Spricht Wolfgang Wußmann, wie ihm der Schnabel gewachsen ist, verstehen Nordlichter nur Bahnhof. Begriffe wie "Hugads" (ein unangenehm riechender Zeitgenosse), "Soggduch" (Taschentuch) oder "Saamäla" (Langweiler) lassen aber sogar Bamberger rätseln.

Nein, das ist kein Kauderwelsch! Vielmehr handelt es sich um vergessene Mundart-Vokabeln, die der Autor wieder etablieren möchte. Eine gute Lektion für alle, die ihr Wissen in dieser Hinsicht erweitern möchten, ist auch Wußmanns neues Buch "Niggs äfunna - alläs wohr", in dem der 67-Jährige "100 G'schichtla" aus seiner Kindheit samt hochdeutscher Übersetzung liefert. Darüber und über vieles mehr sprachen wir mit dem Bamberger, der schon sein nächstes Projekt plant.

Ihr 19. Buch ist auf dem Markt, das 20. in Vorbereitung: Ist das Interesse an Geschichte und Geschichten der Heimat noch immer so groß?
Wolfgang Wußmann: Sicher. Nach Bamberg-Führern, Quizbüchlein, einem Bamberg-Lexikon und meinem Mundart-Wörterbuch widme ich mich nun ja auch menschlichen Geschichten: Geschichten um Originale wie den Pfarrer Heberlein, der mit seinen eisenbeschlagenen Schuhen durch die Ottokirche dröhnte. Und vielen "Madla" nach der Beichte Seltsames abverlangte: "Zur Buß' gehst etzert nuch vor zum Tabak Berthold und holst sechs 60er Zigarr'n".



Mit dem Gasbockel

Auch der Stengers Adi lebt in Ihren Erinnerungen auf: Wann haben Sie die Boxlegende als Lokführer des "Gasbockels", der ab 1911 mit 25 PS vom Hafen Richtung Gaswerk zuckelte, kennengelernt?
In den 50er-Jahren, als ich eingeschult wurde. Die kleine E-Lok brachte damals Waggons mit Koks vom Bahnhof in die Gasfabrik. Wobei es öfters vorkam, dass mich der Adi samt Schulsack in den Gasbockel holte und bis zur Bäckerei Oberst an der Ecke zur Magazinstraße mitnahm. Für mich unvergesslich!

Gerade als Mundart-Autor machten Sie sich in den vergangenen Jahren einen Namen. Was bedeutet für Sie in unserer globalisierten Welt der Dialekt?
Die Mundart ist ein Teil unserer Identität, den man bewahren sollte. Tatsache aber ist, dass mehr und mehr Redewendungen und Ausdrücke verloren gehen. Wer weiß heute beispielsweise noch, was in Bamberch a "Gori" ist? Angewandt: "Di hot aa widdä so an Gori däwüschd." Wer kann sagen, was man bei uns unter einer "Zösch" im Sinne von "Di wor scho' als Maadla a klans Zöschla" versteht?



Punkt 1: ein schräger Typ. Punkt 2: eine Schlampe?
Jawohl. Aber selbst von Älteren werden viele Worte nur mehr im Zusammenhang verstanden. Dabei sind die Leute an Mundart sehr interessiert, wie meine Quiz-Abende zeigen. Gerade in kleinen Gruppen, wo man sich mehr traut, macht das gemeinsame Rätseln bei kniffligen Begriffen wie dem "Rooma-Beißä" Spaß. (Worunter man nicht etwa einen Gebissträger oder Speisefisch, sondern besonders neugierige Menschen versteht.)


Mundart treu geblieben

Sie arbeiteten bis zu Ihrer Pensionierung als Volksschullehrer, sprachen Ihr Leben lang aber Mundart. Schwammen Sie als Akademiker damit bewusst gegen den Strom?
Entscheidend war, dass ich als Bub nach dem Schulwechsel aufs Gymnasium bodenständig blieb - bei der Katholischen Jugend St. Otto, der Ministrantenschar um Pfarrer Heberlein und Kaplan Köbrich. Auch das Gärtner-Milieu prägte mich. Und meine Oma mütterlicherseits, von der ich die meisten Mundartausdrücke lernte.

Dabei kam der Dialekt erst nach der Jahrtausendwende wieder in Mode.
Im Lauf der letzten fünf Jahrzehnte gab's viele Aufs und Abs. Mal hieß es, dass die Rechtschreibleistung der Kinder durch den häuslichen Gebrauch der Mundart geschmälert wird. Dann wieder bemühte man sich, Dialekte als kulturelles Erbe zu erhalten. Glücklicherweise ist die Mundart nun tatsächlich seit einiger Zeit wieder hoch im Kurs.

Auch bei jungen Leuten?
Bei manchen. Ich denke da an eine Begegnung mit einer 11-Jährigen, die mit den Worten auf mich zukam: "Gell, Sie sin dä Herr Wußmann. Sie schreim so schöna Bücher!" Das hatte das Madla wohl über seine Oma und Uroma mitbekommen. Immerhin.

Gab's schon Ärger mit Menschen, die sich in Ihren Büchern wiedererkannten? Ich denke dabei an die peinlichen Episoden.
Nein. Ich hole mir immer das Einverständnis derer ein, über die ich schreibe. Das ist meistens auch sehr interessant. Vieles von dem, was ich weiß, haben meine Gesprächspartner vergessen. Anderes, was ich vergaß, erzählen sie mir bei den Treffen über unsere gemeinsame Kindheit.



Stollen auf dem Leitä-Wäächela

Es ist eine uns fremd gewordene Welt, die Sie wieder heraufbeschwören.
Vieles kann man sich heute wirklich kaum noch vorstellen. Beispielsweise musste ich als Bub die Weihnachts-Stoll'n, die meine Oma daheim vorbereitet hat, mit 'an Leitä-Wäächela zum Bäcker Fischer in der Hallstadter Straße fahren. Dort sind sie dann alle gebacken worden.

Was gab's traditionell an Weihnachten?
Gans. Ein Erlebnis war's für mich immer, meiner Oma beim "Gäns-Schopp'n" zuzusehen. Da saß sie auf'n Staffela hinten im Hof und stopfte eingeweichte Maiskörner nach und nach "nein Groong". Die Gänse sind "g'schoppt worn", damit die "hungrich'n Mäulä satt worn sin o Weihnacht'n". An die Fettleber einer Gans hat damals noch keiner gedacht.

Gans isst man heute noch an Feiertagen. Welches Gericht ist gänzlich aus der Mode gekommen?
Ein typisches Wintergericht waren die Doodschn oddä Weihrumm, also Erdkohlrüben. Die wurden "g'stiftlt". Dazu gab's Salzfleisch vom Bauch - und Klöß.

Womit befassen Sie sich in Ihrem nächsten Buch?
Nach den 50er Jahren beschäftige ich mich nun mit den 60ern. Und würde mich freuen, wenn mich möglichst viele Bamberger dabei unterstützen, indem sie "G'schichtla" aus der Zeit an mich (Wolfgang Wußmann, Jäckstraße 46, 96052 Bamberg) schicken.


Die nächste Lesung

Wolfgang Wußmanns neues Werk "Niggs äfunna - alläs wohr - 100 Bamberger G'schichtla in Mundart und Schriftdeutsch" ist unter ISBN 978-3-924983-52-9 (edition Hübscher) erschienen. Die nächste Lesung findet
im Aufseeshöflein am 14. Februar (17 Uhr) statt. Kartenbestellungen sind unter wwussmann @arcor.de bzw. unter 0951/ 61307 möglich. Der Erlös kommt dem sanierten Schloss zugute.