu streichen, der Regisseur oder der Dramaturg?

Hier war es der Regisseur, allgemein ist es auch der Dramaturg.

Bezieht man die Schauspieler bei der Wahl der Rollen mit ein?
Besser nicht, das gäbe wohl sehr viel Streit um die Hauptrollen. Aber man versucht, jedem Schauspieler einmal in der Saison eine gute Rolle zu vermitteln.

Wie werden denn die Schauspieler ausgewählt, bzw. gecastet?

Sie werden entweder nach Typ besetzt oder auch mal gegen den Typ besetzt. Bei Tschick haben wir eindeutig nach Typ besetzt. So ist zum Beispiel das Tattoo des Schauspielers, der den Tschick spielt, echt.

Haben Sie bei Ihrer Arbeit in Bamberg Unterschiede zu anderen Theatern festgestellt?
Ja, zum Beispiel bei der Art, wie Theater werben. Hier in Bamberg gibt es eine monatliche Theaterzeitung als Beilage in der Tageszeitung. Bei meinem nächsten Theater, Badische Landesbühne in Bruchsal, gibt es das nicht.

Warum hat das Plakat zu "Tschick" einen goldenen Kreis in der Mitte?
Alle Plakate der Neuinszenierungen des E.T.A-Hoffmann-Theaters in dieser Spielzeit haben als sich wiederholendes Element einen goldenen Kreis. Dazu noch einheitliche Schrifttypen für Titel und Autor. Das Ganze dient dem Zweck des Wiedererkennungswerts und bewirkt eine corporate identity. Für "Tschick" haben wir uns für einen Lada sowie für den Swimmingpool als Motive entschieden. Als belebendes Element zieren einige Schweine den Rand des Kreises.

Meinen Sie, dass das Plakat altersgemäß ist, also dass es Jugendliche anspricht?
Bei dieser eher abstrakten Gestaltung ist das wohl nicht immer einfach. Allerdings sind bis auf ein, zwei Ausnahmen im Jahr alle Stücke für erwachsenes Publikum ausgewählt, sodass hier bei der Gestaltung auch auf diese geachtet wird.

Das Interview führte die Klasse 9e des Franz-Ludwig-Gymnasiums Bamberg.