Beinahe hätte Norbert Stuber heuer keinen Lehrling gefunden. "Nur drei Bewerber, aber alle absolut ungeeignet", erzählt der Inhaber einer kleinen Bamberger Bäckerei mit Café. Doch seit 17. August steht nun doch ein Azubi in seiner Backstube. Und der 51-jährige Bäckermeister ist bisher mehr als angetan. "Ibrahim hat heute schon Kaiserbrötchen und Laugenbrezen gebacken, Plunder glasiert und Schokobananen gefertigt. Es macht keinen Unterschied, ob ich es mache oder er. So soll es sein!"

Ibrahim Bah, Vollwaise, ist 17 Jahre alt, kommt aus Sierra Leone. Seine Heimat hat er schon lange verlassen. Dort saß er nach eigenen Angaben sogar einige Monate im Gefängnis. "Politische Probleme", sagt er nur. Über Guinea, Marokko und Spanien kam der unbegleitete Minderjährige nach München und schließlich nach Bamberg. Jetzt wohnt er hier in einer Caritas-Wohngruppe.


Bundesweit zwölf Standorte

Udo Pfadenhauer kennt den jungen Flüchtling seit März. Der Sozialpädagoge, der bei der Handwerkskammer für Oberfranken für die Jugendberufshilfe zuständig ist, hatte Ibrahim zunächst ein Praktikum bei Norbert Stuber vermittelt. Mit Erfolg für beide Seiten. "Er war einer der wenigen, die durchgehalten haben und regelmäßig gekommen sind", berichtet Stuber. Jetzt in seiner Bäckerausbildung ist Ibrahim Teil des Projekts "Ausbildung von jungen Flüchtlingen aus Krisenregionen in Handwerksbetrieben", das im Herbst bundesweit an zwölf Standorten angelaufen ist. Einer davon ist Oberfranken. Finanzielle Mittel dazu stellt das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung zur Verfügung.


Er organisiert und löst Probleme

Pfadenhauer ist quasi eine Schnittstelle zwischen Flüchtlingsazubi und Handwerksbetrieb, oder zwischen Wohngruppe, Schule und Behörde. Er organisiert und löst Probleme. "Betreuung ist ganz wichtig. Ich kann in diesem Projekt individuell auf die jungen Leute eingehen", sagt der 41-Jährige. Er kümmert sich derzeit um 19 junge Männer, die meisten davon in Bamberg. "Damit sind momentan alle verfügbaren Projektplätze belegt", sagt Pfadenhauer. Neben einigen Bäckern sind junge Flüchtlinge in Oberfranken als Maler, Anlagenmechaniker oder Tiefbau-Facharbeiter in der Lehre - einer sogar als Kfz-Mechatroniker. Sie kommen aus Eritrea, Syrien, Afghanistan oder Somalia und haben in der Regel eine sogenannte Aufenthaltsgestattung.

Die Wartefrist für asylsuchende und geduldete Ausländer für eine Berufsausbildung beträgt drei Monate. Eine Zustimmung der Bundesagentur für Arbeit ist dann nicht mehr nötig. Allerdings muss die Ausländerbehörde die Erlaubnis erteilen. Wer zu alt ist, darf oft nicht mehr in die Lehre.


Bisher 70 Prozent Abbrecher

Offiziell liegt die Ausbildungsaltersgrenze für geduldete Flüchtlinge derzeit noch bei 21 Jahren. Sie müsse gestrichen oder wenigstens auf 25 Jahre angehoben werden, forderte Anfang des Monats Hans Peter Wollseifer, Präsident des Zentralverbands des deutschen Handwerks.

"Wir dürfen die Flüchtlinge auch während der Ausbildung nicht allein lassen, sonst scheitern sie", mahnte vergangene Woche der Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer München und Oberbayern, Lothar Semper. Auch dort plant man nun, spezielle Berater einzusetzen, um die zuletzt hohe Abbruchquote von 70 Prozent bei der Ausbildung von Flüchtlingen zu reduzieren.

In Oberfranken sieht es laut Pfadenhauer aktuell sehr gut aus. Lediglich einer der Azubis stehe auf der Kippe. Um Ibrahim macht er sich gar keine Sorgen. Bestärkt wird er von dessen Chef Norbert Stuber: "Wenn er so weitermacht, wird er einer der Lehrlinge sein, die man ungern wieder gehen lässt."