"Erpresserischer Menschenraub in Tateinheit mit versuchter schwerer räuberischer Erpressung in Tateinheit mit vorsätzlicher Körperverletzung": Was sich in der Anklageschrift der Bamberger Staatsanwaltschaft wie eine Passage aus einem Mafia-Thriller oder einem Großstadtkrimi liest, ist in einem beschaulichen Ortsteil der Stadt Scheßlitz im Landkreis Bamberg passiert.

Der Angeklagte Alfred F. (Name geändert), ein 37 Jahre alter gelernter Maurer und Gelegenheitsarbeiter, hat am 7. November 2016 um 22.45 Uhr bei seinem 51 Jahre alten Nachbarn geklingelt und von ihm 2000 Euro verlangt. Weil der Mann nicht so viel Geld im Hause hatte, fuhr man gemeinsam zur Sparkassenfiliale nach Scheßlitz. Der Geldautomat gab aber nur 1000 Euro her. Die beiden Männer hielten sich danach ungewöhnlich lange im Foyer auf, setzten sich sogar auf Sessel. Dabei redete der jüngere ununterbrochen auf den Älteren ein. Was er sagte, hat das Gericht nicht erfahren: Die Überwachungskameras haben den Ton nicht aufgezeichnet. Am Ende zog Alfred F. sein Opfer an dessen langen Haaren aus der Bank.

Im Auto des 51-Jährigen fuhren die beiden über die A 70 nach Hallstadt. In der Michelinstraße riss der 37 Jahre alte Beifahrer abrupt die Handbremse hoch und stoppte das Auto. Der Fahrer zog den Schlüssel ab und flüchtete sich zu den nahe gelegenen Wohnhäusern. Von dort benachrichtigten Anwohner die Polizei. Alfred F. wurde verhaftet.


Viele offene Fragen

Während Ablauf und äußere Umstände unstrittig sind, lagen die wichtigen Details des Falles am gestrigen ersten Verhandlungstag noch weitgehend im Dunkeln. Täter und Opfer präsentierten der Zweiten Strafkammer des Landgerichts nicht nur in den entscheidenden Punkten unterschiedliche Versionen, sie widersprachen zum Teil sogar früheren eigenen Aussagen oder schilderten das Geschehen in der Bank völlig anders als die Kameras es belegen.

Die erste der vielen ungeklärten Fragen lautet: Hatte der Täter ein Messer dabei, hieb damit eine Kerbe in den Küchentisch des 51-Jährigen und hielt es ihm an den Hals? Das Opfer sagt Ja, der Angeklagte Nein. Das fragliche Messer wurde nie gefunden.

Die zweite Frage: Hatte der 51-Jährige bei seinem Nachbarn 2000 Euro Schulden, die er eintreiben wollte, oder nicht? Das Opfer sagt Nein, der Angeklagte sagt Ja. Die dritte Frage: Hat der 37-Jährige die Verletzungen im Gesicht seines Nachbarn verursacht? Der Angeklagte sagt Nein, das seien Rocker in Lichtenfels gewesen; das Opfer gibt an, sowohl in Lichtenfels als auch einen Tag später von Alfred F. geschlagen worden zu sein.

Die vierte Frage: Warum hat das Opfer in der Bank seine 1000 Euro aus dem Geldautomaten in den eigenen Geldbeutel gesteckt und nicht der vermeintliche Erpresser Alfred F.? Dazu konnten oder wollten beide keine Antwort geben. Und die fünfte Frage: Gab es zwischen den beiden Nachbarn schon vorher Probleme? Auch dazu widersprechen sich die Angaben.


Alkohol und Drogen

Sicher ist aber: Alkohol und Drogen spielen im Leben aller Beteiligten eine tragende Rolle. Der 44 Jahre alten Dauerverlobten des Angeklagten ist das auch äußerlich anzusehen. Vor Gericht sagte sie nicht aus. Vom Angeklagten wollte Richter Nino Goldbeck wissen: "Warum haut ihr Nachbar Sie in die Pfanne?" Die Erklärung des 37-Jährigen: Der Ältere habe seiner Freundin nachgestellt und sich gebrüstet, ihn aus dem Weg geschafft zu haben, indem er ihn ins Gefängnis gebracht habe. Der Nachbar wiederum bestritt energisch, an der Frau in irgendeiner Weise interessiert zu sein.

Alfred F. hat nach eigenen Angaben sieben Jahre seines Lebens hinter Gittern verbracht, doch auch das Opfer in diesem mehr als merkwürdigen Fall ist der Polizei durch eine große Zahl von Einsätzen wohl bekannt: Der Mann liegt seit Jahren im Dauerstreit mit einer anderen Nachbarsfamilie. Gegen ihn wurde ein Kontaktverbot nach dem Gewaltschutzgesetz verhängt.
Die Hauptverhandlung wird am Montag fortgesetzt.