Christian Ude macht es offensichtlich immer noch sehr viel Spaß, die Absurditäten und Skurrilitäten des politischen Alltags aufs Korn zu nehmen. Er, der eigentlich nicht so gerne als "Alt-Oberbürgermeister" tituliert werden möchte, klingt es doch für ihn so wie "Alt-Eisen" oder "Alt-Lasten", musste am Beginn der Veranstaltung gleich ein Foto vom Publikum machen. "Das glaubt mir zu Hause sonst keiner, dass über fünf Prozent der Reckendorfer Bevölkerung vor Ort ist", so der Gast aus München süffisant, denn dass "hätte er in seiner Zeit als Oberbürgermeister der Landeshauptstadt München nie geschafft".

Im Rahmen seiner Schirmherrschaft beim Blues- und Jazz-Festival in Bamberg war Ude, ehemaliger Oberbürgermeister der Stadt München, zu Gast bei der SPD in Reckendorf. Diese feiert heuer ihr 50-jähriges Gründungsjubiläum und hatte den als Kabarettisten bekannten Politiker zu einer Lesung eingeladen. Zuvor hatte der Gast aus der Landeshauptstadt sich mit fränkischen Spezialitäten gestärkt und die Genisa-Ausstellung in der alten Synagoge zusammen mit Reckendorfs Bürgermeister Manfred Deinlein (SPD) und dessen Amtsvorgänger Klaus Etterer besichtigt.


Seitenhiebe auf den FCB

Ude, der jetzt U-Bahn fährt, die er "sonst nur eingeweiht hat", kann sich genauso über "völlig unsinnige Durchsagen dort aufregen wie über Befindlichkeiten des FC Bayern München. Ein Thema, mit dem der bekennende Löwen-Fan sicherlich den ganzen Abend hätte füllen können. In seiner gekonnt humorigen Art und Weise philosophierte er über "ganz wichtige Bürgerangelegenheiten" wie zum Beispiel Hundekot auf öffentlichen Straßen und Plätzen, ein Anliegen, "das bis zu zwölf Mal in einer Bürgerversammlung zur Sprache gebracht werden kann".

Doch auch sich selbst ließ er dabei nicht außen vor und erzählte in seinen Betrachtungen zum Muttertag über seinen persönlichen Kampf mit dem häuslichen Kaffeevollautomaten. Für ihn wäre "das Nervtötendste am Muttertag, weil man sich buchstäblich um alles kümmern darf." "Alles wahre Geschichte", wie Christian Ude immer wieder verschmitzt lächelnd betonte. Natürlich ließ er es sich nicht nehmen, als Alt-Bayer den Franken ein bisschen "Münchenkunde, die auch den Franken gut tut", zukommen zu lassen. So erläutere er den Besuchern die Entstehungsgeschichte des bayerischen Kulturguts "Weißwurst" vom 22. Februar 1857 im Gasthaus "Ewiges Licht" in München. Er musste dann trotzdem zugeben, nachdem er die amtlich zugelassenen Inhaltstoffe vorgetragen hatte, "man sollte über die Weißwurst nicht alles wissen wollen".


Die Sache mit dem Anstich

Ausführlich erinnerte sich Ude an seinen ersten Bieranstich beim Oktoberfest. Für jeden Münchner Oberbürgermeister quasi "der ultimative Staatsakt" unter den Augen der Weltpresse. Mit strengster Geheimhaltung musste er mit einem "Trainer", der auch schon seine Vorgänger in die hohe Kunst eingeführt hatte, im stillen Kämmerlein an drei Fässern stundenlang üben. Solange, bis auch der dazugehörige Spruch "Ozapft is" gepasst hat. Das führte bei ihm zu massivem Muskelkater und trotzdem zu Albträumen in der Nacht vor dem großen Ereignis. Der gewitzte Ex-OB hatte auch gleich ein "original Übungsset mit Schlegel und Wechsel" mit nach Reckendorf gebracht, um dem Publikum zu zeigen, wie es bei "einem Linken" - Ude ist Linkshänder - beim Anzapfen ausgesehen hat.

Rund 120 Zuhörer waren in die Alte Synagoge (Haus der Kultur) gekommen, um erhellende Einblicke in das Leben eines Bürgermeisters zu bekommen, und das, obwohl oder vielleicht gerade weil der FC Bayern München zur gleichen Zeit sein erstes Bundesliga-Spiel zu absolvieren hatte. Das Publikum dankte Christian Ude für diesen amüsanten und kurzweiligen Abend mit lang anhaltendem Beifall. Der Gast nahm dann gleich wieder seine Kamera zur Hand, weil "auch das würde mir zu Hause sonst keiner glauben".