Touristen aus aller Welt strömen ins "fränkische Rom": Australier, Amerikaner, Reisende aus dem asiatischen Raum ... Als Gästeführerin erlebt Christine Freise-Wonka seit Jahren, wie Besucher von nah und fern "Bamberg sehen und staunen". Und genau so betitelte die Kunsthistorikerin ihr jüngstes Werk, das in Zusammenarbeit mit Thorsten Melnicky als Fotojournalist und Herausgeber entstand. Wir sprachen mit den Autoren über die Entstehung des Bildbandes, die besondere Anziehungskraft der Domstadt und ein Anliegen, das sich mit der Veröffentlichung verbindet.



Alle Teile des Welterbes

An Bamberg-Büchern mangelt es nicht. Was also sollte Franken dazu bringen, Ihren Bildband für den Gabentisch auszuwählen?
Thorsten Melnicky: Ich denke, die Tatsache, dass Bamberg einmal mit allen Teilen des Welterbes - also der Gärtner-, Insel- und Bergstadt - aus der Vogelperspektive dargestellt wird. So können Einheimische das Altbekannte aus einem ungewöhnlichen Blickwinkel neu entdecken und auf sich wirken lassen. Über 30 Luftaufnahmen haben wir uns erflogen. Christines Lieblingsfoto ist übrigens eines von der Inselstadt, das zeigt, wie viele grüne Oasen Bamberg hat.
Christine Freise-Wonka: Ja, Sie haben Recht: Bamberg-Bücher gibt es mittlerweile genug. Und doch überzeugten mich Thorstens Motive, das Projekt anzugehen, an dem wir ein halbes Jahr lang gemeinsam arbeiteten.



Ein "Herzblutprojekt"

Was ist so einzigartig an unserer Stadt, dass Sie ihr schon ein knappes Dutzend Bücher widmeten?
Freise-Wonka: Bamberg ist meine Heimat, die ich liebe - mein Herzblutprojekt. Zumal jedes Buch, das ich schreibe, einen Perspektivenwechsel bringt. Diesmal stand für mich die Gärtnerstadt mit ihren besonderen Strukturen und Menschen, die sie im Lauf der Jahrhunderte prägten, neben anderen touristischen Bereichen im Fokus.



"Good old europe"

Als Gästeführerin erleben Sie den Bamberg-Hype aus nächster Nähe. Woher kommen die größten Fans des Welterbes? Und welches Highlight punktet bei jeder Führung nationenübergreifend?
Freise-Wonka: Asiaten und Amerikaner sind von unserer Stadt besonders begeistert: Bamberg ist schließlich genau das, was sie unter dem "Good Old Europe" verstehen. - Als besonderen Höhepunkt empfinden Besucher immer freitags Punkt 15 Uhr das Läuten der Heinrichsglocke zur Erinnerung an die Todesstunde Christi. Schon der erste Schlag der über 700 Jahre alten Glocke, die bekanntlich zu den bedeutendsten in ganz Europa zählt, geht unter die Haut. "Wow", sagen dann viele Jüngere, Ältere "toll" oder "wie wunderbar".



Aus der Totentanzkapelle

Zurück zum Buch, in dem auch verborgene Ecken und Winkel zu sehen sind. Welche empfanden Sie als besonders faszinierend?
Melnicky: Den Besuch im Böttingerhaus mit seinem prächtigen Innenhof habe ich genossen. Normalerweise ist diese um 1700 erbaute Sehenswürdigkeit ja nicht zugängig - ebensowenig wie derzeit die Klosterkirche St. Michael. Auf dieses Bamberger Wahrzeichen wollte ich bei unserem Bildband ebenfalls nicht verzichten. Glücklicherweise hatte ich vor Sanierungsbeginn noch Aufnahmen vom Ottograb, der Totentanzkapelle und dem Herbarium mit 578 Pflanzendarstellungen gemacht.

Auf Seite 114 finden Leser diverse Spendenaufrufe, die St. Michael, aber auch andere Gotteshäuser betreffen.
Melnicky: Ja, wir erhoffen uns auch Spenden, die zum Erhalt der Oberen Pfarre, des Doms, der Karmelitenkirche, von St. Gangolf als ältester Kirche Bambergs und St. Martin beitragen. Eine Idee, die mir angesichts der Baustellen kam, die ich während unserer Arbeit am Buch besichtigte. So freue ich mich als gebürtiger Niedersachse, dass man sich in Bamberg um den Fortbestand all dieser sehenswerten Gotteshäuser bemüht, während in Städten wie beispielsweise Braunschweig etliche Kirchen im Krieg unwiederbringlich zerstört wurden.



"Fränkische Gemütlichkeit"

Was haben Sie als Nordlicht - neben Fotomotiven - in Bamberg noch zu schätzen gelernt?
Melnicky: Die fränkische Gemütlichkeit. Bamberg ist keine hektische Stadt, sondern eine beschauliche. Sie besitzt dieses besondere Flair - und Rauchbier, das ich ebenfalls kennen und lieben lernte.



Leseproben aus: BAMBERG sehen und staunen

1)
Der westliche Teil Bambergs, die sogenannte Bergstadt, zieht sich von Nord nach Süd über mehrere Hügel. Diese topographische Lage führte zur Bezeichnung "fränkisches Rom", weil man sieben Hügel benannte, deren Aufzählung bis heute jedoch nicht jedem Bamberger gelingt. Es sind die letzten Ausläufer des Steigerwaldes, einer geologischen Formation aus der Keuperzeit, die weit in das Regnitztal eingreifen. Schon frühzeitig wurden diese Hügel besiedelt. Als erster der heutige Domberg, die Keimzelle Bambergs. Hier sind Siedlungsspuren bis weit in die vorchristliche Zeit archäologisch nachgewiesen. Aus dem Dunkel der Geschichte führt uns dann die erste urkundliche Erwähnung aus dem Jahr 903, wo man von einer Burg der Babenberger auf diesem Hügel liest. Diese Burg lag strategisch nicht günstig, denn der Burghügel lag niedriger, als die anderen, so dass auf zwei höheren Bergen Vorburgen angelegt wurden: dem Altenburger Berg und dem Michaelsberg.
Die Erschließung der restlichen Bergstadt lässt sich erst an der Bistumsgründung von 1007 festmachen.

2)
Als Inselstadt bezeichnet man den zwischen den beiden Regnitzarmen liegenden Teil Bambergs, der aus rein wirtschaftlichen Gründen durch Menschenhand entstanden ist. Der Hauptarm der Regnitz verlief in etwa an Stelle des heutigen rechten Flussarmes. Erst durch eine künstlich geschaffenen Abzweig bei Bug und das Zusammenfassen kleiner Bachläufe wurde der linke, unnatürlich gerade verlaufende Regnitzarm und damit die Insel geschaffen. Er trug bis ins 19. Jahrhundert den Namen Mühlgraben, was einerseits die Art und Weise (gegraben) und andererseits den Grund (Mühlen) seiner Entstehung zum Ausdruck bringt. Schon vor der Bistumsgründung gab es zu Füßen und im Schutze der Burg Mühlen, die mit ausreichend Wasser versorgt werden mussten. Mit dem Wachsen der Bevölkerung in den nachfolgenden Jahrhunderten stieg auch die Anzahl der Mühlen kontinuierlich. So entschloss man sich Mitte des 15. Jahrhunderts, die Fließgeschwindigkeit und damit Effizienz des linken Flussarmes zu vergrößern, indem man ihn in ein erhöhtes und verengtes Bett verlegte, eben jenen Mühlgraben. Der "alte Fluss", heutiger Hollergraben, verläuft parallel mehrere Meter tiefer.

3)
Wasser ist die Lebensader einer mittelalterlichen Stadt. Die Regnitz mit ihren vielen kleinen natürlichen und künstlichen Nebenläufen bot beste Voraussetzungen. Müller, Färber, Fischer und Gerber fanden alle ihr Auskommen. Meist ließen sich die verschiedenen Handwerke in räumlicher Nähe zueinander nieder, was dann zu Straßennamen wie Plattnergasse, Färbergasse, Weißgerbergraben oder Kesslerstraße führte. Eine besonders malerische Häuserzeile findet sich am ehemaligen Nonnengraben, einem Nebenarm der Regnitz, der im 19. Jahrhundert zum "Alten Kanal" ausgebaut wurde. Hier hatten sich Gerber niedergelassen, deren Häuser offene Galerien zum Trocknen der gegerbten Häute brauchten. Sie suchten die Nähe der Mühlen, denn ohne Lohmühlen oder Walkmühlen hätten sie ihr Handwerk nicht ausüben können.



Zum Buch

"Bamberg sehen und staunen" erschien im Verlag Special Moments unter ISBN 978-3-940483-13-3 und ist für 29,95 Euro auch über die FT-Geschäftsstellen erhältlich.