Gerhard Öhlein ist der Chef von fast 10 000 Beschäftigten. Unprätentiös leitet der 59-jährige Gaustadter seit 2006 den Diözesan-Caritasverband Bamberg. Mehr Mitarbeiter als er haben in Ober- und Mittelfranken wohl nur der Erlanger Siemens-Chef (ca. 20 000 Beschäftigte) und der Rektor der Universität Erlangen-Nürnberg (ca. 12 000 Angestellte). Der FT sprach mit dem Caritasdirektor in dessen Büro in der Oberen Königstraße in Bamberg über den Wirtschaftsfaktor Kirche.

Kürzlich konnte man in einem Blog von "infranken.de" lesen: "Die Kirche tut nichts!" Stimmt's?
Gerhard Öhlein: Das kann man nicht stehen lassen; die Kirche tut sehr viel. Allein in unserer Erzdiözese erreicht die Caritas mit etwa 850 Einrichtungen ständig rund 170 000 Klienten, Patienten, Pflegebedürftige, Menschen aller Altersschichten und in den verschiedensten Problemstellungen: zum Beispiel Schwangere in Konfliktsituationen, Suchtkranke, Schuldner in Existenznot und viele andere. Ein großes Aufgabengebiet ist auch die Migrationsberatung. In unseren Einrichtungen, darunter Senioren- und Pflegeheime, Sozialstationen sowie zwei Krankenhäuser haben wir eine Kapazität von 27 600 Plätzen oder Betten.
Dabei muss man unterscheiden zwischen den Einrichtungen des Diözesanverbandes, der 15 Caritas-Kreisverbände und der zahlreichen Kirchenstiftungen. Letztere betreiben die "katholischen" Kindergärten, wo alleine 3300 Kräfte beschäftigt sind. Mitgezählt sind die großen Einrichtungsträger wie die Behinderteneinrichtung der Barmherzigen Brüder in Gremsdorf, das Waldkrankenhaus in Erlangen, das Theresienkrankenhaus in Nürnberg und die Regens-Wagner-Stiftung in Burgkunstadt und Michelfeld. Aus dieser Aufzählung wird ersichtlich, dass die Kirche viel tut. Alle Caritas-Verbände in Deutschland zusammen zählen rund 500 000 Beschäftigte, gut 100 000 mehr als der VW-Konzern hat. Wir sind Teil der Sozialwirtschaft und ihres großen Wachstumsmarktes.

Wie viel Geld wird im Caritas-Diözesanverband jährlich bewegt? Woher stammt es überhaupt?
Wir haben einen "Umsatz" von annähernd 250 Millionen Euro im Jahr. Bis auf eine Zuwendung aus der Kirchensteuer in Höhe von 11,5 Millionen Euro und etwa 1,5 Millionen Euro Sammlungsgelder finanzieren wir unsere Kosten aus Leistungsentgelten. In der ambulanten Pflege stehen aber viele unserer Einrichtungen mit dem Rücken zur Wand. Wir haben in der ambulanten Pflege 45 Euro Kosten pro Stunde, bekommen aber nur 32 bis 35 Euro. Zum Vergleich: Handwerker verlangen 45 bis 60 Euro, Autowerkstätten um die 100 Euro, EDV-Dienstleister gut 150 Euro pro Stunde.
Um mit den Mitteln auszukommen, werden unsere Pflegekräfte stark belastet; dementsprechend früh steigen sie wieder aus dem Dienst aus. Wenn die Politik diesen Zusammenhang nicht erkennt und die Probleme nicht löst, wenn auch das Image der Pflege nicht deutlich angehoben wird, geht die Schere immer weiter auseinander. Wir werden nicht genug Pflegekräfte für die weiter steigende Zahl von Pflegebedürftigen haben.

Wie entwickeln sich die Finanzen des Verbands? Bekommen Sie die Folgen der Kirchenaustritte zu spüren?
Es sind erhebliche Finanzierungsdefizite zu verkraften, weil zum Beispiel in der Asylberatung der Staat nur noch 40 Prozent der Kosten übernimmt, in der Erziehungsberatung 80 Prozent. Leider sinkt aufgrund der Wirtschaftskrise und wegen der Kirchenaustritte das Kirchensteueraufkommen, so dass der Diözesan-Caritasverband nicht mehr 13 Millionen Euro, sondern nur noch 11,5 Millionen Euro im Jahr erhält. Den Austritt von 6000 Gläubigen allein im Jahr 2010 bekommen wir heftig zu spüren.
Dabei habe ich den Eindruck, dass die, die am lautesten gegen die Kirchensteuer schimpfen, die ersten sind, die für ihre Kinder oder Enkel einen Platz im kirchlichen Kindergarten haben
wollen.

Papst Benedikt hat sich für eine größere Distanz zwischen Kirche und Staat ausgesprochen. Wie beurteilen Sie eine solche mögliche Entwicklung?
In der folgenden Diskussion wurde das Papst-Wort von der Entweltlichung der Kirche aus dem Zusammenhang gerissen. Ich glaube, dass die Kirche und die Caritas nach wie vor ihre Angebote an die Gesellschaft aufrechterhalten müssen. Andernfalls müsste der Staat sich überlegen, woher er das Geld nimmt, all unsere Dienste, die von den Menschen ja benötigt und in Anspruch genommen werden, weiterzuführen. Besonders in den ländlichen Bereichen spüren wir das große Vertrauen, das die Bevölkerung den kirchlichen Einrichtungen entgegenbringt. Und da ist auch das Interesse der kommerziellen Träger von Pflegediensten aufgrund der langen Wege gering, sich zu exponieren. Die Caritas ist in der Pflege schon seit dem Mittelalter mit vielen Menschen für viele Menschen tätig.

Gelegentlich werden kirchliche Arbeitgeber kritisiert, dass sie ihre Mitarbeiter angeblich benachteiligen. Was halten Sie dem entgegen?
Unsere Mitarbeiter werden nach einem bundeseinheitlichen Tarif bezahlt. Daneben gibt es bei der Caritas eine betriebliche Altersvorsorge, die zu 100 Prozent vom Arbeitgeber getragen wird. Im Vergleich mit anderen Einrichtungen der Wohlfahrtspflege bietet die Caritas die besten Konditionen.

Wie geht es in den Caritas-Einrichtungen ohne die Zivildienstleistenden weiter? Wie entwickelt sich das ehrenamtliche Engagement?
Wir hatten insgesamt nur etwa 100 Zivildienstleistende im Einsatz. Wir haben deshalb 25 zusätzliche Plätze für das Programm "Freiwilliges soziales Jahr" angeboten und 25 Plätze für den "Bundes-Freiwilligen-Dienst" eingerichtet und besetzt. Wir könnten nicht bestehen ohne die Ehrenamtlichen in den Leitungsfunktionen etwa der Kreisverbände sowie ohne die etwa 11 000 Freiwilligen bei den Caritas-Sammlungen und die Helfer in Kleiderkammern oder Besuchsdiensten, ohne die Schülerpaten und all die anderen mehr. Um die Helfer bei der Stange zu halten, bieten wir Schulungen, Einkehrtage oder auch Fortbildungsmaßnahmen.

Mussten aktuell Projekte eingestellt werden und wenn ja, aus welchen Gründen?
Neue Pflegeheime werden wir vorläufig nicht mehr bauen, nachdem die staatliche Förderung des Heimbaus dem auf Ministerpräsident Stoiber zurückgehenden Sparwahn geopfert worden ist. Nun müssten wir die Mittel komplett am Kapitalmarkt aufnehmen und aus den Pflegesätzen der Heimbewohner finanzieren. Mit der Folge, dass mehr Senioren der Sozialhilfe bedürfen. Zu Ende geführt werden jetzt nur noch die Baumaßnahmen in Röthenbach und Ansbach. Alle anderen Häuser sind in einem guten Zustand, aber wir stellen sie ständig auf den Prüfstand. Das Altenheim in Weismain haben wir deshalb geschlossen und auch das Mutter-Kind-Kurheim in Bad Steben wird aufgelöst.

Was sind die nächsten großen Aufgaben des Diözesan-Caritasverbandes?
Wir müssen den Fachkräftemangel in der Pflege beheben. Um das Image der Pflegeberufe zu heben, muss uns die Politik stärken. In Bamberg wollen alle Träger der Wohlfahrtspflege zusammenwirken, um mehr junge Menschen für die Pflegeberufe zu interessieren. Parallel dazu wollen wir auf die Politik einwirken, damit die Rahmenbedingungen für die ambulante Pflege verbessert werden, auch wenn sie bezogen auf den Einzelfall teurer als die Heimunterbringung sein kann.
Verstärken wollen wir zusammen mit der Joseph-Stiftung das Programm "In der Heimat wohnen - ein Leben lang". Da geht es um die Errichtung von seniorengerechten Wohnungen, bei denen die Caritas die Betreuung der Mieter übernimmt - gerne auch in zentral gelegenen Altbauten, die dafür saniert werden. Weiter ausbauen wollen wir das Hausgemeinschaftsmodell für Pflegeheime, bei dem Senioren gleich welcher Pflegestufe ohne die üblichen zentralen Einrichtungen wie Küche oder Wäscherei leben können. Durch die Einbindung in die alltäglichen Aufgaben wie Essenszubereitung oder Tischdecken wird der alte Mensch wertgeschätzt und fühlt sich wohl.