"Lass keine Wäsche in den Tagen zwischen Weihnachten und Dreikönig auf der Leine hängen!" Der prall gefüllte Wäschekorb nach den Feiertagen verhöhnt die Worte des Nachbarn, die er mit warnendem Unterton ausgesprochen hat. Und die Versuchung ist groß, ein umfangreiches Waschfest zu veranstalten. Was, so denkt der rationale Mensch von heute, soll schon passieren, wenn ein Laken in dieser Zeit auf der Leine hängt?

Doch die Zeit "zwischen den Jahren", zu der die zwölf Tage zwischen 25. Dezember und 6. Januar zählen und die auch als "Rauhe Nächte" oder "Raunächte" bezeichnet werden, ist keine einfache Zeitspanne. "Es hat sich eine Vielzahl von Bräuchen entwickelt, die ihrerseits regional gefärbt sind", erklärt Birgit Jauernig.

Die Volkskundlerin hat sich mit den Bräuchen und deren Herkunft intensiv beschäftigt. "Sowohl im alpenländischen Raum als auch hier in der Gegend war es üblich, dass in dieser Zeit Haus und Hof ausgeräuchert und mit Weihwasser ausgesprengt werden."

Weihrauch, aber auch anderen Kräutern wie Salbei oder Wacholder, wird abwehrende und schützende Wirkung zugeschrieben. Ein Blick in das "Lexikon der Bräuche und Feste" listet weitere Vorschriften auf. So durften in der Zeit der "Rauhen Nächte" Frauen und Kinder nach Anbruch der Dunkelheit nicht mehr die Straßen betreten, Haus, Hof, Küche und die Werkstätten mussten aufgeräumt sein, Wäsche durfte nicht mehr auf der Leine hängen, "denn", so das Lexikon, "Unordnung wurde von den Dämonen bestraft." Zudem hatte ein Laken auf der Leine große Ähnlichkeit mit einem Leichentuch. "Dieses Laken wurde dann gern als Vorbote des Todes in diesem Haus gesehen", ergänzt Birgit Jauernig.

Der Begriff der "Tage zwischen den Jahren" rührt aus den unterschiedlich datierten Jahresanfängen. Sowohl am 25. Dezember, am 1. Januar als auch am 6. Januar wurde Neujahr gefeiert. Erst das 17. Jahrhundert legte den Neujahrstag verbindlich auf den 1. Januar fest. Somit fallen diese Tage in die Zeit zwischen den verschiedenen Jahresbeginnen, liegen also außerhalb der Zeit."In diesen Tagen galt ein Arbeitsverbot, lediglich die Tiere wurden versorgt", so die Leiterin des Bauernmuseums Bamberger Land in Frensdorf. Außerdem war für die Zeit zwischen Christi Geburt und Epiphanias Gerichtsruhe verhängt.

Das gesamte Leben war ruhiger, insbesondere in landwirtschaftlich geprägten Regionen. Die beste Zeit, um sich auch ein bisschen um die Zukunft zu kümmern. Die Rituale sollten Schlechtes abwenden und Gutes anziehen. "Bräuche dokumentieren das Bedürfnis nach einem Ordnungssystem", erläutert Birgit Jauernig. Gerne werden in dieser Zeit, insbesondere an Silvester, Linsen und Erbsen gegessen. Denn sie stehen für Wachstum. Die zwölf Nächte galten als Stellvertreter für die zwölf Monate des kommenden Jahres. Der Traum einer Nacht sagte die Geschehnisse des jeweiligen Monats im nächsten Jahr voraus, so die Annahme.


Auf Holz klopfen

Insgesamt erfreuten sich Orakel großer Beliebtheit. Ein über die Schulter geworfener Schuh oder ein Baumorakel sagte voraus, wer wen und wann heiraten würde. Heute lebt dieser Wunsch nach Weissagung im Bleigießen in der Silvesternacht fort und im Verschenken von Glücksbringern in Form von Schornsteinfegern und vierblättrigen Kleeblättern. "Der Mensch hatte schon immer den Wunsch, in die Zukunft zu sehen und sich gegen Unbilden zu schützen", stellt Birgit Jauernig fest. Die Unmenge an Horoskopen, das häufige "auf Holz klopfen" und die vielen kleinen Glücksbringer im Alltag belegen dies nachdrücklich. Allerdings, so räumt die Volkskundlerin ein, gibt es keinerlei Belege, dass die speziellen Bräuche der "Rauhen Nächte" auch tatsächlich geschützt haben.

Vermeintlich heidnische Bräuche, wie etwa die Perchtenbräuche und Perchtenumzüge, wie sie in der Nacht zum 6. Januar, dem "Tag der Erscheinung des Herrn", in Oberbayern und Österreich noch zu finden sind, kommen in dieser Zeit zusammen. "In der Forschung", so die Volkskundlerin, "deutet man die Perchten inzwischen als personifizierte menschliche Laster oder Sünden, die in diesen Tagen warnend durch die Straßen zogen."
Trotz aller Aufklärung und Vernunft faszinieren die Bräuche der "Rauhen Nächte" bis heute. Auch wenn ihre Bedeutung nicht immer präsent ist, so weiß man doch um sie. Ihre Magie lässt manchen schmunzeln und andere fest daran glauben, frei nach dem persönlichen Geschmack und Empfinden.

Und die schmutzige Wäsche im Wäschekorb? Diese Frage ist schnell beantwortet: Die kann warten.