"Weizenbrot, ein Schwein und drei Eimer Bier": Das kredenzte man bedürftigen Bambergern vor knapp 1000 Jahren alljährlich zum Todestag des Domkapitulars Odalricus. Wobei der edle Stifter sicher nicht wusste, dass er im "fränkischen Rom" 1039 mit seinem letzten Willen das erste Kapitel Biergeschichte prägte. Bis heute verbindet jeder wahre Bamberger mit den ober- und untergärigen Spezialitäten auch weitaus mehr als nur Durstlöscher aus Hopfen und Malz. Zumal es hier über 60 Sorten flüssigen Brots zu probieren gilt: In der Wirtschaft oder auf'm Keller, was Neueinsteiger aus Gefilden jenseits des Bratwurstäquators erst lernen müssen. Prost Mahlzeit!

Zu stark für den Dichter

Wie schwärmte schon der fränkische Dichter Jean Paul im 19. Jahrhundert bei einem Bamberg-Besuch: "Himmel, was für ein Bier!" Genoss es voller Respekt aber in Maßen, weil's dem Literaten wohl zu stark war, wie Christian Fiedler als Autor des Bandes "Bamberg, die wahre Hauptstadt des Bieres" recherchierte. Dabei hatte Jean Paul das fränkische Gerstensaftgeschehen zuvor schon von Wunsiedel über Coburg bis nach Bayreuth hinlänglich ausgetestet. Aber Bamberg als wahre Hauptstadt des Bieres (egal, was die Kulmbacher dazu meinen) hat eben noch ganz andere Stärken zu bieten.

So exportierten hiesige Brauer im 12. Jahrhundert schon ihre Erzeugnisse mit berauschendem Erfolg in ferne Lande. Wann in Bamberg das erste Bier floss, wird wohl kaum mehr nachzuvollziehen sein. Fest aber steht, dass Bischof Otto I. den Benediktinern auf dem Michelsberg im Jahr 1122 offiziell das Braurecht verlieh. Und ihnen - gemäß dem Heiligen Benedikt - zum "täglichen Quantum" verhalf.

880 Seidla pro Jahr

Die Bamberger folgten dem Beispiel der Mönche. Was Überlieferungen zufolge dazu führte, dass sich rund 4.000 Domstädter 1439 an je 880 Seidla (440 Litern) pro Jahr labten: Eine auch für hiesige Verhältnisse respektable Menge, sieht man sich den heutigen Pro-Kopf-Verbrauch an, der bei nurmehr rund 280 Litern (im Vergleich zu 107 Litern deutschlandweit) liegt.

"Das Bier ist bitter, das trinken die Ritter. Den Wein, den sauern, den trinken die Bauern": Gemäß jener bierseligen Weisheit nahm der Konsum und die Zahl der Brauereien an der Regnitz weiter zu. Ein letzter Höhepunkt wurde im frühen 19. Jahrhundert erreicht, als die Stadt 65 Brauereien zählte. Jede von ihnen versorgte um die 270 Einwohner, während heute neun Privatbrauereien rein rechnerisch für 7940 Bamberger zuständig sind.
Was aber brachte die Wende? "Verschiedene Entwicklungen führten zu einer Erosion der Brauereien wie beispielsweise die Auflösung der Zünfte", berichtet Christian Fiedler. Der Bamberger arbeitete die Geschichte der hiesigen Bierkultur von der Pike auf und verfügt auch über eine stattliche Sammlung historischer Brauereikrüge und Bierflaschen, wie im Netz unter seiner Homepagenachzulesen ist. "Von besonderer Bedeutung war der Anschluss Bambergs an das Eisenbahnnetz und den Kanal. Dadurch verlor die heutige Königstraße als alter Handelsweg stark an Bedeutung - und die vielen dort ansässigen Braustätten mussten früher oder später schließen." Brauten hier zu Beginn des 19. Jahrhunderts beispielsweise noch 23 Betriebe ihr eigenes Bier (auf einer Länge von weniger als einem Kilometer), so waren es um 1900 Fiedler zufolge nur mehr fünf.

Der große Einschnitt

Zum nächsten großen Einschnitt kam's während und nach dem Ersten Weltkrieg. "Energieknappheit, ein Mangel an Rohstoffen (Gerste), Arbeitskräften und die anschließende wirtschaftliche Depression machten vielen Brauereien den Garaus." Zwischen 1915 und 1922 habe Bamberg rund ein Drittel seiner Braubetriebe verloren.
Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs hat sich die Reduzierung der Braustätten zwar verlangsamt, "ist in den letzten 70 Jahren doch weiter fortgeschritten". Und es sei davon auszugehen, dass sich die Zahl der alteingesessenen Betriebe weiter mindert, wie Fiedler zu bedenken gibt. Obwohl die hiesige Brauereiendichte noch immer landes-, ja vermutlich sogar weltweit ihresgleichen sucht.

Die Geschichte sämtlicher 65 Braustätten, über die Bamberg vor zwei Jahrhunderten noch verfügte, ist auf der Homepage zur "wahren Hauptstadt des Bieres" präsent geblieben. Angefangen von der einstigen Brauerei Albertgäßner in der Oberen Königstraße 35 bis hin zur früheren Brauerei Wilder Mann an der Ecke Schrottenberggasse/Untere Sandstraße. Historische Bilder und menschliche Schicksale, die der Autor anspricht, lassen die Vergangenheit aufleben. Samt historischer Schmankerl. Nehmen wir die letzte Episode aus der Geschichte der Brauerei Goldenes Einhorn, die an der Stelle der heutigen Stadtbücherei "Deutsches Haus" bis 1817 zu finden war. Demnach war der damalige Gastwirt und Getreidehändler Balthasar Seminet bei seinen Mitbürgern als "Kornwucherer" so unbeliebt, dass ihm das in dem Jahr zum Verhängnis wurde. Als ein Feuer auf seine Gaststätte übergreift, weigerte sich "die vor dem brennenden Haus zusammen gelaufene Menschenmenge, beim Löschen zu helfen". Neben der Ruine blieb eine Episode aus Bambergs bierseliger Vergangenheit, die in der Erinnerung weiterlebt.

Buchtipp zum Thema


Christian Fiedlers "Bamberg, die wahre Hauptstadt des Bieres" ist im Handel unter ISBN 3000137235 und seine Homepageerhältlich.