"Eigentlich ist es ein Lebensmittelladen." Ute Seven belächelt die fragende Miene des Erstbesuchers nachsichtig. Ein Lebensmittelladen? Draußen hängt der gelbe Post-Leuchtkasten, drinnen stehen Ölbilder über Kornflakes und Backerbsen, eine historische Geige liegt über Zitronennetzen, neben alten Apothekerflaschen, weiteres Obst in der Etage drunter. Zwischen Regalen mit Zeitschriften, Heften und Nudeln und Konserven immer wieder ein Bauernschrank. Tumb surren Kühlschränke und Gefriertruhe um die Wette. Von der Kasse aus hat Rudibert Kossmann den Überblick über sein kleines Reich. Luzia Dietz ordnet dieses - in den Regalen und in der Post-"Abteilung". Post hat in diesem Gemäuer Tradition, seit derer von Thurn und Taxis, die hier 1696 eine Posthalterei einrichteten.

Posthalterei, Lebensmittelgeschäft, Antiquitätenladen... "Sozialstation", nennt Ute Seven eine weitere Funktion. Sozialstation? Die Burgwindheimer treffen sich, tauschen Neuigkeiten aus, reden hier mit einander. Er müsse des öfteren daran erinnern, dass er nicht dazu da sei, dass man bei ihm tratsche, sondern einkaufe, erklärt Rudi, wie ihn alle nennen. "Das hier ist sein Leben", weiß Luzia Dietz.

Enge Verbindung


Die Geschichte dieses Hauses und seiner Familie sind eng verwoben, wie die Schilderungen seiner Tochter Ute Seven zeigen. Dazu muss die 46-Jährige allerdings die Historie bemühen und ausholen, bis zu den Fürsten Thurn und Taxis. Die Regensburger hatten im Kaiserreich jahrhundertelang das Postmonopol. Mit den Postkutschen wurden auch Personen befördert und entlang der Routen Stationen eingerichtet, so auch in Burgwindheim, das auf der Strecke Nürnberg -Würzburg lag.

Zur Station gehörte eine Art Gasthaus im Parterre und Gästezimmer in der oberen Etage. Die Kutschen selbst rollten durch den großen Torbogen vorbei an den Stallungen und bis hinten zur Scheune, fuhren durch deren rechtes Tor durch und kamen durchs linke wieder heraus, "so dass die schwere Kutsche für die Weiterfahrt gleich wieder in die richtige Richtung stand", führt die Kossmann-Tochter aus. "Wer in diesem Haus wohnt, befasst sich automatisch mit Geschichte", dessen Geschichte, sagt sie. Absolutes Highlight - die Besuche Napoleons. Der Korse logierte insgesamt drei Mal hier, wie die Tafel an der Fassade verrät: 1806, 1812 und 1813.

Napoleons Zimmer


Noch heute gibt es das so genannte Napoleon-Zimmer, in dem Ute Sevens jüngere Schwester Silke aufwuchs. Original erhalten ist hier der schwere gusseiserne Ofen und das sternförmige Parkett. Ute Seven wohnte in einem weiteren Gastzimmer am anderen Ende des Ganges. Die durchgetretenen Stufen der alten Holztreppe atmen Geschichte.

Das Gebäude an der Hauptstraße war lange noch Gastwirtschaft. Ute Sevens Mutter Theresia stammt aus diesem Haus, die Großeltern betrieben in der Scheune eine Brauerei. Die Großeltern (mütterlicherseits) verkauften das gesamte Anwesen in den 60ern und zogen fort. Allerdings konnte der Käufer nicht zahlen und so ersteigerte Rudibert Kossmanns Vater Julius das Ensemble. Seit die Deutsch-Balten Kossmann nach dem Zweiten Weltkrieg aus Litauen nach Burgwindheim geflohen waren, wurde aus dem Lehrer Julius ein Einzelhändler, der Laden befand sich schräg gegenüber von der einstigen Posthalterei. Mit dem Erwerb der Immobilie in den 60ern wanderte der Lebensmittelladen über die Straße. Mit ihm und in ihm wurde Ute Sevens Vater Rudi groß und Einzelhändler, später ehelichte er die Lochner-Tochter Theresia, die dann praktisch wieder ins Elternhaus zurückkehrte, das Lebensmittelladen geworden war. Doch wie kommen da Antiquitäten ins Spiel?

Am Anfang war der Säbel


Mit Rudi Kossmanns erstem Säbel. Als Teenager, der in Bamberg aufs Gymnasium ging, landete er zufällig in einem Antiquitätengeschäft und wollte unbedingt einen Säbel. Wenn er ihr alte Sachen vom Land bringen würde, gäbe es diesen dafür, lautete das Angebot der Händlerin. Kossmanns sind eine Jägerfamilie und haben als solche engen Kontakt mit den Bauern, die "altes Zoig" oft nicht mehr brauchten. Kossmann schon, er nahm's mit und bekam seinen Säbel. Mit diesem drang er in die Welt der Antiquitäten und des Handels damit ein. Das war auch gut so, wie sich im Laufe der Jahre als Einzelhändler zeigte.

Denn nur vom Geschäft mit den Lebensmitteln hätte er sich in den vergangenen Jahrzehnten nicht ernähren können, sagt der heute 73-Jährige. So positioniert er sein Antiquitäten-Sortiment zwischen dem des Lebensmittelladens. Und die Post ist seit zwölf Jahren mit der Agentur an ihren angestammten Platz zurückgekehrt: Das Faxgerät steht unter Urkunden derer zu Thurn und Taxis, in deren Nachbarschaft Zertifikate der Deutschen Post hängen.
Die Kundschaft hier kennt den Laden nicht anders, als in dieser ganz eigenen Mischung und Rudi jeden Kunden beim Vornamen. So wie Hartwig (Zech), der jeden Tag seine Zeitung holt und mit Rudi Fußball diskutiert. Auch Georg ist Stammkunde. Warum kauft er nicht im Supermarkt ein? "Wenn ich so denken würde, hätten wir keinen Laden mehr."

Luzia Dietz nickt heftig. Kossmanns Angestellte arbeitet hier nicht nur jeden Tag, sie kauft auch ein. Ebenso selbstverständlich wie Ute Seven. Auch sie hat es schließlich nicht weit. Vor über zehn Jahren haben sie und ihr Mann Riza die Scheune zu Wohnhaus und Werkstatt umgebaut. Denn "wenn man in so einem Haus mit Geschichte groß geworden ist, möchte man in keinem modernen wohnen", verrät sie. Auch wenn sie und ihre beiden Geschwister sich als Kinder schon mal vor dem knarzenden Fußboden fürchteten. Wie einen Schatz bewahrt sie das historische Gästebuch des Hauses. Andere Schätze (Kunst vermutlich aber auch Krempel) finden sich oben im Laden. Laden?!