Eigentlich hatte sie schon im vergangenen Jahr beim Blues- und Jazzfestival auftreten, ja, das Hauptkonzert bestreiten sollen. Doch dann hatte sie krankheitsbedingt kurzfristig absagen müssen. Albie Donnelly war mit "Supercharge" eingesprungen und hatte ein Spitzenkonzert abgeliefert. Aber am Dienstag war es soweit: Die Lady sang den Blues.
Und was für eine Lady! Angela Brown ist kein Pop-Leichtgewicht, in jeder Beziehung nicht. 1953 in Chicago geboren, der Heimatstadt des modernen Blues, kam sie zum Genre durch die biografische Rolle der Ma Rainey in einem Musical - andere sagen auch, es war Bessie Smith. Egal, beide waren legendäre Jazz- und Bluessängerinnen, in deren Fußstapfen Brown tritt.
Und sie ist mindestens genauso gut wie diese großen Künstlerinnen. Wie es sich gehört, hat sie im Kirchenchor gelernt und lässt also den Gospel mehr als durchklingen. Sie gebietet über ein mächtiges Organ, das mal seidig moduliert, mal abgrundtief grummelt, mal beherzt schreit - Brown kennt alle Finessen des weiblichen Blues-Gesangs, hat ihre Vorbilder genau studiert. Im Übrigen ist sie so erfahren, hat mit so vielen Größen des Genres in den USA und Deutschland musiziert - seit mehr als 20 Jahren lebt sie in Osnabrück -, dass sie intoniert wie im Traum. Und das wie immer bei diesem Festival eher zurückhaltende Publikum im Griff hat.
Als Begleitung hatte sie sich neben der Rhythmusgruppe aus Kevin Duvernay am elektrischen (Kontra-)Bass und Tommie Harris am Schlagzeug Christian Rannenberg als E-Pianisten mitgebracht. Der ist ein Routinier wie sie, vielleicht der versierteste deutsche Blues-Pianist, was bedeutete, dass er in seinen langen Soli immer wieder Boogie Woogie spielte. Also klimperte es mal aufreizend wie im Juke Joint, der Spelunke, mal rollten, immer im mittleren oder langsamen Tempo, die ostinaten Figuren der linken Hand. Virtuos, aber bei der kargen Instrumentierung konnten sich zumal bei langsamen Nummern die zwölf Blues-Takte schon verdammt lang dehnen.
Dafür spielte die Lady mit den Worten bei "Miss Sippi Waters" und alle Textstandards rauf und runter vom "Mother Blues" bis zur ersten Liebe und den folgenden. B. B. Kings "There Is Something On Your Mind" gab in etwa die Marschrichtung vor, ein Klassiker wie "Stagger Lee" durfte nicht fehlen, und zwischen den Gesängen um Liebe und Triebe bediente ja Rannenberg das Piano wie der große Pinetop Perkins, während die imposante Sängerin auch einmal herumtänzelte. Back to the roots hieß es an diesem eher kühlen Sommerabend, Emotion, nicht Rock 'n' Roll. Auch gut, denn Blues und Jazz schillern in vielen verschiedenen Facetten. Diese schillerte eben verhalten.