Schritt, Atemwolke, Schritt. Eine Szene wie auf einem Eisplaneten. Bevor mein Gehirn einfriert, höre ich Worte über Sprechfunk: "Und jetzt in die Kammer mit minus 110 Grad!"...

Dagmar Elisabeth Meyer aus dem oberfränkischen Stegaurach hat mir ein wahrlich cooles Erlebnis beschert. Nachdem sie im "Fränkischen Sonntag" eine Reportage über die Biobank Würzburg gelesen hatte, meldete sie sich in der Redaktion: "Minus 80 Grad - das ist nicht der kälteste Ort in Franken! Bei der Ganzkörper-Kältetherapie ist man einer Temperatur von minus 110 Grad Celsius ausgesetzt." Ganzkörper-Kältetherapie? Mit dem Begriff kann ich zunächst wenig anfangen. Ich frage nach. Am Ende lädt Dagmar Meyer mich ein, sie in die Eistruhe zu begleiten.

Zweimal pro Jahr reist die an Multipler Sklerose erkrankte Juristin, Jahrgang 1971, ins Fichtelgebirge. Mindestens eine Woche lang bleibt sie im Kurzentrum Weißenstadt am See und verbringt dreimal täglich je drei Minuten bei minus 110 Grad Celsius. "Das tut mir sehr gut. Nach der Therapiewoche bin ich viel fitter und aktiver, konzentrations- und leistungsfähiger." Etwa vier Monate halte das Wohlgefühl an. "Dann kommt die 'Fatigue' zurück, die typische Erschöpfung, die viele MS-Patienten quält. Ich weiß dann: Es ist Zeit, wieder in die Kältekammer zu gehen. Mittlerweile ist es mein siebter Besuch in Weißenstadt."

Morgens, mittags und abends schlüpft Dagmar Meyer in ihren Badeanzug, zieht Handschuhe, dicke Socken, Mütze und feste Schuhe an. "Empfindliche Körperteile sind so vor Erfrierungen geschützt." Sie betritt den Vorraum des Kältekammer-Systems, auch Cryo-Therapie genannt. Dort überwacht Christoph Höppler, Masseur und medizinischer Bademeister, die Monitore und betreut die Patienten. Neben Meyer begrüßt er diesmal auch die an Rheuma leidende Katharina Thieck aus Köln und mich, die neugierige Redakteurin aus Unterfranken. "Sie sind ein bisschen aufgeregt, stimmt's?", fragt er, nachdem er Puls und Blutdruck gemessen hat. Ich versuche ein lässiges Grinsen. Er meint nur: "Ist verständlich. Aber keine Angst: Ich werde über Sprechfunk die ganze Zeit mit Ihnen verbunden sein."

Das Kältekammer-System ist dreigeteilt, erklärt Christoph Höppler, während er jedem von uns einen Mundschutz überreicht. Bei minus zehn Grad verweilt man nicht lange, sondern geht weiter in die zweite Kammer, um sich bei minus 60 Grad eine knappe Minute lang zu akklimatisieren, ehe man sich in der dritten Kammer bei minus 110 Grad Celsius für maximal drei Minuten dem richtig großen Kältereiz aussetzt. "Bereit?" Katharina Thieck, Dagmar Meyer und ich schauen einander an. Witzig sehen wir aus in unseren Badeanzügen, aber mit vermummten Gesichtern, Händen und Füßen. Wir nicken. Christoph zieht an einem dicken Hebel, die Panzertür öffnet sich. "Schnell rein!" Massiver Stahl fällt hinter uns ins Schloss.


"Flach atmen, nicht aneinander stoßen!"

Ein Deckenlämpchen sorgt dafür, dass wir uns in dem kleinen Raum orientieren können. Bei jedem Atemzug dringen Dampfwölkchen durch den Mundschutz. Es ist so lausig kalt, dass es einem alles zusammenzieht, sogar die Stimmbänder. Aber wir sollen ohnehin nur das Nötigste reden. Über Sprechfunk kommt die Anweisung: "Durch die Schleuse!" Dagmar Meyer zieht am Türhebel. Sie rüttelt. Nichts. Katharina Thieck und ich stemmen uns ebenfalls dagegen. "Gibt's Probleme?", fragt Christoph Höppler von außen. Ehe wir antworten oder panisch werden können, springt die Tür auf.

Eiskalt gehen wir weiter. "Flach atmen! Bewegen! Nicht aneinander stoßen!" Das ist Christoph Höpplers Stimme. Wie in Trance laufen wir gegen eine unsichtbare Wand aus Eis an.

Bevor wir einander durch die kalten, weißen Atemwolken nur noch schemenhaft erkennen, heißt es erneut: Hebel drücken, Kammer wechseln. Wider Erwarten ist der Sprung um weitere 50 Grad nach unten gar nicht mehr so schlimm. Die geringe Luftfeuchtigkeit täuscht über die tatsächliche Temperatur hinweg. Kreislaufen ist angesagt. "Alle rechts 'rum", kommandiert Dagmar Meyer. "Sonst bleiben wir aneinander kleben." Probeweise versuche ich, meine Finger zu bewegen. Es knirscht. Der Handschuh-Stoff ist gefroren.

Im Dämmerlicht sehen wir aus wie Rothäute, die durch einen gefährlichen Sumpf waten. "Zwei Minuten sind vorbei! Will jemand raus? Oder schaffen alle die drei Minuten?" Wir schauen einander an. Nicken tapfer. Das Stechen auf der Haut nimmt zu. Wir drehen noch eine Runde. Und noch eine. "Geschafft!"

Wieder draußen im Vorraum strahlen wir einander an. "Wahnsinn war's!" - "Irre!" - "Schaut mal, wie krebsrot wir sind!" Während wir langsam auftauen, reden wir voller Euphorie durcheinander. Offenbar macht Kälte lustig. Zumindest, wenn man ihr gerade entkommen ist.

Aus medizinischer Sicht:

Dr. Horst-Wolfgang Danner,
leitender Arzt der Ambulanten Orthopädischen Rehabilitation im RehaCentrum Hamburg, beschreibt die Wirkung der 1980 in Japan entwickelten Ganzkörper-Kältetherapie: "Der kurzzeitige, intensive Kältereiz wirkt schmerzlindernd und entzündungshemmend. Die Gelenk-Beweglichkeit wird verbessert, chronische Schmerzen können sogar ganz verschwinden. Kältetherapie kann bei allen chronischen Erkrankungen des Bewegungsapparats hilfreich sein, auch bei Gelenkverschleiß (Arthrose) oder Weichteil-Rheuma (Fibromyalgie), zudem bei Migräne, Neurodermitis und Schuppenflechte (Juckreizminderung). Die Behandlung wird jedoch meist nicht von den Kassen gezahlt."