Und obendrein lassen sich die Bamberger Symphoniker auch riechen! Jedenfalls verströmt der druckfrische Band "Bamberg Symphony" eine Duftkomposition aus Farbenmischungen, die es in sich hat. Die jedoch zum doppelten Dirigat dieser außergewöhnlichen Publikation zum 70. Geburtstag des Weltorchesters passt: Lyrikerin Nora Gomringer lieferte sprachgewaltiges Wortgeklingel zu den tönenden Bildern des Fotokünstlers Andreas Herzau.

Die beiden Solisten übernahmen dabei eine Führungsrolle im Orchesterteam, instrumentierten mehr Stockhausen als Mahler. Die "Bamberg Symphony" ist eine Sinfonie mit nur verhaltenem "böhmischen Klang". Aber was ist darunter überhaupt zu verstehen?
Diese Frage geisterte am Samstagabend durch den Dominikanerbau, die einstige Spielstätte der Bamberger Symphoniker und nunmehr frisch sanierte Aula der Universität. Als Hausherr hieß Uni-Präsident Godehard Ruppert die zahlreichen Gäste der Buchpräsentation willkommen: "im Sprechhaus, das nicht mehr für Musik geeignet ist". Ältere Besucher, die noch die Konzerte der Symphoniker in eben diesem historischen Gebäude im Ohr hatten, lauschten dennoch. Zumal der Frankfurter Musikwissenschaftler und Musikkritiker Wolfgang Sandner den "böhmischen Klang" geradezu beschwor.


Tradition bis ins 18. Jahrhundert

In seinem Vortrag über die 70-jährige Geschichte der Bamberger Symphoniker verwurzelte Sandner diesen Klang in einer Tradition, die ins 18. Jahrhundert zurück reicht. Der Referent schlug den Bogen von den Ursprüngen der Symphoniker an der Moldau vor 233 Jahren bis ins Jahr 1946, als Musiker der Deutschen Philharmonie Prag und weitere Kriegsflüchtlinge die Bamberger Symphoniker gründeten.
Wolfgang Sandner, erinnerte an den in der Nazizeit "künstlerisch unkorrumpierbaren" Joseph Keilberth, sprach den "Mythos vom böhmischen Klang" an. "Bamberger Symphoniker klingen immer wie Bamberger Symphoniker", resümierte Sandner und führte ein "ausgewogenes Klangbild an: so rund, so dunkel, so selbstverständlich".

Diesen Gesamtklang des Orchesters, diese geradezu physikalische Dimension der Frequenzen von Celli und Kontrabässen, diese sonore Tiefe hören die Betrachter des 150-Seiten-Buches von Gomringer und Herzau nicht ungefiltert. Die beiden vielfach preisgekrönten Kunstschaffenden haben die Bamberger Symphoniker zwei Jahre lang auf ihren Gastspielen in Deutschland, Europa und Asien begleitet. Dabei tauchte das Duo in den Kosmos der Musiker ein, schreckte nicht vor intimen Blicken durch das Schlüsselloch auf den Orchesteralltag zurück. Essayistische und abstrahierende Elemente ergeben überraschende Bildgeschichten.


Klangbotschaft für die Sinne

Und eine Klanglandschaft für die Sinne: Das Akustische wird textlich und visuell beschrieben, unsichtbare Musik wird sichtbar. In einer sprachlich fulminanten Aufschlüsselung des sinfonischen ABC bringt Nora Gomringer immerhin eine Anmutung des "Klang": "Der böhmische Klang verheißt Karamellfarben, mälzerisches Dunkel, Wärme, spielerische Tradition, ein Selbstverständnis über Generationen."

Als europäischer Klang... sei er im Chor der vielen Orchester ein besonders vollmundiger zu Zartheit fähig, wo anderen oft das Pianissimo vorkomme, als wär's das Höchste der Gefühle.
Die Publikation atmet den Respekt und die Bewunderung, die ihre Erschaffer für die Bamberger Symphoniker hegen. Nora Gomringer und Andreas Herzau sehen in ihrem Werk "eine Aufforderung, sich mit dem Orchester und dessen Tonalität auseinanderzusetzen".

Es sei kein Buch voller Antworten, ergänzte der Fotokünstler. Umso mehr weckt diese scheinbar unvollendete Partitur die Sehnsucht nach einer "Zugabe", wie sie Nora Gomringer wünscht: "Ich möchte einmal noch vierzehn sein und mit einem Blumenstrauß hinter der Tür warten, bis sie geöffnet wird und möchte ihn überreichen. Nicht einem Einzelnen, sondern allen, die eine nicht ganz kleine Stadt beschenken. Es wird aus Bamberg mit jedem Konzert: Heimat des Klanges, Stadt der Musik."


Das Buch:

Die Jubiläumspublikation "Bamberg Symphony" - Text von Nora Gomringer, Fotografien von Andreas Herzau, in Deutsch und Englisch, ist im Hatje Cantz Verlag, Ostfildern, erschienen und im Buchhandel erhältlich. 39,80 Euro, ISBN 978-3-7757-4112-5.