Herrjessnochmal, das kann doch nicht so schwer sein. Laufen. Einfach nur laufen. Wie hatte Sonja aus Uetzing gesagt bevor es los ging? "Wenn Du laufen kannst, ist alles perfekt." Nur ist Laufen bei der Samba nicht einen Fuß vor den anderen setzen. Sondern seitwärts. Ein Wiegen des Körpers im Takt. Alles machbar, für einen Anfänger. Es darf nur nicht viel dazukommen.

Die Türen und Fenster im Sportheim des SC Lichteneiche sind fest geschlossen. Zwei entzückende Blondschöpfchen, Zwillingsschwestern offenbar, drücken sich von außen die Nasen an den Scheiben platt. Drinnen wird mit Gehörschutz gearbeitet: die Sambatruppe "Bateria quem é?" probt.



Die Begeisterung von 65 Frauen und Männer geht so weit, dass sie jede Woche fürs Training drei Stunden reservieren und dazu noch lange Anfahrtswege in Kauf nehmen: aus dem Raum Hof beispielsweise, aus Kulmbach, Bayreuth, Nürnberg, Würzburg oder Schweinfurt. Es sind nicht alle da, aber gut die Hälfte der Mannschaft lässt an diesem Mittwoch die Wände wackeln, bei den vorletzten Übungsstunden vor dem Samba-Festival in Coburg.


"Samba macht süchtig"

Mit über 100 Engagements im Jahr ist "Bateria quem é?" alles andere als eine Combo, die nur hin und wieder die Instrumente auspackt. Allein am vergangenen Samstag war Samba aus Bamberg bei der Strullendorfer Kerwa, einer Firmen-Feier in Ebermannstadt und beim Johannisfeuer des TSV Behringersdorf zu erleben.

Und so kommt die Gruppe auch zu ihren Mitspielern, deren Altersspanne von 20 bis 66 Jahren reicht. "Die Leute sehen uns bei einem Auftritt und fragen, ob sie mitmachen können", erzählt Micha aus Stegaurach. Für sie stand schon nach kurzer Zeit fest: "Samba macht süchtig. Es ist einfach der Spaß am Rhythmus."

Dass die Sambistas mit heißem Herzen bei der Sache sind, liegt nicht nur am brasilianischen Lebensgefühl, sondern auch an Albert Fuchs. Der Starkstrom-Elektriker aus Hallstadt ist Motor, Organisator, Arrangeur, Instrumentenwart und musikalischer Leiter der Truppe. Pädagoge und Psychologe obendrein, denn fünf Dutzend gereifte Persönlichkeiten (die meisten sind im Alter zwischen 40 und 55) zusammenzuhalten und mitzureißen, dazu braucht es Einfühlungsvermögen.


Stimmung auf der Sandkerwa

Die "Soca"-Musik und ihre Steelpan-Klänge haben ihn "infiziert". Als er 1975 vom Karneval in Trinidad zurückkam, war klar: "Jetzt fange ich auch sowas an". Allerdings war seinerzeit in Süddeutschland diese Musikrichtung weniger populär als beispielsweise im Münsterland oder an anderen Standorten der britischen Armee.

Zeitweise in fünf Gruppen parallel aktiv und einige Jahre als Anleiter dreier Formationen gleichzeitig, wollte Albert Fuchs 2005 unbedingt eine Sambagruppe zusammenstellen, die Stimmung auf der Bamberger Sandkerwa macht.


Ein Fragezeichen im Namen

Aus dem losen Zusammenschluss von Musikern entstand eine feste Formation, die später auch offiziell mit "Ramba Samba Bamberg" fusionierte, der Gruppe, aus der die meisten Aktiven kamen.

Und was bedeutet das Fragezeichen im Namen? "Quem é heißt: Wer bist du?", erläutert Fuchs. "Bei so vielen Leuten von überall her hat am Anfang beinahe jeder jeden gefragt ,Wer bist du? Wo kommst du her?' Okay, heute würde ich das nicht mehr als Gruppennamen wählen - man muss ein bisschen viel erklären."

Von vornherein klar ist, wo "die Neue" herkommt, die an diesem Mittwochabend bei der "Bateria" fragen, zuhören, fotografieren will. Und mitmachen. Einmal eine der großen Surdos an einem Gurt vor den Beinen baumeln haben und richtig draufhauen. Au ja!

Surdo heißt "taub" auf portugisisch. Der Name ist Programm. Nicht nur wer diese große Trommel spielt, sollte die Ohren mit Stöpseln schützen. Welche Schallwellen solch ein Instrument erzeugt, demonstriert Albert nach der Übungsstunde. Er schlägt sachte aufs Trommelfell - und auch die in der entgegengesetzten Ecke des Raums abgestellten Caixas (Snare-Drums) geben einen leisen Ton von sich.


Abgucken hilft

Die Surdo ist nicht gerade ein Anfänger-Instrument. Deshalb drückt mir Bambergs "Mister Samba" eine Cowbell (Kuhglocke) nebst hölzernem Schlegel in die Hand. "Dann mach mal!".

Abgucken, Rhythmus aufnehmen und Laufen lernen. Der Blick klebt an den Füßen der Nachbarin. Ah so. Gut. Ist nicht schwer. Warum sind die Oberkörper der anderen schon ganz links, während meiner eher halblinks, nein in der Mitte, und wenn ich ganz ehrlich bin: immer noch rechts verharrt? "Kurze Wege für den Fuß. Keine großen Schritte machen. Du verlierst zu viel Zeit", wird Albert Fuchs mir später raten.


Streng dich an, Hirn!

Die ersten Schweißperlen bilden sich im sommerlich warmen Sportheim. Noch hat die Neu-Kuhglöcknerin keinen einzigen Schlag aufs Metall getan. Das mit der Beinarbeit klappt nun einigermaßen.

Der Blick wandert zu den Händen der Nachbarin. Bing-Bing-Bing, Bing-Bing-Bing. Harmlos! Na also. Perfekt. Genau so lange, wie ich stocksteif auf meinem Platz stehen bleibe. Verflixt und zugenäht, Hirn, streng Dich an!

Und jetzt bitte noch nach vorn zum "Chef" schauen. Die Truppe weiß genau, was er von ihr will. Im Gegensatz zu mir kann sie mit den vielen Gesten und seinem vollen Körpereinsatz was anfangen. "Etwa 120 Grooves und Breaks müssen gelernt werden. Eineinhalb bis zwei Jahre braucht man schon dafür", sagt Albert Fuchs.
Für (fast) alles gibt es Handzeichen. Das für den "Brose Basketball Groove" ist, wie könnte es anders sein, ein angedeuteter Wurf.

Unten einen Vierer-Rhythmus laufen, oben einen Fünfer schlagen - es wird nicht einfacher nach der Pause. "Hoffnungslose Fälle gibt es kaum", tröstet Albert. "Bei uns darf jeder mitspielen. Es ist toll, wenn es präzise läuft. Aber noch viel wichtiger ist mir, dass sich wirklich alle mitgenommen fühlen."

Wer "Bateria quem é?" verstärken will, braucht weder Geld noch Ausrüstung mitzubringen. Die Instrumente werden gestellt. Probe ist jeden Mittwoch ab 18 Uhr im Sportheim des SC Lichteneiche.


Am Donnerstag im Fernsehen

Der Bayerische Rundfunk hat die Gruppe kürzlich einen Tag lang begleitet. Das Ergebnis ist am Donnerstag, 7. Juli, zwischen 16.15 und 17.30 Uhr in der Sendung "Wir in Bayern" im dritten Fernsehprogramm zu sehen.
Wer sie am Wochenende live erleben will, hat beim Samba-Festival in Coburg gleich mehrfach Gelegenheit dazu.