Woher der Sturm im Wasserglas plötzlich kommt, fragt sich nicht nur Hirschaids Bürgermeister Klaus Homann (CSU): Bei Bürgerversammlungen und mithilfe einer Unterschriftenliste wird seit einigen Monaten Druck auf die Kommunalpolitik gemacht, endlich das Problem des bis zu 30 Grad äußerst harten und in seinem Härtegrad häufig auch noch schwankenden Leitungswassers zu lösen.

Dabei behauptet Homann, sich schon bald nach seinem Amtsantritt 2014 der Sache angenommen zu haben, die der frühere Bürgermeister Andreas Schlund den Seigendorfern beim Ortsjubiläum 2009 als Geschenk versprach. Daran erinnert sich der in dem Ortsteil wohnhafte CSU-Fraktionssprecher Heinrich Dorn. Aber nun tut sich was: Ende 2017 sollten die Seigendorfer endlich weniger hartes Leitungswasser zapfen können und dies in konstanter Qualität, erfuhr der FT von Diplom-Ingenieur Winrich Bussinger. Sein Planungsbüro Höhnen & Partner hat das Konzept entwickelt, nachdem mit einem Aufwand von über einer Million Euro den Seigendorfern geholfen werden kann.


Drei Brunnen vim Austausch

Seit den 1950er Jahren wird der alte Ortskern von Seigendorf, das Unterdorf, mithilfe einer Druckleitung aus dem Brunnen 1 an der Straße nach Ketschendorf mit extrem weichem Wasser versorgt. Es weist zeitweise unter ein Grad deutscher Härte auf. In den 1990er Jahren wurden zur Sicherstellung der Versorgung in dem stark gewachsenen Ortsteil zwei weitere Brunnen an der Autobahn gebohrt und an den Hochbehälter angeschlossen. Dorthin gelangt bei geringem Verbrauch im Unterdorf auch überschüssiges - weiches - Wasser des Brunnens 1. Die Brunnen 2 und 3 liefern 30 Grad hartes Wasser - kein Wunder bei der Nähe zu den kalkhaltigen Bergen der Fränkischen Schweiz. Das Mischwasser aus dem Hochbehälter kommt dann mit etwa 27 Grad dH beim Verbraucher an - durchschnittlich. Der Wert sinkt dann, wenn der Anteil des Wassers aus Brunnen 1 steigt, erheblich, bis hinab zu zehn Grad dH. Schlimmer noch: Es gibt zwischen Unter- und Oberdorf eine Mischwasserzone, in der der Härtegrad stündlich schwanken kann. Und damit sind die Probleme benannt, mit denen sich die Seigendorfer seit Jahrzehnten ärgern und plagen.

SPD-Gemeinderat Horst Auer ist einer der Betroffenen im Siedlungsgebiet. "Meine Frau zieht immer Gummihandschuhe an, wenn sie mit dem Leitungswasser hantiert; andernfalls nimmt ihre Haut Schaden", weiß er zu berichten. Alle drei bis vier Wochen müssten die Armaturen der Dusche und Waschbecken entkalkt werden. Wer in Seigendorf keine zentrale Entkalkungsanlage habe, müsse damit rechnen, zwei- oder dreimal im Jahr die Armaturen der Wasserversorgung komplett auszutauschen. Auer musste schon nach zwölf Jahren die vollständig verkalkte Warmwasserleitung seines Hauses ersetzen.

Nicht jeder will sich eine kostspielige Entkalkungsanlage zulegen, deren Wirkungsgrad bei immer wieder schwankendem Härtegrad des Leitungswassers kaum sinnvoll zu regulieren ist. In dieser Gemengelage dauert es auch dem Gemeinderat Auer etwas lange, bis das Problem gelöst wird. Immerhin hat er durch seine Zustimmung im Marktgemeinderat daran mitgewirkt, dass endlich die Erfolg versprechenden Maßnahmen in Angriff genommen werden.


"Die Trasse steht"

Zuletzt traten noch einige Seigendorfer Grundbesitzer auf die Bremse: Nicht jeder war bereit, Land abzugeben oder eine Grunddienstbarkeit zu dulden für eine rund 1000 Meter lange Wasserleitung vom neuen Brunnen 4 zur Aufbereitungsanlage. Aber nun vermeldet Bürgermeister Homann Erfolg im Grundstücksbereich. "Die Trasse steht", freut sich der planende Ingenieur.

Ein bisschen schleppend verläuft daneben das wasserrechtliche Genehmigungsverfahren, doch werden hier keine Einschränkungen erwartet. Unter diesen Voraussetzungen wird nach den Bussinger-Plänen zunächst in der Nähe des alten Brunnens 1 der neue Brunnen 4 in Betrieb genommen. Er wird durch eine separate Leitung mit der Aufbereitungsanlage verbunden, die erweitert werden soll. Hier wird das künftig aus 95 Meter Tiefe aus dem Rhätolias geförderte, sehr weiche und tausende Jahre alte Wasser mit dem Wasser aus den Brunnen 2 und 3 vermischt.
Das künftige Leitungswassers wird nach derzeitigen Berechnungen 19 Grad dH aufweisen und das ziemlich gleichbleibend. Darauf basierend können die häuslichen Entkalkungsanlagen eingestellt werden, um zuverlässig zu arbeiten. Nach Schließung des Brunnens 1, der nur rund 1,3 Sekundenliter fördert und eine Sanierung nicht lohnt, werde man den Brunnen 4 voll beaufschlagen können, so dass eine Leistung von 3 bis 3,5 sec/l zu erreichen sei, streut Ingenieur Bussinger Zuversicht. Wie bisher müssten Eisen und Mangan ausgefällt werden; im Übrigen werde das Seigendorfer Wasser auch in Zukunft von einwandfreier Qualität sein.

Nach der Erweiterung des Hochbehälters von 125 auf 450 Kubikmeter werde auch immer genug Wasser für Seigendorf zur Verfügung stehen, versichert der Planer. Das beruhig auch Bürgermeister Homann, der im trockenen Sommer vorigen Jahres kurz davor stand, wegen drohenden Wassermangels den Verbrauch in Seigendorf einzuschränken. In diesem Jahr herrschte noch kein Engpass.

Während die Wasserversorgung schon Ende 2017 deutlich verbessert sein wird, kann das Jahr 2018 ins Land gezogen sein, bis die letzten baulichen und technischen Anlagen fertiggestellt sein werden. Dann allerdings beginnt noch eine interessante Phase: die Kostenumlegung. Bürgermeister Homann schwebt vor, den finanziellen Aufwand zu 50 Prozent durch eine Umlage auf die erschlossenen Grundstücke im Versorgungsgebiet der Gesamtgemeinde umzulegen. Die andere Hälfte soll durch Erhöhung der Wasserverbrauchsgebühr von allen Hirschaider Haushalten finanziert werden. Die Entscheidung trifft der Marktgemeinderat, wenn alle Rechnungen vorliegen.

Und am Schluss kann noch mal ein Sturm im Wasserglas ausbrechen. Dann nämlich, wenn die an vollständig weiches Wasser gewöhnten Bewohner von Alt-Seigendorf 19 Grad hartes Mischwasser aus der Leitung bekommen und sie für diese "Verschlechterung" auch noch zur Kasse gebeten werden. Die am Ort wohnenden Gemeinderäte Dorn und Auer ahnen schon, was da auf sie zukommt. Vielleicht sollte man sich auch wirklich mal Gedanken über den Anschluss an die Fernwasserleitung machen, sinniert Auer - übrigens auch mit Blick auf den von der Feuerwehr geforderten Wasserdruck.