Der Name wurde mit Bedacht gewählt und war schon 2011 eine Provokation für die damals schwarz-rote Landesregierung. Als sich die Gemeinden Effelder-Rauenstein und Mengersgereuth-Hämmern zur freiwilligen Fusion entschlossen, sagte der Innenausschuss des Thüringer Landtags erst einmal Nein. Vordergründig ging es um Rechtsfragen, doch der neue Name spielte sicher auch eine Rolle: Frankenblick.

Es ist auch kein Zufall, dass Martin Truckenbrodt in Frankenblick wohnt, genauer: in Seltendorf. Truckenbrodt stammt aus dem Coburger Land und will da auch wieder hin, aber ohne umziehen zu müssen. Wie das gehen soll? Der streitbare Franke hat den Verein Henneberg-Itzgrund-Franken gegründet, der, auch wenn der Name holprig ist, ein klares Ziel verfolgt: Der fränkisch geprägte Teil Südthüringens soll den einen Freistaat (Thüringen) verlassen und um Aufnahme in dem anderen (Bayern) bitten. 26 Jahre nach der Wiedervereinigung sollen wieder Grenzen fallen.


Erfurt regt sich auf

Die Vision ist kein Hirngespinst (mehr). Der "Fall Südthüringen" ist bei der Landesregierung in Erfurt angekommen, und weil es bei Rot-Rot-Grün ebenso wenig Entgegenkommen gibt wie bei Schwarz und Schwarz-Rot, hat Truckenbrodt mit Bezug auf Artikel 29 des Grundgesetzes einen Bürgerentscheid angestoßen. Die Unterschriftensammlung läuft, 300 Thüringer Franken haben schon gezeichnet.

"Unsere Hoffnungen in die neue Landesregierung wurden bisher nicht erfüllt. Wir gehen deshalb nun in die Offensive", sagt der Vereinsvorsitzende, wohl wissend, dass der Weg steinig und auch rechtlich kompliziert ist. Im Grundgesetz steht unter anderem:

"Das Bundesgebiet kann neu gegliedert werden, ... Dabei sind die landsmannschaftliche Verbundenheit, die geschichtlichen und kulturellen Zusammenhänge, die wirtschaftliche Zweckmäßigkeit sowie die Erfordernisse der ... Landesplanung zu berücksichtigen. ... Maßnahmen zur Neugliederung des Bundesgebietes ergehen durch Bundesgesetz, das der Bestätigung durch Volksentscheid bedarf. Die betroffenen Länder sind zu hören."

Das Grundgesetz legt die Hürden für eine Grenzverschiebung hoch, Staatsrechtler wie Matthias Ruppert (Berlin) bewerten die Erfolgsaussichten des Projektes als minimal. Trotzdem: Im Landkreis Sonneberg hat Truckenbrodt als "Generalprobe" den Volksentscheid angestoßen. 5000 Unterschriften müssen her. Truckenbrodt hofft, dass alleine schon der Druck dieser Initiative die Landesregierung einlenken lässt.

Anzeichen gebe es. "Das sind revolutionäre Töne" kommentiert der streitbare Franke aus Frankenblick jüngste Aussagen des Thüringer Innenministers Holger Poppenhäger (SPD). Der sagt, dass die "kulturelle Identität" der Regionen bei allen Entscheidungen der Landesregierung "eine ganz wichtige Rolle spielt", gerade bei der Gebietsreform. Aber der Minister zieht Grenzen: "Man muss nicht in Bayern leben, um sich als Franke zu fühlen."
Gleichzeitig pflegt man in München die Willkommenskultur. Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) hat grundsätzlich nichts gegen Zuwachs und stichelt gegen Rot-Rot-Grün in Erfurt: "Wenn ganze Regionen ein Land verlassen wollen, sollten sich die Politiker mal Gedanken machen."


Komplizierte Geschichte

Unbestritten ist, dass die in Thüringen grob südlich des Rennsteigs liegenden Regionen zum fränkischen Kulturkreis gehören. Auf der anderen Seite verhält es sich mit der von Truckenbrodt bemühten Historie kompliziert. Die Region war lange ein kunterbunter Fleckerlteppich. Erst seit 1920 gibt es das Land Thüringen. Zur gleichen Zeit entschied sich die Bevölkerung des 1918 gegründeten Freistaats Coburg für den Beitritt zu Bayern.

Truckenbrodt geht es auch mehr um Anerkennung. Schon der Kunstbegriff "Südthüringen" ist für ihn ein Unding, weil faktisch falsch." Truckenbrodt sprich von Henneberg-Franken, wenn er die Landkreise Sonneberg, Hildburghausen und Schmalkalden-Meiningen sowie die Stadt Suhl meint. Historisch korrekt gehören auch große Teile des Wartburgkreises und kleine Teile des Ilm-Kreises zu Henneberg-Franken sowie, wenn man es ganz genau nimmt, der östliche Zipfel des hessischen Landkreises Fulda. Nicht ganz einfach, so ein Franken-Blick ...


Kommentar: Die Grenzen in den Köpfen

Vielleicht muss man im einstigen Grenzland aufgewachsen sein und die Teilung und den Fall der Mauer und der Zäune unmittelbar miterlebt haben, um Zugang zur jüngsten deutschen Geschichte zu finden. Dazu braucht man den Kopf und auch das Herz.

Heute muss man bei der Fahrt oder der Wanderung von "West" nach "Ost", etwa im nördlichen Landkreis Haßberge oder bei Coburg, den Nicht-Grenzländern und Nicht-Zeitzeugen ausdrücklich mitteilen: Guck mal, hier, genau hier war bis 1989 die Welt zu Ende.

Die "Grenze" war eine Wunde, brutal durchs Land geschlagen, mit Zäunen, Sprengfallen und Schießbefehl - von einem Unrechtsregime gegen die eigenen Bürger errichtet. Die Grenze hat Regionen, Dörfer, Familien zerrissen, sie wurde für viele Menschen zur tödliche Falle.

Warum das alles ein Vierteljahrhundert nach dem Fall von Mauern und Zäunen? Weil heute wieder sehr viel von Grenzen die Rede ist, weil durch viele Köpfe neue Mauern und neue Zäune geistern, die Menschen aufhalten, ein- oder aussperren sollen, ja nach Blickwinkel.

Eine handfeste Grenze hat etwas Beruhigendes, sie gibt Sicherheit, gerade deshalb, weil in den vergangenen 26 Jahren so viele Grenzen gefallen sind. Gerade deshalb aber sind Grenzen, neue Grenzen zumal, obsolet. Die Welt schafft mit atemberaubendem Tempo unbegrenzte Möglichkeiten. Informationen, Waren, Dienstleistungen rasen um den Erdball, die digitale Revolution lässt einen globalen Marktplatz entstehen, der keine Grenzen mehr kennt, auch wenn er vom Idealbild der "Einen Welt" noch meilenweit entfernt ist.

Alle reden von der Globalisierung, die sicher nicht nur gute Seiten hat, aber sicher auch nicht mehr zu stoppen ist. Und noch sicherer ist es, dass Zäune in einer globalisierten Welt nichts und niemanden aufhalten. Das sind Fakten, denen sich die Welt stellen muss. Das beginnt damit, die hartnäckigen Grenzen in den Köpfen zu überwinden. Und nicht klein-klein zu denken, sondern global.


Ausflüge ins Grenzland

Es wächst zusammen, was zusammen gehört, und die Landschaften blühen: Ein Vierteljahrhundert nach der Wiedervereinigung ist noch nicht alles so, wie es mancher versprochen hatte. Blühende und zusammen gewachsene Landschaften kann man im Grenzgebiet zwischen Franken und Thüringen bestaunen, nicht nur auf dem "wanderbaren" Grünen Band, dem einstigen Todesstreifen.

Point Alpha
Die Mahn-, Gedenk- und Begegnungsstätte an der Straße zwischen Geisa (Thüringen) und Rasdorf (Hessen) galt während des Kalten Krieges als heißester Punkt Europas. Das Camp war ein Beobachtungsstützpunkt der US-Armee. Ostblock und Nato standen sich hier Aug' in Aug' gegenüber, es gab Zwischenfälle, unter anderem eine Schießerei zwischen dem Bundesgrenzschutz und DDR-Grenztruppen, bei der es einen Toten gab. Das "Haus auf der Grenze" zeigt eine Dauerausstellung zum DDR-Regime und zum Leben an und mit der Grenze. Das US-Camp hat große Teile der Militäranlage so authentisch wie möglich bewahrt.

Mödlareuth
Das Dorf mit seinen etwa 50 Einwohnern ist bis heute ein Kuriosum: Geteilt durch den Tannbach, liegt ein Teil des Dorfes im Saale-Orla-Kreis in Thüringen und der anderen im oberfränkischen Landkreis Hof. Bis zur 1990 verlief die innerdeutsche Grenze 41 Jahre lang durch das Dorf, erst gesichert durch Zäune, später durch eine Mauer und Wachtürme, was Mödlareuth sogar in Amerika als "Little" Berlin zu enormer Bekanntheit verhalf. Das Dorf ist eine beliebte Anlaufstelle für Grenzgänger geblieben, da die Relikte der Teilung konserviert wurden.

Zweiländermuseum
Das kleine regionalgeschichtliche Museum im thüringischen Streufdorf (Landkreis Hildburghausen, Thüringen) ist gut drei Kilometer von der ehemaligen Grenze entfernt. Etwa acht Kilometer sind es bis Bad Rodach im Coburger Landkreis. Schwerpunkt des Museums ist das Leben im Rodachtal im 20. Jahrhundert - Landleben am Zonenrand. Die deutsche Teilung und die Wendezeit werden mit einem originalgetreuen Modell der Grenze, Dokumenten, Tafeln und Original-Exponaten gezeigt. Weitere Informationen gibt's auf www.zweilaendermuseum.de. Hier wird auch über die Außenstellen informiert: An Originalschauplätzen geht's um Geschichte vom Aufbau der Grenzanlagen und der "Aktion Ungeziefer" im Jahr 1962 bis zur Öffnung der Grenze 1989.

Museum für Grenzgänger Auch das Museum in Bad Königshofen (Landkreis Rhön-Grabfeld) hat Außenstellen, die sich für eine Grenzwanderung anbieten. Die Ausstellung selbst bringt dem Besucher einzelne Schicksale im Kalten Krieg nahe. Menschen die im geteilten Grabfeld mit der Grenze lebten - oder sie überwanden. Dazu gibt's Informationen über Alltag, Transitverkehr und fast vergessene, teils kuriose Kleinigkeiten. Aber ohne dass Ostalgie aufkommen könnte: Dafür sind die Zäune, Selbstschussanlagen und Geschichten zu schaurig. Weitere Informationen unter /www.museum-fuer-grenzgaenger.de

Theresienfest
Vom 26. September bis 3. Oktober feiert Hildburghausen das 26. Theresienfest, das nicht etwa als Kopie des Oktoberfestes auf der Theresienwiese in München gelten darf. Eigentlich ist es die Mutter des größten Volksfestes der Welt, denn Namensgeberin der Festwiese in München war Theresie von Sachsen-Hildburghausen. Bei deren Hochzeit mit Kronprinz Ludwig, dem späteren bayerischen König, wurde 1810 das erste "Oktoberfest" in München gefeiert.