Das E.T.A.-Hoffmann-Theater hat für Lutz Hübners "Aussetzer", das am Freitagabend eine mit wohlwollendem, wenn auch nicht überschwänglichem Applaus bedachte Premiere feierte, den Bamberger Morph-Club zum Theater umfunktioniert.


Im Ledersessel hautnah an den Schauspielern


Das Konzept dieser Aufführung, den städtischen Raum zur Spielfläche zu machen, geht bei diesem Jugendstück, inszeniert von Manfred Riedel, auf, denn die Zuschauer rücken auf den schwarzen Ledersitzen des Clubs so nah wie nur selten möglich an die Schauspieler heran. Die Emotionalität der Figuren wird dadurch im wahrsten Sinne des Wortes fassbar, Details in Mimik und Gestik treten deutlich zu Tage; ein klares Plus dieser Inszenierung.

Die Bühne selbst präsentiert sich als karg bestückte Spielfläche inmitten des Clubs, eingerahmt von Bodenscheinwerfern, gleichsam eine eng gefasste Arena. Darin befinden sich weiße Würfel unterschiedlicher Größe, die mal als Tisch, dann wieder als Stuhl, Sessel oder ersteigbares Podest dienen und dem Raum eine zweite Ebene geben, indem sie die Machtverhältnisse der Figuren spiegeln.


Theaterkunst statt Party im Morph-Club


Auf dieser Bühne, die sonst als Tanzboden für feierwütige Morph-Club-Gänger dient, liegt verstreut Papier in etlichen Formen, mal als planes Blatt, dann wieder zu runden Papierkugeln zusammengeknüllt; auch einige Papierflieger finden sich am Boden. Sie werden, wie die weiß gefärbten Würfel, zu Handlungsobjekten, dienen den Protagonisten als Mahnmal ihrer Probleme, ermöglichen ihnen Annäherung, um dann wieder die sie trennende Distanz auszudrücken.


Pädagogik für den Alltag


Auch die Ausstattung von Denise Leisentritt erweist sich als gelungene Umsetzung von Lutz Hübners "Aussetzer", einem Schüler-Lehrer-Stück, das mittels der Gedankenstimmen der Figuren Fragen nach verantwortlichem Handeln im Schulsystem aufwirft, die Verzweiflung heutiger Pädagogen im Schulalltag vor Augen führt und die Hoffnungslosigkeit ihrer Schützlinge angesichts von Massenarbeitslosigkeit und einer scheiternden Sinnsuche.


Chris wird zur Herausforderung


Denn der 17-jährige Chris ist, wenngleich er nicht aus einem zerstörten Elternhaus stammt, nicht gerade als Bildungsgewinner zu bezeichnen. Sein Hauptschulabschluss ist mit zwei Fünfen im Halbjahreszeugnis gefährdet, eine Berufsperspektive sieht er nicht für sich, der Vater zeigt kein Verständnis für den Jungen, die Mutter ist in ständiger Sorge um ihn. Dann kommt auch noch eine neue Lehrerin dazu, die durchaus ambitionierte, ständig an ihren pädagogischen Fähigkeiten zweifelnde Julika Stöhr. Sie will Chris nicht aufgeben, weniger jedoch aufgrund altruistischer Motive, sondern weil sie sich nicht vor den Kollegen rechtfertigen will, warum der durchaus nicht unfähige Chris den Abschluss nicht geschafft hat: "Wenn ich mit dem nicht fertig werde, werde ich mit meinem Beruf nicht fertig."

Da fordert Chris von ihr eine Drei in der nächsten Arbeit, sie verweigert ihm dies, ein Streit entwickelt sich, es kommt zu Handgreiflichkeiten, Frau Stöhr ist verletzt. Mit diesem Schock gehen Chris und Frau Stöhr auf je eigene Weise um.


Überzeugende Schauspieler


Verena Ehrmann gibt eine überzeugend verzweifelte Lehrerin Stöhr, changierend zwischen Mitgefühl für ihren Schüler und dem Bewusstsein, am eigenen Anspruch zu scheitern. Gerade in ihren emotional aufgewühlten Szenen ist Ehrmann stark, etwa, wenn sie sich ihre Mutlosigkeit eindrucksvoll von der Seele schreit. Ehrmann spielt dabei mit präziser Spannung. Felix Pielmeier agiert als kühl-distanzierter Chris, einem jugendlichen Rebellen, dessen coole Fassade allerdings im Verlauf des Stücks zu bröckeln beginnt. Vor allem Chris‘ fatalistische Lebenseinstellung arbeitet Pielmeier genau heraus, der kurzzeitige Wechsel in die Rolle des Vaters gelingt ihm unangestrengt.

Das kindliche Spiel des Papierfliegerwerfens wird in seiner sexuellen Konnotation in Riedels Inszenierung allerdings lediglich anzitiert. Die Radikalität in der Darstellung fehlt hier bedauerlicherweise ebenso wie in der Kampfszene zwischen Chris und seiner Lehrerin, die, bevor es zum physischen Schlagabtausch kommt, im abgeblendeten Scheinwerferlicht versinkt.


Empfehlung für Schulklassen


Dass es sich bei "Aussetzer" um ein Jugendstück handelt, davon zeugt auch die mit etwa 50 Minuten knappe Aufführungsdauer und die poppig-rockige Musikuntermalung. Gerade für Schulklassen ist das allerdings ein Anreiz, sich das Stück anzusehen, das noch bis zum 27. Januar im Morph-Club zu sehen ist.


Informationen zum Stück


Lutz Hübners "Aussetzer" wird am E.T.A.-Hoffmann-Theater inszeniert von Manfred Riedel, für die Ausstattung zeichnet Denise Leisentritt verantwortlich. Der Schüler Chris und die Lehrerin Frau Stöhr werden gespielt von Felix Pielmeier und Verena Ehrmann.


Weitere Vorstellungen


15. und 16., 18.-20. Dezember 2012 sowie 4. und 5., 18.-20., 26. und 27. Januar im Morph-Club in der Oberen Königstraße 39.