Schon 2013 erwarb Chapeau Claque die Alte Seilerei, um sie zur neuen Bühne des Kindertheaters umzufunktionieren. Zwei Jahre vergingen seither. Jetzt läuft der Countdown zur Eröffnung der Spielstätte auf dem ehemaligen Schaeffler-Gelände: Am 28. November hebt sich der Vorhang - und das erste Stück feiert unter der Adresse zeitgleich Premiere: "Pinguine können keinen Käsekuchen backen." Eine neue Ära läuten die komischen Vögel beim Kindertheater ein, das sich künftig nicht mehr nur kleinen Bühnenfans widmen möchte.

Mehr als gespannt sehen Schauspieler und Verantwortliche hinter den Kulissen dem großen Tag entgegen, an dem das Publikum erstmals die Alte Seilerei stürmt. Geprobt wird derzeit noch an der Grafensteinstraße, wie Heidi Lehnert als Produktionsleiterin und Regisseurin des Eröffnungsstücks berichtet. Erst wenige Tage vor der Premiere ziehen die Darsteller ins neue Ambiente, nachdem zuvor noch Installationsarbeiten erledigt werden müssen, die Bühnentechnik Einzug hält und die große Zuschauertribüne montiert wird.
 


600 Quadratmeter

Über eine Gesamtfläche von 600 Quadratmetern verfügt Chapeau Claque auf dem Schaeffler-Gelände, während man sich beim bisherigen Spielort an der Grafensteinstraße mit nur 270 Quadratmetern begnügen musste. 200 Zuschauer fasst der sechs Meter hohe Theatersaal mit "preußischer Kappendecke", die ebenso für den industriellen Charme der Location steht wie die freigelegten Backsteinwände. Erst Anfang des Jahres konnte allerdings der Umbau des denkmalgeschützten Domizils beginnen. "Wir mussten abwarten bis die Finanzierung gesichert ist, an der sich die Stadt mit 50.000 Euro neben der Oberfrankenstiftung, der Bayerischen Landesstiftung und anderen Einrichtungen beteiligte", erläutert Markus Hörner als Geschäftsführer des Theaters. Dankbar sei man auch der Denkmal neu GmbH, die die Immobilie Chapeau Claque für einen "symbolischen Kaufpreis überließ".

Rund 900.000 Euro flossen seither in Ausbau und Ausstattung des Kulturzentrums, das in der Alten Seilerei künftig neben Kindern neue Zielgruppen ansprechen soll. So sollen hier nun auch Konzerte, Lesungen und experimentelle Projekte über die Bühne gehen, um Studenten und andere Kulturfreunde zu erreichen.

Neben dem 300 Quadratmeter großen Theatersaal als Herzstück der Alten Seilerei entsteht ein Theatercafé. Daneben gibt es einen Backstage-Bereich mit Garderoben, eine Werkstatt, Lagerräume und Aufenthaltsbereiche für Jugendliche, die sich bei Chapeau Claque auf die eine oder andere Weise kreativ zeigen wollen.
 


Mehr zeitgenössische Stücke

Zurück zu den Spaßvögeln, die ab 28. November das kleine Publikum unterhalten. Warum startet gerade Ulrich Hubs Komödie "Pinguine können keinen Käsekuchen backen" die erste Spielzeit nach dem Ortswechsel? "Weil wir künftig mehr zeitgenössische Stücke aufgreifen möchten, nachdem in den vergangenen Jahren viele Klassiker thematisiert wurden", meint der Geschäftsführer von Chapeau Claque. Auch in dieser Hinsicht betritt die Bühne nach dem Umzug Neuland.

Ein heilloses Chaos verbreiten die tierischen Protagonisten in der Alten Seilerei: zwei Pinguine, ein extrem kurzsichtiger Maulwurf und ein verrücktes Huhn mit Staubsauger. Nachdem Hubs Titelhelden in Nullkommanix einen scheinbar herrenlosen Käsekuchen verspeisten, fordert der hungrige Besitzer Ersatz. Dabei können "Pinguine (nun mal) keinen Käsekuchen backen", und müssen sich trickreich aus der Affäre ziehen.

"Ein absurd-anarchisches Stück über tierische (und menschliche) Schwächen, Freundschaft und Rivalität erwartet das Publikum", sagt Heidi Lehnert. Unter ihrer Regie spielen Susanna Bauernfeind, Laura Mann, Florian Berndt und Benjamin Bochmann die zwei- und vierbeinigen Protagonisten. Man darf gespannt auf die Geschichte sein, mit der Ulrich Hub im Jahr 2000 den Niederländisch-Deutschen Kinder- und Jugenddramatikerpreis gewann. Der Tübinger mag übrigens lieber Obst- als Käsekuchen, wie er gegenüber Heidi Lehnert äußerte.
 


Auf einen Blick

Das Stück "Pinguine können keinen Käsekuchen backen" ist am 28. November, 16 Uhr (Premiere), 29. November, 15 Uhr, 5. Dezember, 17 Uhr, 6. Dezember, 15 Uhr, 12. Dezember, 17 Uhr, 13. Dezember, 15 Uhr, 19. Dezember, 17 Uhr, 20. Dezember, 15 Uhr, 24. Dezember, 11 Uhr, 10., 17. und 24. Januar, 15 Uhr in der Alten Seilerei 9-11 zu sehen. Tickets gibt's über den BVD unter 0951/9808220.



 


Interview mit Ulrich Hub, dem Autor des Eröffnungsstücks
"Pinguine können keinen Käsekuchen backen"

Herr Hub, mögen Sie Käsekuchen?
Ulrich Hub: Ich mag lieber Obstkuchen, aber Käsekuchen gefällt mir einfach als Wort. Käse und Kuchen - das passt eigentlich nicht richtig zusammen und klingt schon mal komisch. Als Kind habe ich eine gruselige Käsekuchen-Backmischung geliebt - das war aber bestimmt kein Käse drinnen sondern nur leckere Chemie, und ich habe darauf bestanden, dass der Kuchen genauso aussah wie auf der Verpackung - mit Büchsenmandarinen auf der Oberfläche.

Wie kamen Sie auf die Idee zum Stück "Pinguine können keinen Käsekuchen backen" und wie haben Sie die Geschichte entwickelt?
Davor hatte ich ein Stück geschrieben, das ich ganz großartig fand - als einziger. Dann war ich beleidigt und habe etwas geschrieben, das niemand gefallen sollte - nur mir. Tatsächlich hatte beim Schreiben viel Vergnügen, was nicht immer der Fall ist. Meine Grundidee war, Figuren zu schreiben, die sich unter keinen Umständen begegnen sollten, um sie sich dann so schnell wie möglich begegnen zu lassen.

Pinguine, Maulwurf, Huhn - warum haben Sie genau diese Tiere für das Stück ausgewählt?
In meinem ersten Kinderstück trat ein einziger Pinguin auf - da war es naheliegend, im zweiten Kinderstück zwei Pinguine auftreten zu lassen. Bei Pinguinen denke ich - natürlich darf sich jeder seine eigenen Vorstellungen machen - nicht an die eleganten Königs- oder gar Kaiserpinguine, sondern an ein paar Exemplare, die ich einmal in Südafrika gesehen hatte: Klein, struppig, unelegant, streitsüchtig, laut und einen enormen Gestank verbreitend. Wie ich auf die anderen Tiere gekommen bin, weiß ich ehrlich gesagt nicht mehr. Vermutlich weil sie sich in der Natur eigentlich gar nicht begegnen.

Wenn Sie ein Tier wären, welches wäre das?
Es gibt ein lustiges (halbpsychologisches) Spiel. Man fordert jemanden auf, ein Lieblingstier zu nennen und drei Eigenschaftswörter als Begründung anzugeben. Dann muss man ein zweites Lieblingstier nennen und ebenso begründen. Zum Schluss ein drittes. Die Lösung: Das erste Tier ist: wie man gerne wäre. Das zweite Tier ist: wie man wirklich ist. Das dritte Tier: So sehen einen die anderen. Bei mir war das erste Lieblingstier: Eisbär (unabhängig, stark, majestätisch). Das zweite Tier: Hund (treu, häuslich und ein bisschen doof). Das dritte ... jetzt muss ich wirklich überlegen, das ist schon so lange her. Vielleicht fällt es mir ein. Aber an das dritte Tier meiner Schwester erinnere ich mich noch gut: Heuschrecke (hässlich, springt in der Gegend rum und niemand kann es leiden). Aber kurz gesagt: Eisbären mag ich gern und einen Hund hätte ich gern.

Sie arbeiten als Schauspieler, Regisseur und Autor. Was gefällt Ihnen an diesen drei Arbeitsgebieten jeweils am besten?
Als Schauspieler arbeite ich schon lange nicht mehr, aber ich bemühe mich darum, gute Rollen für Schauspieler zu schreiben - selbst wenn sie nicht stücktragend sind. Als Autor arbeitet man allein und muss sich selbst motivieren, als Regisseur arbeitet man mit anderen zusammen, muss/darf sie motivieren und reagiert auf die Vorschläge von anderen. Beides mag ich und bin froh, dass ich abwechselnd das eine und das andere machen kann. Wenn ich meine eigenen Stücke inszeniere, ändere ich auf den Proben oft den Text, streiche oder schreibe etwas dazu - das Stück ist erst fertig am Tag der Generalprobe.

Denken Sie, dass Kinder absurde Theaterstücke verstehen?
Ist dieses Theaterstück absurd? Für mich ist das eine ganz konkrete Situation. Man hat etwas geklaut und versucht, es wieder gut zu machen - so gut man eben kann. Und lustig kann es dadurch werden, weil die Pinguine nicht richtig nachdenken (vielleicht aus Zeitmangel) und auf andere Leute hören - anstatt selbst ihren eigenen Kopf zu benutzen.

In Ihren Kinderstücken sind häufig Tiere die Protagonisten. Sehen Sie sich da als Autor in der Tradition der Fabel bzw. worin sehen Sie den Unterschied in Ihrer Dramatik?
Fabeln haben mich schon als Kind nicht interessiert. Da muss man schließlich immer was lernen oder eine "Lehre daraus ziehen" und dann gibt immer nur eine einzig richtige. Das finde ich immer noch sehr unangenehm. Tiere nehme ich gerne als Protagonisten in Theaterstücken, weil man besetzungstechnisch unabhängiger ist. Jede Figur kann von einer Schauspielerin gespielt werden oder von einem Schauspieler.

Nach Lessing soll die Fabel ja immer auch moralisch-belehrend sein. Was können Kinder aus den "Pinguinen" mitnehmen?
In erster Linie möchte ich im Theater unterhalten werden - aber auf eine halbwegs intelligente Art. Das heißt: Ich möchte etwas erfahren, was ich vorher noch nicht gewusst habe. Aber ohne Humor geht es gar nicht. Ich lese kein Buch, das nicht irgendwie komisch ist. Auch Dostojewski ist übrigens sehr komisch. Außerdem sollte bei Kinderstücken immer eine Utopie sein - aber das erwarte ich übrigens auch bei Stücken/Büchern für Erwachsene. Das heißt nicht, dass immer ein Happy End geben muss. Bei Schiller sterben oft die falschen Leute, aber die Utopie lebt weiter. So kapiere ich das jedenfalls.

"Pinguine können keinen Käsekuchen backen" ist ein Theaterstück für die ganze Familie. Was gefällt kleinen und großen Kindern sowie Erwachsenen an Ihrem Stück?
Das kann ich natürlich nicht beurteilen. Aber ich habe beobachtet, dass Erwachsene bei anderen Stellen lachen als die Kinder und umgekehrt. Niemand soll sich im Theater langweilen.

Und eine letzte Frage: Wie oft müssen Sie eigentlich den Staubbeutel Ihres Staubsaugers wechseln?
Lange Zeit hatte ich einen Staubsauger ohne Staubbeutel, bis ich mich fragte, warum ich beim Entleeren des Behälters immer in einer riesigen Staubwolke stehen muss. Jetzt habe ich wieder ein klassisches Modell und leere den Staubbeutel immer ein bisschen zu spät - aber bin jedes Mal aufs Neue überrascht, wie sehr sich die Leistung des Staubsaugers dadurch steigern lässt.

Die Fragen stellte Heidi Lehnert