Die Ärzte ("auuus Berlin!") nehmen ihre Fans hart ran. "Hallo Nürnberg." Rodrigo González lässt die ausgestreckte Hand über die dampfende Menge wandern. "Wir sind die Ärzte. Und ihr seid die willenlose Masse in den Händen des Diktators." Er zeigt auf Farin Urlaub, der am anderen Ende der großen Bühne im Scheinwerferkegel steht und mit fiesem Diktator-Nicken Rods Worte bestätigt. "Steht gefälligst auf!" Alle stehen. La-Ola-Welle, Klatschen - "jetzt ohne Hände!" Farin ist zufrieden. Bela erinnert ihn daran, dass das nebenan schon mal einer gemacht hat. "Ja, aber der hatte Böses im Sinn. Wir nicht", stellt Farin klar und legt los.

Punk-Verräter

Ist das noch Punkrock? fragen sie im gleichnamigen Song vom neuen Album "auch", das sie auf ihrer Tour 37 Mal vorstellen. 37 Mal vor ausverkauftem Haus. Ist das noch Punkrock? Bela, Farin und Rod sind jetzt Mitte bis Ende 40. Die Gitarren-Soli sind komplizierter, die Harmonien vielschichtiger geworden. Ist ihnen doch egal! Sie haben sich schon immer selbst auf die Schippe genommen, sich als Bravo-Punks und Punk-Verräter bezeichnet. Klar ist das Punkrock! Die Menge bangt, die Menge singt, heult, kreischt, und die Arena verwandelt sich in einen schwül-heißen Wäschetrockner voller Energie. Tee n ager, junge Erwachsene, sogar Väter mit Kindern sind gekommen. Viele tragen ein Ärzte-Shirt. Nach "ZeiDverschwÄndung" und weiteren Stücken vom neuen Album kommt der "Schunder Song". Sobald die Scheinwerfer das Publikum in Licht tauchen, schnellen die Fäuste hoch und alles brüllt: "Immer mitten in die Fresse rein!" Das ist Punkrock, wie Ärzte-Fans ihn haben wollen.

"Jetzt wird's a weng romantisch"

Aber die Drei können auch anders. "Jetzt wird's a weng romantisch", Rod übt sich im Fränkischen, stellt seinen Bass weg, hängt sich die Akustik-Gitarre um und stimmt "1/2 Lovesong" an. Er schwitzt und sieht verdammt gut aus. Überhaupt scheint Punkrock jung zu halten. Bela (49) spielt wie immer wahnsinnig schnell und wahnsinnig druckvoll im Stehen Schlagzeug, singt dazu und macht Witze. "Farin, guck' dir die alle an. Die sind zu uns gekommen, nicht zu den Hosen." Da ist sie, die uralte, freundschaftliche Feindschaft mit der "anderen" Band. "Ja Bela. Und das, obwohl die Toten Hosen jetzt auch ,Schrei nach Liebe‘ spielen!" Zum Beispiel bei Rock am Ring. Einige verstehen. Sie lachen und freuen sich schon auf den Refrain des Anti-Nazi-Stücks, wo sie entschieden "Arschloch!" mitschreien.

Ein Bela stand im Walde

Drei Stunden lang spielen sie ohne Pause, schnell, energiegeladen. Das Ende ist noch nicht vorbei: Der Titel der Tour bewahrheitet sich im Härtetest. "Nürnberg, ihr könnt euch als gerockt betrachten", sagt Bela, Arm in Arm mit seinen Kollegen, nach dem Song "Unrockbar", bei dem die Fans noch mal ranmüssen.
Und dabei wäre beinahe was schiefgegangen. "Mir ist da gestern was passiert, was einem Rockstar echt nicht passieren darf", erzählt Bela, steigt von seinem Schlagzeug-Podest herab und geht nach vorne an den Bühnenrand. Er macht eine Kunstpause. Stille. "Also nicht sowas wie am eigenen Erbrochenen ersticken und so. Alter Hut! Nee, ich hab' mich beim Joggen im Reichswald verlaufen. Vier Stunden bin ich umhergeirrt und hab' nicht mehr 'rausgefunden." Seufzen im Publikum. "Oh Mann, wieso war ich da nicht da?!", raunt eine junge Frau ihrer Nachbarin zu. Apropos, es ist noch kein BH auf die Bühne geflogen. Rod hat allerdings etwas größeres Dunkles abbekommen, das eventuell eine Unterhose war. Das ist Punkrock!

Die Party geht auf der Autobahn weiter

Wer den nur im engeren 77er-Sinn versteht, dem sei das Ärzte-Album "5,6,7,8 - Bullenstaat" ans Herz gelegt. Es wird nur auf Konzerten verkauft und enthält eigenwillige Coverversionen von den Cretins, Buttocks, von Rotzkotz und anderen. Gute Nachricht: Auf der Internetseite der Ärzte www.bademeister.com kann man das Album umsonst herunterladen. Auch das ist Punkrock!
Drei Mal gehen Bela, Farin und Rod von der Bühne, drei Mal holt das Publikum sie zurück. Zum Abschluss spielt Bela auf der Gitarre "Tittenmaus". Seine Stimme wird eine Oktave tiefer: "Nürnberg", er haucht es. "Gehst du mit mir in den Tourbus?" Für alle, die das nicht getan haben, geht die Ärzte-Party auf der A3 weiter. Drei Stunden lang Stop-and-go. Verschwitzte Fans lernen sich über die Fahrbahnen hinweg kennen. "Geiles Konzert, oder?" "Total geil!" Auch das ist Punkrock!