Der Dokumentarfilm hat seit jeher eine wichtige Stellung in der Filmlandschaft. Kommerzielle Erfolge wie Michael Moores Werke "Fahrenheit 9/11" oder "Die Reise der Pinguine" des französischen Antarktisforschers Luc Jacquet machten das Genre publikumswirksam. Aber auch in der Kürze von etwa zehn Minuten gelingt es, Aspekte und tatsächliches Geschehen wirkungsvoll abzubilden. Davon zeugte auch die erste Rolle des Wettbewerbs Dokumentarfilm bei den Bamberger Kurzfilmtagen. "Vom Suchen und Finden" stand den fünf filmischen Beiträgen als übergeordnetes Motto voran.




"Einer zu zweit" ließ schon im Titel erkennen, dass es sich bei den Protagonisten um doppelte Persönlichkeiten handelt. Produzent Jan Mocka und Regisseurin Lilian Nix recherchierten im Transvestiten-Umfeld und dokumentierten das Leben ganz normaler Männer - und ihr Parallelleben als Frau. Man sieht die Protagonisten beim Schuhe- und Handtaschenkauf, taucht mit ihnen in das Nachtleben großer Metropolen, erfährt aber auch von der alltäglichen Arbeit unter der Woche. Den Machern ist eine gelungene Darstellung von hausgemachten Konflikten gelungen, dem Suchen nach Ausleben der eigenen Persönlichkeit zwischen Öffentlichkeit und Privatheit, dem Verzicht auf "normale" Partnerschaften, dem schwierigen Einklang mit Vorurteilen.

Carmen Butta beobachtete in "Akram und die Mauer im Meer" einen elfjährigen Fischer bei seiner täglichen Arbeit im Meer vor Gaza. Ihr gelang eine anschauliche Reportage eines Jungen, der auf vielfache Weise gefangen in seinem Schicksal nach seinem Platz im Leben sucht. Als jugendlicher Ernährer seiner Familie gefangen in der schweren Aufgabe, als heranwachsender Mensch in den engen Grenzen Palästinas, die sich auch im Meer vor dem Gazastreifen wiederfinden.

Einen sehr rührigen und starken Beitrag lieferte Alina Cyraneks Film "Szenen eines Abschieds". Sie beobachtete die Theaterproben einer weiblichen Seniorentheatergruppe, die mit unglaublicher Spiellust und Freude dem nahenden Tod und Abschied vom Leben trotzen. Die Regisseurin selbst ist gänzlich ohne Großeltern aufgewachsen und erklärt damit ihr Faible für ältere Menschen und deren Lebensgeschichte: "Alte Frauen können so viel erzählen!"

Kein Propagandafilm
Ähnlich starke Einblicke lieferte Jan Mocka mit seinem Porträt zweier Missionare der Mormonenkirche "Jesus Abroad", wenn er die peniblen Rituale zeigt, die strengen Regeln und Gebote der Gemeinde, aber auch den unerschütterlichen Lebensmut und die Zufriedenheit der jungen Männer. "Das ist aber auch das Gefährliche an der Suche: Die sind so offen, dass man auch schnell in ihren Sog geraten kann", erklärte Mocka hinterher die Probleme beim Dreh. Er sah sich auch dem Vorwurf aus dem Publikum, "einen Propagandafilm" gedreht zu haben, ausgesetzt. Er widersprach, indem er auf einzelne Szenen verwies, in denen auch die beiden Missionare sehr bequeme und unzureichende Antworten auf kritische Nachfragen gaben. Und schob hinterher: "Vielleicht hätte man noch ein paar Aussteiger befragen müssen, ob die hinterher auch noch so glücklich und zufrieden sind."

Einen gänzlich anderen Ansatz in Sachen Dokumentarfilm fährt die Berliner Medienkünstlerin Marion Pfaus, Künstlername "Rigoletti". Ihr Dreiminüter "Berlin Desaster" irritierte das Publikum mit einem offensichtlich fehlenden dokumentarischen Charakter. Dabei war auch sie auf der Suche: nach dem fehlenden Stern für Roland Emmerich auf dem Boulevard der Stars in Berlin. Warum Roland Emmerich? "Uns eint, dass wir mit wenig Geld gute Filme machen können", verriet Pfaus mit einem Augenzwinkern.

Mit einem Augenzwinkern
Dieses Augenzwinkern ist in unterschiedlichen Dimensionen ihr Markenzeichen. Ironisch, stark satirisch und überzeichnend nimmt sie Alltägliches aufs Korn. In den meisten Fällen hat das auch einen ernsten Hintergrund. Wie im Fall ihres Aktionismus für "Pro-Quote-Regie", einer Aktion, die sich für eine stärkere Beachtung von Frauen im Filmbusiness einsetzt. Warum braucht es eine Quote? "Weil Frauen tatsächlich benachteiligt werden. Mich hat das eigentlich nie interessiert, weil ich der Meinung bin, dass ich meine Filme tatsächlich genauso machen würde, wenn ich ein Mann wäre", verriet sie in einem Gespräch am Nachmittag vor dem Wettbewerb. Es gehe der Aktion aber auch darum, den Feminismus nicht als verbiestert oder gar männerfeindlich darzustellen.

Und so inszeniert Pfaus während der Berlinale Rote-Teppich-Interviews, nimmt dabei die gängigen Klischees und Stereotypen über Frauen und Männer aufs Korn. "Es geht bei der ,Pro-Quote' nicht darum, dass Frauenfilme besser und interessanter seien. Es geht einfach nur darum, dass alle ein gleich großes Stück vom Kuchen bekommen sollen. In Fernsehserien kommen Regisseurinnen beispielsweise gar nicht rein. Das möchte die Aktion ändern." Der Dokumentarfilm kann also auch aktionistisch sein.

Die Organisatoren der Kurzfilmtage bewiesen (und beweisen mit der zweiten Rolle am heutigen Samstag) also ein kompetentes Händchen bei der Auswahl der Filme. Und zeigen auch im 25. Jahr die erstklassige Qualität des Bamberger Festivals.