Im Juni 1939 zerstörten SA-Männer das Marcus-Grabmal im Wäldchen an der Altenburg. Mit blindwütigem Hass versuchten sie, den Familiennamen des berühmten Bamberger Arztes und Altenburg-Retters (1735-1816) aus der Marmorplatte zu tilgen, die an der Vorderseite angebracht war.

Die geschändete Grabplatte galt als verschollen. Wie es der Zufall will, tauchte sie im 200. Todesjahr von Adalbert Friedrich Marcus wieder auf. Die Bamberger Ärzteschaft, die heuer schon mit mehreren Veranstaltungen an die Verdienste Marcus als Vordenker der modernen Medizin und Begründer der ersten Krankenkasse auf deutschem Boden erinnert hat, hegt bereits Pläne mit der historischen Inschrift. Sie möchte ihr Marcus-Jahr damit bekrönen, dass sie der Tafel zu einem neuen, würdigen Platz verhilft.

Geht es nach Professor Gerhard Seitz soll die Marmorplatte für immer im Klinikum ausgestellt werden. Er sagt: "Für mich ist das ein Mahnmal. Und das muss dorthin, wo es gesehen wird, wo 24 Stunden am Tag Menschen vorbeikommen."

Kein anderer Ort in Bamberg, nicht das Rathaus und nicht der nach Markus benannte Platz, seien besser geeignet als das Krankenhaus am Bruderwald, findet CSU-Stadtrat Seitz, der auch einer der Initiatoren des Marcus-Jahresist. Der Ärztliche Kreisverband in Person von Vorsitzendem Georg Knoblach unterstützt diese Idee sehr.

Knoblach hat sich intensiv mit Marcus beschäftigt und bringt auf den Punkt, warum die frühere Bewunderung für den Bamberger Arzt nach der Machtergreifung in Hass umgeschlagen war: "Als konvertierter Jude taugte er den Hitler-Anhängern nicht mehr als Vorbild."

Horst Gehringer, Vorstandsmitglied des Historischen Vereins und Leiter des Stadtarchivs, betont die Bedeutung Marcus' als Altenburg-Retter und Mitbegründer des städtischen Theaters für ganz Bamberg. Einen Aufstellungsort mit möglichst viel Publikumsverkehr würde er begrüßen. Gehringer hält das Klinikum für durchaus passend, habe es doch viel mit dem Geist der beiden Männer zu tun, die von Bamberg aus Medizingeschichte geschrieben haben.
Das ist, neben Marcus, der 1793 geborene und 1864 verstorbene Johann Lucas Schönlein.
Medaillons dieser beiden Ärzte hängen bereits im Foyer des Klinikums.

Geschaffen hat die Medaillons der Bamberger Bildhauer Adelbert Heil. In seiner Obhut befindet sich zur Zeit auch die Marmorplatte vom Marcusgrab. Heil entdeckte sie im Atelier und Nachlass seines Künstler-Kollegen Edgar Stengele auf der Altenburg. Dessen Witwe, Sybille Morgenstern-Stengele, hatte ihn gebeten, sich um die Dinge ihres verstorbenen Mannes zu kümmern, die sie nicht brauchen konnte.

Erst auf den zweiten Blick sei ihm bewusst geworden, was da an einer Wand in Stengeles Atelier lehnte, berichtet Heil: "Ich glaubte, ich seh' nicht recht!" Auf den ersten Blick habe er die nachgedunkelte Marmorplatte für ein Stück Holz gehalten. Dann drehte er sie um und sah die Inschrift.

Seitz war der erste, den Heil von seiner Entdeckung verständigt hat. Das Stück vom alten Grabmal wieder in das Licht der Öffentlichkeit zu rücken, stellt für den Chefarzt den "würdigen Abschluss des Marcus-Jahrs" dar. Er ist sich mit Knoblach einig, dass die geschändete Platte unrestauriert bleiben soll: "Man muss den Hass sehen, mit dem sie den Namen auslöschen wollten!"

Der Vorsitzende des Altenburgvereins, Werner Hipelius, erfuhr durch die Lokalredaktion davon, dass die Namenstafel vom Marcus-Grab noch existiert. Das war für ihn eine ausgesprochen erfreuliche Nachricht. Allerdings hätte sich Hipelius, wie er auch sagte, gewünscht, dass der Altenburgverein als ehemaliger Vermieter von Stengele frühzeitig von den Wiederentdeckern informiert und in ihre Überlegungen eingeweiht worden wäre.
 


Grabschänder wurden 1948 verurteilt

Die SA-Männer, die am Rande einer "Ostmarkt-Fahrt" am 21. Juni 1939 das Marcus-Grab geschändet haben, wurden im Sommer 1948 verurteilt. "Die Haupttäter erhielten (...) Gefängnisstrafen zwischen zwei und fünf Jahren", schreibt Georg Knoblach Vorsitzender des Ärztlichen Kreisverbands Bamberg und in dessen medizinhistorischem Arbeitskreis aktiv, in einer Abhandlung über das Marcus-Grab.

Daraus geht hervor, dass mindestens fünf Männer beteiligt waren. Bei Einzelnen soll es sich um Personen gehandelt haben, die in der Reichspogromnacht die Bamberger Synagoge in Brand gesteckt und Willy Lessing, den Vorsitzenden der israelitischen Kultusgemeinde , so schwer misshandelt haben, dass er an den Folgen starb.

Ironie der Geschichte: Drei der Grabschänder sollen bei der Krankenkasse beschäftigt gewesen sein, einer sozialen Errungenschaft, die auf Doktor Marcus zurückgeht. Einer von ihnen hat sich Knoblachs Recherchen zufolgen beim Wüten am Grab so an der Hand verletzt, dass er deswegen später eine Erwerbsunfähigkeitsrente bezogen hat.

Das ursprüngliche Grabmal schuf der Bildhauer Joseph Daniel Ohlmüller. An Marcus Sterbetagen sei es geschmückt worden und hätten dort Gedenkfeiern stattgefunden, so Knoblach. Mit der Zeit sei die Erinnerung an den großen Arzt und Mäzen Bambergs - Marcus war auch Gründervater des städtischen Theaters - verblasst, das Vergessen nach der Machtergreifung in Hass umgeschlagen.

Nach der Zerstörung wurde das Grab, das sich im Wald zwischen Altenburg und Parkplatz an der Altenburger Straße befindet, von Bildhauer Hermann Leitherer neu gestaltet. jb