So, wie es in der Anklageschrift steht, habe es sich im Juni 2014 in einem Hotelzimmer in Bochum zugetragen. Nicht mehr, aber auch nicht weniger als den "objektiven Ablauf" einer gemeinsamen Nacht mit der Patentochter seiner Ehefrau ließ der Angeklagte Heinz W. am 29. Prozesstag durch seine Verteidigung einräumen.

Es war eine zunächst ganz pauschale Erklärung, mit der Rechtsanwalt Klaus Bernsmann nach einem langen Verhandlungstag im Bamberger Chefarzt-Prozess alle anderen Beteiligten und die Zuhörer überraschte. Es geht um den einzigen Fall der Anklage, der sich nicht im Bamberger Klinikum zugetragen hat und in dem das mutmaßliche Opfer weder eine Patientin noch eine Mitarbeiterin von W. war.

In Fall 13 wirft die Staatsanwaltschaft dem 50-jährigen Gefäßchirurgen vor, er habe die damals 18-Jährige unbefugt und ohne ihr Einverständnis gefilmt und mit einem Gegenstand berührt, als sie nachts halb nackt auf dem Bett im Hotelzimmer lag.


"Objektiver Ablauf" wie angeklagt

Den Fall wollte die Strafkammer am nächsten Verhandlungstag, dem 3. November, näher beleuchten. Sie hat für diesen Termin bereits das mutmaßliche Opfer als Zeugin geladen. W.s Verteidiger beantragten nun, der angeblich schwer psychisch kranken Frau das Erscheinen vor Gericht zu ersparen. Der Angeklagte sei dafür bereit, die "Tatsachen" jener Nacht einzuräumen.

Nach einer kurzen internen Beratung kam die Zweite Strafkammer der Verteidigung ein Stück weit entgegen. Vorsitzender Manfred Schmidt bot den Verzicht auf die Zeugin unter drei Bedingungen an: Heinz W. müsse eine geständige Einlassung zu diesem Punkt machen und zustimmen, dass das von ihm damals gefertigte Video in Augenschein genommen und die Zeugenvernehmung der Frau bei der Polizei verlesen wird.

All das soll - nichtöffentlich - an einem der nächsten Verhandlungstage geschehen. Würde es sich die Verteidigung anders überlegen, will das Gericht die Zeugin zu Fall 13 am 10. November hören.

So fürsorglich wie mit diesem möglichen Opfer W.s zeigte sich die Verteidigung bisher bei anderen Zeugen nicht. Teils wurden diese von den bis zu drei Rechtsanwälten des früheren Chefarztes insistierend befragt, teils bezichtigt die Verteidigung sie unverhohlen der Unglaubwürdigkeit.

Im Schussfeld steht vor allem die angehende Ärztin und ihre Angehörigen, die mit ihrer Anzeige gegen W. im Sommer die Ermittlungen angestoßen hat. Im Blut dieser Zeugin, damals Praktikantin in der Klinik für Gefäßchirurgie, war nach einer "Untersuchung" durch den damaligen Chefarzt ein Hypnotikum namens Midazolam nachgewiesen worden.

Für die Anklage ein Beweis für die Täterschaft des 50-Jährigen. Er soll den Frauen etwas verabreicht haben, das sie willenlos machte, als er sie - angeblich für eine Studie über Beckenvenenthrombose - zu sich in die Klinik gebeten hatte.

Die Blutuntersuchung stand im Mittelpunkt des 29. Verhandlungstags. Als Zeuge war ein Laborarzt aus Augsburg erschienen. Er erklärte vor Gericht, auf welchem Weg Blutproben von einer Arztpraxis zum Labor gelangen und wie man dort mit ihnen verfährt.

Nach seiner Aussage tragen das Röhrchen mit dem Blut und der dazu gehörige Überweisungsschein des auftraggebenden Arztes einen Barcode, der Verwechslungen ausschließt. Die Aufkleber auf den Röhrchen fülle jeweils die Praxis aus. Sie gäben auch Auskunft über den Zeitpunkt der Blutabnahme.

Im konkreten Fall sind der 29. Juli 2014, 11.04 Uhr angegeben, obwohl es laut Anklageschrift am 28. Juli 2014 zwischen 23 und 24 Uhr gewesen sein soll, dass die Kronzeugin sich von ihrem Vater, einem niedergelassenen Arzt, das Blut hatte entnehmen lassen.

Die Bewertung dieses etwaigen Widerspruchs durch die Prozessparteien fiel denkbar konträr aus. Die Verteidigung sieht sich in ihrem Verdacht bestärkt, dass die Kronzeugin, ihr Partner und ihr Vater W. zu Unrecht belastet haben sollen.

Oberstaatsanwalt Bernd Lieb und mehrere der Rechtsanwälte, die die Nebenklägerinnen vertreten, glauben, dass sich die Sache ganz einfach klären wird: Sie gehen davon, dass es die Sprechstundenhilfe war, die das Datum eingetragen hat, als ihr die Blutprobe am nächsten Vormittag ausgehändigt wurde, um sie transportfertig zu machen.

Angefangen hatte der 29. Prozesstag wie etliche vorher seit Beginn des Strafverfahrens am 7. April: mit Vorwürfen und Angriffen W.s gegen die Polizei und die Medien. Durch beide fühlt er sich vorverurteilt.


Kritik an Verteidigungsstrategie

Einzelne Nebenklägervertreter kritisieren inzwischen mehr oder weniger offen die Strategie der Verteidigung im längsten Indizienprozess, der je in Bamberg stattgefunden hat.

"Ich verwahre mich gegen die Argumentation, dass die Frauen erst durch die Befragung bei der Polizei und das Zeigen der Fotos durch den ermittelnden Beamten zu Opfern gemacht worden wären," sagte Rechtsanwalt Jürgen Scholl gestern im Gespräch mit der Lokalredaktion am Rand des Verfahrens. W. und seine Anwälte würden Ursache und Wirkung vertauschen.

Die Bilder, die den Frauen bei der Polizei im Zuge der Ermittlungen gegen den Chefarzt gezeigt worden seien, habe niemand anderer als W. angefertigt. Das soll ohne deren Wissen geschehen sein.

Es handelt sich um Aufnahmen und Videosequenzen ihrer Intimzonen, von denen sich eine Vielzahl bei den Prozessakten befinden.