"20 Bier und eine Flasche Schnaps, so in die Richtung". Thomas B. hat solche Mengen schon als 13-Jähriger zu sich genommen, täglich. Das hat der 37-Jährige am Montag vor dem Oberlandesgericht in München am 141. Verhandlungstag im NSU-Prozess berichtet. Anfang der 90er-Jahre knackte er mit Uwe Böhnhardt, der mit Uwe Mundlos als "Nationalsozialistischer Untergrund" vermutlich zehn Menschen ermordete, Autos in Jena.

Uwe Böhnhardt lernte B. als "lustigen Typ" kennen. "Später habe ich gemerkt, dass er gefährlich ist. Er konnte auch ruckzuck umschalten, wenn ihm irgendwas nicht gepasst hat. Dann hat er zugeschlagen", so B.

Auch räumlich getrennt

Er lebt seit Mitte der 90er-Jahre im Bamberger Raum und befindet sich derzeit in einer Suchtklinik. Alkohol, Kriminalität und Gewalt prägten nach Thomas B.s Aussage seine frühe Jugend. Seine Wohnung diente eine Zeit lang als inoffizieller Jugendclub. Weil er "unpolitisch" gewesen sei, hätte er öfters von rechten wie linken Cliquen Prügel bezogen.

Irgendwann sei ihm das alles zu viel geworden und er hätte sich von der Clique um Enrico Theile distanziert, der später an der Beschaffung der Ceska-Mordwaffe des NSU beteiligt gewesen sein soll und des Mordes an einem neunjährigen Jungen verdächtigt wurde. Als B. einmal mit Theile in dessen Gartenhäuschen an der Saale war, habe B. dort auf einem Tisch mehrere Waffen liegen sehen. Laut einem Polizeivermerk sagte er in einem Gespräch mit einem Polizisten 1993 aus, die Gruppe um Enrico Theile hab Zugang zu Waffen.

Kurz danach lag B. unter anderem mit doppelten Schädelbasisbruch im Krankenhaus. Bei einem Autorennen auf einem alten Truppenübungsplatz bei Jena hatte B. einen Unfall. An den Vorfall habe er keinerlei Erinnerung mehr. Seine Kumpels sollen ihn halbtot liegengelassen haben und sich im Haus seiner Oma ein selbstgedrehtes Video des Unfalls angeschaut haben. "Der kommt gleich", hätten sie seiner Oma gesagt. Das Video wurde nie gefunden.

Lange Rekonvaleszenz

B. verbrachte die nächsten zwei Jahre im Krankenhaus und auf Reha, musste sich mehreren Operationen unterziehen. Nach dem Unfall hätten, Personen aus der Clique, darunter Enrico Teile, nach B. gefragt. Das sagten ihm Familienmitglieder. Damals befand er sich in einer Bamberger Klinik. "Die haben mich gejagt. Die wollten mich umbringen", meint B..

Seine Familie erzählte daraufhin, B. sei im Krankenhaus gestorben. B. erhielt Polizeischutz. Seit dem Unfall hatte B. nie wieder Kontakt zu seinen alten Bekannten aus Jena. Er blieb im Bamberger Raum, machte ein Berufsvorbereitungsjahr und eine Malerausbildung.

Zunächst trank er auch keinen Alkohol. Nach dem Bekanntwerden des NSU sei ihm seine verdrängte Jugendwieder hochgekommen. "Die Zeiten in Jena waren sehr hart. Das habe ich verdrängt. Während der Vernehmung ist das alles zurückgekommen. Ich habe dann wieder richtig massiv getrunken, bis jetzt", erklärt der 37-Jährige, der deutlich älter wirkt.

B. scheint Probleme mit seiner Erinnerung zu haben. Er spricht in einer Mischung aus Fränkisch und Thüringisch in sehr einfachen Sätzen; hat Probleme, den Anweisungen des Richters bei der Betrachtung von Lichtbildern zu folgen. In einem Vermerk der Polizei heißt es, B. schlafe keine Nacht mehr durch und habe Angst vor dem Personenkreis um Theile.

B. möchte nicht, dass sein Name in den Akten auftaucht. Auf die Frage einer Nebenklage-Anwältin, warum B. heute noch Angst habe, meint er: "Die ganze Angst kam wieder hoch, die ich als Zwölf-, 13-Jähriger hatte. Ich hatte einen regelrechten Verfolgungswahn bekommen. Den habe ich teilweise heute noch."

von Felix Balandat