Alles, was er heute in seinem Beruf braucht, hat sich Christian Beyer selbst beigebracht. Und das verhältnismäßig spät. Erst mit 24 Jahren hielt der gebürtige Lichtenberger (Lkr. Hof), der seit zehn Jahren in Bamberg lebt, zum ersten Mal eine Kamera in der Hand.

Acht Jahre später kommt nun sein erster Dokumentarfilm in die Kinos. In "Sehnsucht Tibet - Ein Leben im Exil" erzählt der Filmemacher die bewegenden Geschichten von Exil-Tibetern. Nachdem der Dalai Lama 1959 aus der Heimat geflohen war, folgten ihm tausende Tibeter ins indische Exil. Seit über einem halben Jahrhundert ist Tibet von China besetzt.

Heute leben rund 130 000 Tibeter im Exil, vor allem in Indien und Nepal. Für die Dreharbeiten reiste Christian Beyer gemeinsam mit Wolfgang Grader, dem Bundesvorsitzenden der Tibet-Initiative Deutschland, und dem FT-Fotografen Matthias Hoch für zwei Wochen nach Indien und Nepal. Das fertige Werk läuft am Donnerstag den 10.Dezember um 19 Uhr im Lichtspiel in Bamberg.

Herr Beyer, nachdem sie über drei Jahre an Ihrem ersten Dokumentarfilm gearbeitet hatten, feierte "Sehnsucht Tibet" Anfang November in München Premiere. Wie fühlten Sie sich an diesem Abend?
Christian Beyer: Ich war stolz und vor allem erleichtert, dass der Film endlich veröffentlicht wurde. Eine große Last ist von mir abgefallen, die ich sogar heute noch spüre. Ich wusste ja lange nicht, wann und in welcher Form der Film überhaupt erscheinen kann.

Zweite Station für Ihren Film ist das Bamberger Lichtspielkino. Ist man in der Heimat besonders nervös vor einer solchen Vorstellung?
Absolut. Ich werde noch ein ganzes Eck angespannter sein als bei der Premiere. In München war ich quasi inkognito . Hier lebe ich seit zehn Jahren, habe viele Freunde und Geschäftspartner. Einige Leute waren drei Jahre in das Projekt involviert und haben immer wieder gefragt, wie es denn mit dem Film vorangeht. Das macht es jetzt noch aufregender.

Gedreht haben Sie den Film bereits im Sommer 2012. Warum hat es so lange gedauert, bis der Film auf die Leinwand kam?
Zum einen geht es um das Erstlingswerk. Ich musste viel lernen, nahezu alles ist in Eigenregie entstanden. Der Schnitt, ein großer Teil der Texte und die Komposition der Musik stammen aus meiner Feder. Das hat viel Zeit gekostet. Ich war auch etwas blauäugig.

Zwar habe ich schon einiges gedreht und eine grobe Vorstellung, wie so etwas funktioniert, aber es war lange nicht klar, wie der Film veröffentlicht werden kann. Ich habe mich mit vielen Fernsehsendern beschäftigt, aber die Sache hat sich immer wieder verzögert. Dazu habe ich mit dem Thema des Films eine große Verantwortung. Die Menschen haben mir ihre schwierige Lebensgeschichte erzählt, deswegen wollte ich das Thema auch respektvoll angehen.

Wie offen zeigten sich die Exil-Tibeter in den Gesprächen?
Die Flüchtlinge, mit denen ich in Indien gesprochen habe, waren sehr schüchtern. Aber sie haben sich dann relativ schnell geöffnet und gemerkt, dass ich das Ganze ehrlich meine und mir die Geschichte am Herzen liegt.
In Nepal habe ich einige interessante Gesprächspartner gefunden, die aber große Angst hatten, sich vor die Kamera zu stellen. Das ist ein ganz interessanter Unterschied. In Indien durften die Tibeter eine eigene Regierung aufbauen, dürfen demonstrieren und ihren Glauben ausleben. In Nepal sind die Tibeter dagegen nur geduldet, müssen sich ruhig verhalten und dürfen nicht arbeiten oder gar demonstrieren.

Inwieweit waren die Kulturen und die Lebensumstände in den beiden Ländern neu für Sie?
Ich war bereits drei Monate vor der Reise das erste Mal in Nepal und konnte mir damit bereits einen großen Traum erfüllen.
Umso spannender war es für mich, als ich zwei Monate später erfahren habe, dass ich dort einen Dokumentarfilm drehen kann. Als jemand, der das Leben etwas schicksalsgläubiger und spiritueller angeht als andere, war das für mich ein Wink mit dem Zaunpfahl. Ich kannte zwar Nepal etwas, aber Indien war noch mal eine ganz andere Hausnummer. Da war der Kulturschock definitiv da.

Wie hat sich dieser Kulturschock geäußert?
Als wir in Neu-Delhi angekommen sind, waren es 50 Grad. Die Luft war sehr trocken. Ich hatte mir zwei Tagen vorher in Nepal den Magen verstimmt, vermutlich mit verunreinigtem Leitungswasser. Dann noch neun Stunden mit dem Bus leicht krank durch das ganze Land zu fahren, das war nicht wirklich einfach. Und dann waren erst mal zehn Drehtage angesagt.

Wie schwierig gestalteten sich dort die Dreharbeiten?
Das Arbeiten funktioniert ganz anders, als ich es gewohnt war. Wenn in Indien jemand mit einer größeren Kamera kommt, bleiben alle stehen und schauen zu, was man macht. Man fällt einfach auf. Als Europäer, der noch dazu Dreadlocks und Piercings hat, ist man da ein bunter Hund. Es war also sehr schwierig, alltägliche Sequenzen zu drehen, denn die Menschen fingen an, Sachen hochzuhalten und Szenen zu stellen. Die nächste Schwierigkeit war der Verkehr. Viele Ziegen und Kühe auf der Straße, dazu parallel Motorräder und Autos. Alles auf engstem Raum. Dort zu filmen war eine echte Herausforderung.

Welche Herausforderungen mussten Sie auf Ihrer Reise sonst noch meistern?
Es gab viele Sachen, mit denen ich zum ersten Mal konfrontiert wurde. Zum Beispiel das Thema Armut, was ja ein ganz offensichtlicher Unterschied zu uns hier im Westen ist. Es ist traurig zu sehen, wie Kinder oder auch ältere Menschen auf den Straßen betteln und es einfach kein Sozialsystem gibt, das sie auffangen könnte.
Ich kann mich an eine Situation erinnern, als ich beim Filmen merke, dass an der Straße eine Frau sitzt, die keine Beine und nur noch Armstümpfe hat, offensichtlich also an Lepra leidet. Dann denkt man sich: Kann ich das filmen, soll ich das filmen und vor allem muss ich das filmen? Ich habe mich hier bewusst dagegen entschieden.
Gleichzeitig ist es aber auch die Aufgabe eines Dokumentarfilms, die echten Lebensumstände zu zeigen. Da bin ich oft an eine Grenze geraten. Es waren insgesamt 14 Tage voller schwieriger und teilweise auch grausamer Geschichten.

Gab es trotzdem auch schöne Anekdoten während Ihrer Reise?
Was ich mein Leben nicht vergessen werde, war das Treffen mit dem Dalai Lama. Wir haben eine 15-minütige Privataudienz bekommen. Eingefädelt hat das Wolfgang Grader, der ihn bereits zwölf Jahre kennt. Ich stand etwas abseits, dann hat mich der Dalai Lama zu sich hergewunken und mich gefragt, wo ich eigentlich herkomme. Ich sagte aus Deutschland.

Dann schaute er mich an, legte die Hand auf meine Schulter und fragte mich: "Deine Haare kommen aber nicht aus Deutschland, oder?" Und fing das Lachen an. Da habe ich gemerkt, dass wir uns als Menschen treffen. Er schenkte jedem von uns fünf Minuten und beschäftigte sich in dieser Zeit zu 100 Prozent mit einem. Als wir rausgegangen sind, hatten wir alle noch eine Stunde ein Lächeln auf dem Gesicht. Das war eine extrem beeindruckende Begegnung für mich.

Das Interview führte Maximilian Glas.


Infos zum Film:

Film Die vorerst einzige Vorstellung in Bamberg findet am Donnerstag den 10. Dezember um 19 Uhr im Lichtspielkino statt. Weitere Vorführorte sind unter anderem Kirchberg (Baden-Württemberg), Berlin und Potsdam.

Gespräch Nach dem Film gibt es die Möglichkeit mit Christian Beyer und Wolfgang Grader über das Filmthema zu diskutieren.

Lokal Mit Markus Klein (Co-Drehbuchautor) und Julia Haberl (Sprecherin) waren noch zwei Bamberger am Dokumentarfilm beteiligt.