Bei dem Mann, den sie in Viereth nur den "Iceman" nennen, ist Party angesagt. Kein Wunder: Die isländische Fußballnationalmannschaft ist zum ersten Mal für die Europameisterschaft qualifiziert. Und Kari Reyr Jonsson-Beck feiert das, als ob Weihnachten, Ostern und sein Geburtstag auf einen Tag fallen. Jonsson-Beck ist sportbegeistert: einfach fußballverrückt. Als Island kürzlich in Holland gespielt hat und triumphierte, war er in Amsterdam im Stadion und mit ihm 4000 andere Isländer. Erstaunlich, leben doch nur 320 000 Menschen auf der Insel.

"So sind die Isländer", sagt der 40-Jährige und grinst. "Sie machen immer Sport." Vor der Arbeit, nach der Arbeit, am Wochenende. Und Jonsson-Beck, der Iceman, hat seine Begeisterung für den Sport nicht verloren, auch nicht, seitdem er sein Heimatland verlassen hat und nach Viereth kam.


Spontan nach Deutschland

Die Entscheidung traf Jonsson-Beck - passend zur Mentalität der Isländer - ganz spontan auf einer Party. "Der Sohn meines damaligen Chefs hat in Trosdorf gelebt." Auf der Feier erzählte Jonsson-Beck, dass er die Insel verlassen wolle. Wohin wusste er nicht. Sein Chef schlug ihm vor, er könne doch zu seinem Sohn in den Landkreis Bamberg gehen.

Das war an einem Samstag im Sommer 2003. Am Sonntag fragte Jonsson-Beck seinen Vermieter in Keflavik, einer Stadt neben Reykjavik, ob er ausziehen könne. Der war einverstanden und gab ihm sein Auto. Mit dem startete der Iceman einen Tag später seine Abschiedstour und besuchte auf der anderen Seite der Insel seine Familie in seinem Heimatort Fáskrúðsfjörður, einem 650-Seelen-Ort am Wasser, wo die meisten Menschen in einer Fischfabrik arbeiten und davor und danach natürlich ins Fitnessstudio gehen.

Eine Woche dauerte die Tour. Dann sagte Jonsson-Beck seinem Heimatland Adieu und flog nach Nürnberg. Ein heißer Sommer war das damals: Bis zu 40 Grad Celsius. Im kühlen Island war es zu der Zeit nur halb so warm. Er kam nach Viereth. "Eigentlich wollte ich nur kurz hier bleiben." Doch blieb er bis heute.


Angekommenin Viereth

Dabei war Deutschland nie seine erste Adresse. Er hatte eher schlechte Erfahrungen mit unfreundlichen deutschen Urlaubern gemacht. Heute weiß er: Die Deutschen ticken ganz anders. "Ich sehe eigentlich das ganze Dorf als meine Familie an." In Viereth wurde er mit offenen Armen empfangen: "Es ist fast wie ein Lottogewinn, dass ich hier gelandet bin." Schnell hat er einen Job bei der Arbeiterwohlfahrt Bamberg gefunden. Dort arbeitet er heute und betreut minderjährige Flüchtlinge.

Er ist mit einer Vieretherin verheiratet, hat drei Töchter. Und ist schwer engagiert beim FC Viereth. Derzeit trainiert er zwei Fußballjugendmannschaften. Vorher war er Cheftrainer bei den Herren, hat Lauter, Walsdorf und Kirchaich trainiert. Und: Er spielt auch mit 40 noch selbst in der Zweiten Mannschaft des FC Viereth. Sportverrückt eben.


Schwarzwaldklinik in Island

Die Geschichte mit seinem Spitznamen geht so: Als der damals 28-Jährige nach Viereth kam, sprach er kein Wort Deutsch. Und da die Leute seinen Namen nicht richtig aussprechen konnten, sagten sie alle einfach Iceman zu ihm. Verstehen konnte Jonsson-Beck Deutsch schnell, schließlich ist er mit Serien wie Derrick, Der Alte und die Schwarzwaldklinik aufgewachsen. Man muss wissen: In Island werden alle Serien und Filme in der Originalsprache ausgestrahlt.

Heimweh nach dem Land, in dem das Bier teuer und Lakritze beliebt ist, hat er nicht: Immer wieder besucht er die Insel und seine dort lebende Familie. Der Vorteil an Deutschland sei, dass man schnell in andere Länder reisen kann. Wenn die Europameisterschaft im nächsten Jahr stattfindet, ist auch der Iceman wieder unterwegs: "Ich verpasse so gut wie kein Spiel."
Die Party geht weiter.