Die Ereignisse in Würzburg schienen weit weg an diesem Tag im Grünen Saal der Harmonie in Bamberg - und auch wieder nicht. Es ging im Jugendhilfeausschuss um die Situation von derzeit 96 sogenannten unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen in Bamberg. Die meisten von ihnen stammen wie der Würzburger Attentäter aus Afghanistan oder aus Syrien. Ihre Zahl ist in den letzten Monaten etwas gesunken. Und dennoch steht das Jugendamt der Stadt vor immer neuen Herausforderungen.


Männer nicht als Vormund

Zum Beispiel Kinderehen: Auch in Bamberg gibt es derzeit vier minderjährige verheiratete Frauen, drei aus Syrien, eine aus Somalia. Über ein Verbot dieser meist unter dem islamischen Scharia-Recht geschlossenen Ehen wird in der Politik laut nachgedacht, auch deshalb weil das Oberlandesgericht in Bamberg bei einem 15-jährigen Mädchen die Rechtsgültigkeit der Ehe bestätigt hatte.
Für das Bamberger Jugendamt ist es entscheidend, dass etwa bei Fragen der Unterbringung jeder Fall mit Blick auf das Wohl der jungen Frau sorgfältig abgewogen wird. Selbstverständlich werde nicht der meist deutlich ältere Mann zum Vormund der minderjährigen Frau bestellt, heißt es auf Nachfrage.

Die Flüchtlingszahlen sind zuletzt stark gesunken. Dennoch geht vor allem jenen Rathausmitarbeitern die Arbeit nicht aus, die sich um die unbegleiteten Flüchtlinge kümmern. Dafür sorgt neuerdings auch die nur noch schwach belegte Bamberger Are, die mittlerweile Aufnahmeeinrichtung Oberfranken heißt. Wie Christine Behringer-Zeis berichtete, kam es in den vergangenen Monaten mehrfach vor, dass Eltern in der Großunterkunft in Abschiebehaft genommen wurden und ihre Kinder plötzlich allein da standen. Immer wieder musste die Behörde auch tätig werden, weil die Erziehungsberechtigten aus dem Balkanzentrum verschwanden und ihre minderjährigen Kinder alleine in Bamberg zurückließen.

Auch in einem solchen Fall ist das Jugendamt nach dem Sozialgesetzbuch 8 zu einer Inobhutnahme verpflichtet. Diese Fürsorgepflicht soll das Kindeswohl sichern und ist verbunden mit einer Aufnahme der Minderjährigen in eine stationäre Einrichtung, die bekanntlich hohe Kosten verursacht. Trotz einer Quotenüberschreitung versucht man in Bamberg, die Infrastruktur der Betreuungseinrichtungen aufrecht zu erhalten, um für ein Wiederaufflammen der Flüchtlingskrise gewappnet zu sein.
Das Attentat in Würzburg betrifft die Zuständigen im Jugendamt in doppelter Weise. Einerseits sei zu befürchten, dass viele junge Flüchtlinge unter Generalverdacht gestellt werden und sich weiter zurückziehen.


Probleme mit dem Rollenbild

Gleichzeitig fühlt sich Amtsleiterin Christine Behringer-Zeis auf traurige Weise darin bestätigt, dass die Betreuung von schwer traumatisierten Jugendlichen im Einzelfall auch auf unüberwindbare Hürden stoßen kann. Würzburg sei in gewisser Weise absehbar gewesen und es werde nicht der letzte Fall sein. "Immer wieder sind wir auch mit Jugendlichen und jungen Heranwachsenden konfrontiert, die die Regeln und Strukturen der Jugendhilfe nicht akzeptieren, etwa auch das Rollenbild der Frau. Sie fallen durch Gewaltbereitschaft oder absolute Verweigerung auf und müssen wegen Untragbarkeit aus der stationären Jugendhilfe entlassen werden", sagt sie.

Seit März steigen auch die Ermittlungen, die die Staatsanwaltschaft gegen Jugendliche der Are anstrengt. Es geht überwiegend um Eigentumsdelikte. Aber auch Körperverletzungen und Beleidigungen untereinander und gegen das Personal sind zu beklagen. Zu schaffen machen den Sozialpädagogen im Rathaus auch jene Fälle, in denen sich Hoffnungen zerschlagen: Wenn sich die Jugendlichen hervorragend integrieren, eine Ausbildung machen und trotzdem ausreisen sollen. Einem jungen Albaner droht aktuell genau das. "Das tut weh" sagt Behringer-Zeis.

Bei allen noch offenen Fragen zeigen die Ereignisse in Würzburg, wie schwer die radikale Tat eines Einzelnen zu verhindern ist. Schon die Sprachbarriere macht es den Betreuern unmöglich, von außen zu erkennen, wenn sich ein Mensch zurückzieht. Man kann aber lernen, Signale besser zu deuten. Amtsleiterin Behringer-Zeis spricht davon, dass es wichtig ist, für die Beurteilung von Menschen aus weit entfernten Krisenregionen zusätzliche interkulturelle Kompetenzen zu entwickeln - durch Fortbildungen und durch ständige Lernbereitschaft. Wenig hält sie von einer Pädagogik, die in haltlose Illusionen verfällt und die Betroffenen durch übertriebene Liberalität überfordert: "Die jungen Menschen haben eine völlig andere soziale Prägung erfahren als vergleichbare Jugendliche in Deutschland. Die Jungs brauchen Verständnis und Sicherheit, aber auch Orientierung."


Lange: Der Aufwand steigt

Die Stadträte nahmen den Bericht aus dem Jugendamt zur Kenntnis. "Das Thema hat an Dramatik gewonnen. Der Aufwand ist nicht weniger geworden, sondern mehr", sagte Bürgermeister Christian Lange (CSU) mit Blick auf den Arbeitsanfall im Jugendamt.

Kritik kam von Michael Kalb (CSU) an der wenig am gesellschaftlichen Nutzen ausgerichteten Abschiebepraxis. Wenn Leute, in die viel Geld in einer Ausbildung investiert worden sei, ausreisen müssten, dann sei der volkswirtschaftliche Schaden groß. "Wir brauchen die Menschen im Handwerk."