Er war dabei: Damals auf dem Tahrirplatz in Kairo. Für Erhard Wiesneth aus Memmelsdorf im Kreis Bamberg ist der Frühling 2011 unvergesslich, dieser "arabische Frühling", den er als Lehrer in Kairo zwischen Unterricht und Demonstrationen verbrachte. Der Franke wurde von seinen Schülern, von der Hoffnung und der Euphorie mitgerissen. Er war mittendrin. "Ich sah Verbrüderungen zwischen Moslems und koptischen Christen, ich habe erlebt, wie der Patriarch und der oberste Imam gemeinsam auf dem Tahrir gebetet haben. Es war faszinierend", sagt der 64-Jährige.


Das "Unmögliche" passierte

"Ein paar Wochen vorher, als es in Tunesien mit den Massenprotesten losging, habe ich noch gesagt, in Ägypten wäre so etwas nie möglich." Und dann passierte es doch. Eine Generation, die sich um ihre Zukunft betrogen fühlte, erreichte das Undenkbare: Am 25. Februar 2011 trat Machthaber Husni Mubarak nach fast 30 Jahren zurück. Aus heutiger Sicht erscheint die Freiheit des Jahres 2011 schon fast wie ein Traum. Die Militärs haben sich zurück an die Macht geputscht. Im Land regiert wieder die Angst.
Das sagt auch der Bamberger Abd el-Halim Ragab. Er ist in Ägypten geboren und war im Sommer 2011 dort. "Ich habe es erlebt!", wiederholt der 56-Jährige und es klingt, als könne er es kaum glauben: "Es war alles völlig anders. Die Angst war weg. Alle waren freundlich. Nach 30 Jahren der Diktatur und der Korruption konnte man diese Freiheit atmen, schmecken. Ich habe es erlebt!"


Nach dem Putsch

Mubaraks ehemaliger Geheimdienstchef Abd al-Fattah al-Sisi regiert heute mit harter Hand. Das Auf und Ab, das auf die Revolution gefolgt war, hatte den Militärs den Putsch leicht gemacht: Es gab Wahlen, Verfassungsentwürfe, dazu die wirtschaftliche Stagnation und eine gewählte Regierung der gemäßigt-islamistischen Muslimbrüder, die das Volk mit einem autoritären Regierungsstil gegen sich aufbrachte. Im Sommer 2013 wurde der islamistische Präsident Mohammed Mursi vom Militär gestürzt. Schon kurz nach der Machtübernahme im Sommer 2013 begann die systematische Verfolgung politischer Gegner. Tausende Muslimbrüder verhaftet.


Menschen verschwinden

Heute hat die Verfolgung ein neues Ausmaß erreicht. Künstler, Journalisten, Studenten - alle kritischen Köpfe müssen auf der Hut sein. Ragab erzählt von der Tochter eines Bekannten. "Sie ist 19 Jahre alt. Vor drei Monaten war sie in Alexandria auf dem Weg zur Uni und kam einfach nicht zurück." Nicht nur der Arabisch-Lektor der Universität Bamberg kennt solche Fälle. Immer häufiger ist die Rede von Menschen, die einfach so verschwinden. Und Menschenrechtsorganisationen zufolge wurden mehr als 40 000 eingesperrt.
Das Regime ist nervös. Es fürchtet zum fünften Jahrestag der Revolution Proteste, die an den Aufstand gegen Mubarak erinnern - auch wenn das als unwahrscheinlich gilt. Die Ägypter sind müde. "Ich bin so enttäuscht, so resigniert", sagt auch Ragab. Er versucht, die Dinge objektiv zu sehen. Aber es fällt ihm nicht leicht. "Vor fünf Jahren war ich sehr optimistisch, ich habe gehofft, dass Ägypten den Weg zur Demokratie eingeschlagen hat", sagt er. "Heute habe ich keine Hoffnung. Diese Militärdiktatur ist grausam und korrupt, das allerschlimmste, was einem Land passieren kann. So einem wichtigen Land mit 90 Millionen Einwohnern - und das im 21. Jahrhundert! Ägypten ist am Boden", sagt Ragab.


Schlimmer als vorher

Erhard Wiesneth, der inzwischen wieder als Schulleiter in Sassanfahrt im Kreis Bamberg arbeitet, sieht das ähnlich. "Meine ehemaligen Kollegen in Kairo sind bitter enttäuscht. Es ist wie vor 2011 - wenn nicht sogar schlimmer", sagt er. Trotzdem will seine Frau, die in Luxor gearbeitet hat, ihre Kolleginnen über Ostern besuchen. Abd el-Halim Ragab war seit dem "Arabischen Frühling" nicht mehr in Ägypten. "Und ich habe auch Angst, zurückzugehen. Es ist die gleiche Angst wie unter dem Mubarakregime."