Natürlich kann man Karl May lesen. Man braucht nur diese "eletären kleinen Hiroglyfen" (E. Henscheid), die Buchstaben, aneinanderzureihen, und schon liest man. Blödsinn wie "Shades of Grey" oder Flachsinn wie Paulo Coelho wird ja auch gelesen, und zwar massenhaft. Wenn man durch die Ausstellung in der Bamberger Villa Dessauer schlendert, "Karl Mays Traumwelten", mit Illustrationen zu Werken Mays, kommen sie unweigerlich, die Erinnerungen.

Wie man so mit sieben, acht, den ersten May bekam - nicht einen der "grünen Bände" aus dem Karl-May-Verlag, die waren zu teuer und standen nur zuhauf in der "Volksbücherei" in der Königstraße, heute Caritas-Zentrale, sondern eine Kaufhaus-Lizenz mit ebenfalls grünem billigem Pappband - es war, ich weiß es genau, "Durch das Land der Skipetaren", wie man dann "Winnetou" verschlang und Old Surehand in den bunten Taschenbuchausgaben, mit irrsinnig kleinem Schriftgrad, wie man "Unter Geiern" vom Schulfreund lieh: Das kommt alles wieder hoch.

Was wohl vielen so geht. Verklärtes Lächeln, die Jugendlektüre ist halt die fesselndste, schrieben schon Ludwig Tieck, Karl Gutzkow und Arno Schmidt - und da wären wir schon beim desillusionierten Erwachsenen. Karl May wurde bald abgelöst durch Perry-Rhodan-Heftchen (leider!, auch die werden an dieser Stelle irgendwann mal erledigt werden), bessere Science Fiction und schließlich zögernd Hochliteratur. Irgendwann in meinen Dreißigern tauchte Karl May wieder auf, via Haffmans Verlag und Arno Schmidt und Hans Wollschläger. Der war ja lange Lektor im Karl-May-Verlag gewesen, hatte die erste richtige May-Biografie verfasst und sich wütend mit dem Verlag angelegt wegen dessen "Bearbeitungen" ist gleich Verstümmelungen, Eindeutschungen, Simplifizierungen. Mit einem Trivialautor glaubte man's ja machen zu können.

Und ein Trivialautor ist May. Zumal der ganz frühe, der Kolportageromane wie "Deutsche Herzen, deutsche Helden" verbrach oder "Der verlorne Sohn". Alle wieder verwurstet in den damals 60, heute 93 Bänden der "Gesammelten Werke". Was wussten wir davon? Nichts! Uns interessierten eh nur die Reiseerzählungen, die Klassiker um Winnetou, Shatterhand und Kara Ben Nemsi.

In den 1980ern begann das verrückte Unternehmen einer "historisch-kritischen" Karl-May-Ausgabe, gab es schöne Bände bei Greno, und Haffmans, dem ökonomisch das Wasser bis zum Hals stand, verwurstete alles gleich wieder in der Taschenbuchmühle. Egal, man griff als Bibliophiler doch wieder einmal zu "Weihnacht" oder dem "Schatz im Silbersee" oder nahm sich aus dem Antiquariat eine "Winnetou"-Ausgabe mit schönen Illustrationen nach Haus.

Und las. Das ist natürlich Bubenfutter oder eben für Leute, die ihre Kindheit und Jugend revozieren wollen (bin ich auch nicht frei davon, ich gesteh's). Handeln wir zunächst das Schlimme bis Unerträgliche ab: Unerträglich ist die Frömmelei des im Grunde wohl agnostischen May, der sich opportunistisch vor allem der Catholica andiente. Klare Schwarzweißmalerei, und wie im primitivsten Heiligenkalender glauben am Schluss immer die Schurken (dran).

Ewig dieselben Handlungsmuster, gefangen - befreit, das lächerliche oberlehrerhafte Besserwissertum Shatterhands/Nemsis/Mays, der alles kann, weiß und schon als Greenhorn erfahrene Westmänner blamiert. Endlose Bierreden, bevor's zur Sache geht (ähnlich wie in Coopers "Lederstrumpf"-Bänden, die unbearbeitet heute auch unlesbar sind). Faschingsindianer, die mit der ethnologischen Realität wenig bis nichts zu tun haben, neokoloniale Anwandlungen in den Orient-Romanen, skurrile Freundespaare in wechselnder Gestalt, die Sonderlinge abgekupfert vom bürgerlich-realistischen Roman des 19. Jahrhunderts.

Wenn man schon Abenteuer haben will, dann sind Friedrich Gerstäcker, Balduin Möllhausen oder die "Alten Abenteuerlichen Reiseberichte" der Edition Erdmann die bessere Adresse. Das symbolistische Spätwerk ist nur etwas für Spezialisten. Ach ja, an etlichen Stellen kommt eine atavistische Grausamkeit vor, die unsere heutigen Jugendschützer erschauern lassen müssten, wenn sie sie denn kennten. (Mir hat derlei nicht geschadet; ich bin dennoch ein sehr friedlicher Mensch geworden.)

Nein, May interessiert den fortgeschrittenen Leser nur, wenn der dessen Biografie kennt. Dann nämlich wird der Mann ein ziemlich einzigartiges Phänomen. Wie hier einer die Frustrationen und Demütigungen seines Lebens umsetzt und kompensiert in eine Traumwelt - das kenne ich von keinem andern. Die Befreiung des Gefangenen - Träume des Knastbruders May. Selbstbewusstes Auftreten vor Autoritätspersonen - dito. Das Anschwärmen seines Winnetou - homosexuelle Fantasien? Ich bin zu wenig Fachmann, um das zu entscheiden.

Arno Schmidts These, die nach dem Prinzip unbewusster Kulissenwahl wie gigantische Hinterteile geformten Landschaften Mays verrieten sein Innerstes und faszinierten die Leser immerdar, ist lustig, aber natürlich kompletter Nonsens. Die Superman-Fähigkeiten fesseln zumal pubertierende Buben.

Bleibt also: Lest May vor dem Hintergrund seiner Biografie (es liegen mehrere sehr gute vor, die von Hans Wollschläger ist immer noch brauchbar). Ihr werdet einen ganz eigenartigen Fall entdecken. Die Frömmelei und Personenzeichnung auf Klippschulniveau müsst Ihr dabei in Kauf nehmen. Und nebenbei, eine Zeitreise in die eigene Kindheit gibt's dazu. Und außerdem ist May, gemessen an heutigen Standards, ein gewiefter Unterhaltungsschriftsteller mit Fantasie und Sinn für Spannungsbögen und Plots. Bevor ich einen Dan Brown in die Hand nehme, schlage ich lieber mal wieder "Durch die Wüste" auf: "Und ich sage dir, Sihdi, du wirst doch noch ein Rechtgläubiger werden ..."

PS: Der Bamberger Karl-May-Verlag insistiert darauf, dass auch und immer noch viele Jugendliche May läsen. Die Botschaft hör' ich wohl, allein ... Zu wünschen wär' es allen: May, dem Verlag, den Jugendlichen.