Die Anspannung ist der Hauptbelastungszeugin anzumerken. Die junge Frau (27) gilt als Schlüsselfigur im Prozess gegen Heinz W. (50), den früheren Chefarzt der Gefäßchirurgie am Klinikum Bamberg.

Am 21. Tag des Missbrauchsprozesses steht sie mit ihrem Verteidiger im Verhandlungssaal und kann nur schwer ihre Tränen unterdrücken. Im Zeugenstand dann wird deutlich, dass sie bis heute leidet.

Im Sommer 2014 hatte die junge Frau im Klinikum ihr Medizinpraktikum abgeleistet. Laut ihren Aussagen, habe sie der Angeklagte dort zu einer Teilnahme an einer angeblichen Studie ermutigt. "Das war am zweiten Tag meiner Station in der Gefäßchirurgie", erklärte sie vor der zweiten Strafkammer des Landgerichts Bamberg.
Laut Anklage soll der Mediziner am 28. Juli 2014 während der Untersuchung für diese Studie sein mutmaßliches Opfer mit einer K.o.-Tropfen-ähnlichen Flüssigkeit ruhig gestellt und sich anschließend an ihr vergangen haben.


Filmriss im Gedächtnis

Was genau geschah, daran kann sich die Medizinstudentin bis heute nicht mehr vollständig erinnern. "Ich habe immer nur einige Erinnerungsfetzen", sagte sie mit ruhiger, fester Stimme. Der Filmriss in ihrem Gedächtnis setzte ein, als ihr der angeklagte Heinz W. ein Mittel über einen Zugang in der Elle verabreicht habe.
Laut Chefarzt soll es sich um ein harmloses Kontrastmittel für eine Ultraschalluntersuchung ihrer Venen gehandelt haben. Aber eine spätere Blutprobe ergab, dass ihr das schwere Beruhigungsmittel Midazolam verabreicht worden war.

Der Mediziner soll, so heißt es in der Anklage, während dieser Untersuchung mit Sexspielzeug an der jungen Frau herum manipuliert haben - das zumindest würden Filme und Bilder belegen, die der Chefarzt selbst angefertigt habe. Die junge Frau auf der Behandlungsliege bekam nichts mit. "Erst später setzt meine Erinnerung ein, als mir der Arzt einen Espresso oder Capuccino anbot - doch da war alles bereits vorbei", schilderte die Studentin. Als Lohn für diese Untersuchung, die einer medizinischen Studie dienen sollte, übergab Heinz W. der Studentin wenige Tage später übrigens einen Amazon-Gutschein in Höhe von 30 Euro.

In ihrer Aussage gab die Zeugin zudem an, dass sie nach der Untersuchung mit dem Wagen zu ihrem Freund nach Forchheim unterwegs gewesen sei. "Aber von der Fahrt weiß ich auch nur sehr wenig. Ich habe den Tacho meines Smarts vor Augen, der 140 Stundenkilometer anzeigte. Eine Geschwindigkeit, die ich selten auf der Autobahn fahre", sagte die Frau.

Erst im Laufe des Abends sei ihr der Gedanke gekommen, sich Blut nehmen zu lassen, um mehr über die Ursache ihrer Erinnerungslücken zu erfahren. Eine solche Untersuchung habe eine Ärztin des Krankenhauses in Forchheim aber gegen 21.45 Uhr verweigert. Selbst die Bereitschaft des mutmaßlichen Opfers und ihres Freundes, die Kosten für diese Probe selbst zu übernehmen, änderte nichts an der Weigerung der diensthabenden Ärztin in Forchheim.

Erst der Vater der Studentin, der selbst Mediziner ist, habe eine Blutprobe genommen. Darin konnten dann Spuren des starken Beruhigungsmittels Midazolam nachgewiesen werden.


Quälende Erinnerungen

Bis heute verfolgen diese Ereignisse die junge Frau. "Ich musste mein Examen um sechs Monate verschieben, kann mich schlecht konzentrieren. Jeden Tag muss ich seitdem an diesen 28. Juli 2014 denken", meinte sie zu Richter Manfred Schmidt. In Richtung der Verteidiger des Chefarztes richtete die Studentin während der Verhandlung scharfe Vorwürfe: "Es ist für mich eine einzige Zumutung, dass dieses Verfahren solange dauert. Die Anwälte haben einen sportlichen Ehrgeiz, Recht und Unrecht zu vertauschen, um so den Prozess in die Länge zu ziehen."

Der ehemalige Chefarzt Heinz W. weist weiter sexuelle Motive von sich. Er habe lediglich neue Behandlungsmethoden erproben wollen. Die Fotos seien für Vorträge und Fortbildungsveranstaltungen gedacht gewesen. Insgesamt soll sich der 50-jährige ehemalige Chefarzt laut Staatsanwaltschaft an zwölf jungen Patientinnen und Klinikangestellten vergangen haben. Im Falle einer Verurteilung drohen ihm bis zu 15 Jahre Haft.