Es sind ungeheuerliche Vorwürfe, um die es seit 7. April vor dem Bamberger Landgericht geht: Heinz W., 50 Jahre alt, Familienvater und bis Sommer 2014 ein angesehener Chefarzt im Klinikum, soll zwölf Patientinnen und Mitarbeiterinnen und eine weitere junge Frau, die seiner Familie nahe steht, betäubt und sexuell missbraucht haben.

Nach beinahe 40 Verhandlungstagen mit ungezählten Zeugen steht für Staatsanwaltschaft und Nebenkläger-Vertreter fest, dass es an der Schuld des Angeklagten keine Zweifel gibt.


Angeklagter in der Opferrolle

W. und seine drei Verteidiger dagegen wehren sich vom ersten Prozesstag an vehement gegen die Vorwürfe. Der Angeklagte stellt sich selbst als Opfer dar: als Opfer von angeblich einseitigen Ermittlungen der Polizei, als Opfer der Medien und einer öffentlichen Vorverurteilung, sogar als Opfer der Frauen, die er missbraucht haben soll.

Die Verteidigung spekuliert immer wieder über eine Verschwörung der zwölf Patientinnen und Klinik-Beschäftigten gegen Heinz W..

Dabei haben sich die meisten der Frauen erst durch die polizeilichen Ermittlungen 2014 kennen gelernt, durch das Schicksal, das sie allem Anschein nach zu Opfern von W. machte.

Der Gefäßspezialist soll alle 13 Frauen nach demselben Schema missbraucht haben: Er bat sie - meist am späten Nachmittag, wenn er schon allein in seiner Klinik war - in eines seiner Untersuchungszimmer. Unter dem Vorwand, an einer Studie zu arbeiten und unter dem weiteren Vorwand, sie bekämen ein Kontrastmittel, soll er ihnen ein Hypnotikum gespritzt haben.

Die bewusstlosen Frauen entkleidete er dann im Intimbereich, berührte, fotografierte und filmte sie und führte Gegenstände ein, vaginal und anal. Das dokumentieren zahlreiche Bilder, die sich in den Gerichtsakten befinden.

Die Fotos werden von den Prozessbeteiligten allerdings konträr ausgelegt. Für Staatsanwaltschaft und Nebenklage sind sie der Beweis, dass der Arzt das Vertrauen von Patientinnen und Mitarbeiterinnen missbraucht hat, um sexuelle Fantasien auszuleben. Sein Tun erfüllt aus ihrer Sicht die Straftatbestände der Vergewaltigung, gefährlichen Körperverletzung und Verletzung des höchstpersönlichen Lebensbereichs durch Bildaufnahmen.

Glaubt man W., dann dienten die Aufnahmen rein medizinischen Zwecken. Er will nach neuen Untersuchungsmethoden bei Beckenvenenthrombosen von jungen und sehr schlanken Frauen gesucht haben. Mit dieser Darlegung versucht der Angeklagte auch den Einsatz von Sexspielzeug bei den vermeintlichen "Untersuchungen" zu erklären. Keine Erklärung lieferte die umfangreiche Beweisaufnahme bisher dafür, weshalb der Arzt die Frauen nicht um ihr Einverständnis zu den Fotos gefragt hat, wenn sie einen seriösen Hintergrund gehabt haben.

Das öffentliche Interesse am Verfahren hat stark nachgelassen. Brauchten Medienvertreter und Zuhörer anfangs Platzkarten, so sind die Prozessbeteiligten jetzt oft unter sich. Spätestens zum Urteil dürfte der Saal wieder aus allen Nähten platzen. Freilich: Das Ende ist derzeit nicht absehbar.

Das Gericht hat bis 9. März vorerst zehn weitere Sitzungstage angesetzt. Angesichts von wenigstens vier Sachverständigen, die ihre Gutachten erstatten werden, sobald alle Zeugen gehört sind, und angesichts der verbalen Angriffe durch die Verteidigung, denen sich einzelne der Experten ausgesetzt sehen, kann es noch ein langer Prozess werden.