Der Kriminalhauptkommissar zählt auf: Abtropfspuren, Abrinnspuren, Wischspuren, Abspritzspuren, ausgeprägte Sammelspuren - polizeiliche Fachbegriffe, die detailliert beschreiben, was auf den Tatortfotos zu sehen ist: Blut. Viel Blut. Auf dem Boden, an der Wand, am Türrahmen, auf dem Briefkastendeckel.

Als die Zweite Strafkammer am Bamberger Landgericht sich die Fotos vom Polizisten erläutern lässt, müssen einige Zuhörer nach unten blicken. Schnäuzen, seufzen, und dann steht sie auf und verlässt den Saal: Die Ehefrau von Michael G., auf den am 26. Juni 2015 in der Passage eines Schuhhauses in der Langen Straße in Bamberg eingestochen wurde. Zwei Tage später starb der 35-jährige an seinen Verletzungen.

Insgesamt waren es "fünf Schnitt- und Stichverletzungen im Rumpf", von denen Thomas Tatschner, der sachverständige Facharzt für Rechtsmedizin aus Würzburg, in seinem Gutachten sprach. Ausgeführt haben soll die Messerstiche nach Ansicht der Staatsanwaltschaft Alexander L. (36), nachdem Streitereien mit dem späteren Opfer vorausgegangen waren. Die Anklageseite wirft dem Sohn des damaligen Inhabers des Schuhgeschäftes Mord vor, die Verteidigung spricht von einer Notwehr-Situation.


Fünf Stichverletzungen

Rechtsmediziner Tatschner erläuterte in seinem Gutachten sachlich die Fakten: drei Verletzungen am Bauch mit einer Länger von zwei bis zwölf Zentimetern, eine an der Rückseite der linken Schulter, Länge neun Zentimeter. Letztere "eine horizontal verlaufende Schnittverletzung", einen Zentimeter tief, sagte der Sachverständige. "Bei den Bauchverletzungen wurde nicht mit voller Wucht zugestoßen." Sie seien rund 4,5 Zentimeter tief, die Klinge des Messers "hätte noch weiter eindringen können". So wie beim Herz.

Diese "spitze Herzverletzung" sei die relevante in Hinblick auf den Tod. Zwei Rippen wurden durchtrennt, der linke Lungenlappen angeschnitten - "keine reine Stichverletzung", konkretisiert der Gutachter, hinzu käme eine "schneidende Komponente". Und: "Die Klinge muss in ganzer Länge im Körper drin gesteckt haben. Das braucht schon eine massive, wuchtige Messerführung."

Die Herzstichverletzung habe schließlich zu Sauerstoffmangel im Gehirn geführt, Todesursache sei Multiorganversagen. "Die Kausalität ,Stichverletzung Herz und Tod des Herrn G.' ist gegeben. Ohne diese Verletzung wäre es kein lebensbedrohlicher Zustand gewesen", sagte Tatschner. Er fand am linken Zeigefinger des Opfers noch zwei Abwehrverletzungen gegen die "messerführende Hand".

Beim Angeklagten selbst, den der Fachmann ebenfalls untersucht hatte, stellte er Hautrötungen, Abschürfungen an Unterarm und Ellenbogen sowie an den Knien fest. Apropos feststellen: Der Sachverständige Bernward Babel hatte in seinem toxikologischen Gutachten Blut- und Urinproben des Angeklagten positiv auf Amphetamine und Metamphetamine getestet.

Doch wenn es nach dessen Verteidiger Klaus Bernsmann geht, werden die Aussagen aller bisher gehörten Sachverständigen und Zeugen neu zu bewerten sein. Denn Bernsmann beantragte die Aussetzung der Hauptverhandlung. Das würde bedeuten, dass der Prozess platzt und neu aufgerollt werden muss.

Die Begründung: Die Kommunikation von Michael G. über das Nachrichtenprogramm "Whatsapp" belege, dass dieser nicht bereit gewesen sei, der Auseinandersetzung mit L. aus dem Weg zu gehen. Vielmehr habe es "Entschlossenheit gegeben, körperlich zu reagieren". Da diese Kommunikation erst jetzt vorliege, müsse sich die Verteidigung möglicherweise neu orientieren. Dem hielt Staatsanwalt Otto Heyder entgegen: "Das bestätigt mich in meiner Einschätzung: Es kommt der Verteidigung ausschließlich darauf an, das Verfahren zu torpedieren. Wir haben neun Verhandlungstage, an denen der gesamte Schriftverkehr aufgeklärt werden kann." Heyder kündigte an, sich noch ausführlich dazu zu äußern.

Auf einen weiteren Antrag von Bernsmann gab es noch keine Reaktion: Er forderte, die Einträge von Michael G. aus dem Bundeszentralregister vorzulesen. Der Prozess wird am kommenden Dienstag fortgesetzt.