Waren das Schüsse? Merkwürdige Gestalten tummeln sich auf der Altenburg. Drei Typen mit aberwitzigen Hüten schleichen um Bambergs Wahrzeichen - bewaffnet mit einer Axt und ihrer "Donnerbüchse". Tatsächlich wollen "Malente", "Flinn" und "Donnerjakob" Kutschen überfallen, um an Schmuck und Bares zu kommen. Kutschen? Tja, auf dem neuesten Stand der Technik ist das räuberische Trio nicht, das der Vergangenheit entsprang: Einem Bilderbuchklassiker von Tomi Ungerer, den Chapeau Claque ab 11. Juni zu neuem Leben erweckt.

Zum zehnten Mal besetzt das Theater den Burggraben, wo diesmal auch überdachte Zuschauerränge aufgebaut werden. Vor historischer Kulisse hatten im vergangenen Jahr rund 6500 Besucher den "kleinen dicke Ritter" kämpfen sehen. "Zum 85. Geburtstag von Tomi Ungerer greifen wir nun seine Geschichte auf, die ich vor einer Weile im Kindergarten meines Sohnes wiederentdeckte", sagt Heidi Lehnert, die als Produktionsleiterin und Schauspielerin in einer Doppelfunktion agiert. Ein märchenhafter Stoff würde modern aufbereitet, um kleinen Theaterfans von Freundschaft und anderen wahren Werten zu erzählen.

Unter der Regie von Marsha Cox, die erstmals mit Chapeau Claque arbeitet, laufen die Probenarbeiten. Von der Alten Seilerei aus zogen die "drei Räuber" mittlerweile aufs Altenburggelände, wo Valentin Kärner, Benjamin Bochmann und Pascal Averibou nun auf "Beutezüge" gehen. Begleitet von Susanna Bauernfeind, die "Tiffany" spielt: ein Waisenkind, das "Malente", "Flinn" und "Donnerjakob" bei einem Überfall "einkassierten". Dann aber wickelt die Kleine die drei Räuber um den Finger, die ihr im Kampf gegen eine schurkische Tante helfen: dargestellt von Heidi Lehnert.

"Die größte Herausforderung war für mich, aus einem Bilderbuch mit einfacher Handlung eine bühnentaugliche Geschichte zu ziehen", berichtet Marsha Cox: Eine Fränkin mit amerikanischen Wurzeln, die sich in den vergangenen Jahren vor allem als Schauspiel- und Stimmtrainerin profilierte. Als faszinierend beschreibt es die Regisseurin, erstmals mit dem kleinen Ensemble von Chapeau Claque zu arbeiten. "Der Umgang mit den Darstellern, die ja in mehr als einer Rolle zu sehen sind, war von Anfang an eine Riesengaudi." Zumal die begleitende Musik von Rolf Böhm für Stimmung sorgt, wie sich ab 11. Juni auch das Publikum überzeugen kann.


Vom Opfer zur Täterin

Hinter der Räuberpistole steckt für Marsha Cox noch eine andere Geschichte, über die man philosophieren kann. "Sie zeigt, wie unterschiedlich Menschen mit schlimmen Erfahrungen umgehen: in diesem Fall Jahren im Waisenhaus, aus denen jeder seine eigenen Lehren zog." Bis hin zu "Tiffanys" Tante, die sich vom Opfer zur Täterin entwickelt und das erlittene Unrecht an die nächste Generation weitergibt.


Bücherverbot in den Staaten

Übrigens wurde Tomi Ungerers Geschichte vom Waisenmädchen "Tiffany", das in die Hände der drei Räubern fällt, seit 1961 in 21 Sprachen übersetzt. Das antiautoritäre Kinderbuch war seiner Zeit voraus - wie viele Werke des Autors und Zeichners, der zu provozieren wusste. "Keiner hat die Kinderbuchtabus so zerschmettert wie ich", meinte Ungerer einmal, der ab den 50er Jahren in den USA einen kometenhaften Aufstieg erlebte. Bis er in seiner künstlerischen Freiheit Moralaposteln zu weit ging und nach einem Bücherverbot das Land der unbegrenzten Möglichkeiten in den 70er Jahren wieder verließ. Heute lebt der Autor in Irland, dessen Werke mit zahlreichen Preisen gewürdigt wurden.