Vorbei sind die Zeiten, als man noch von "Sorgenkindern" sprach, ja geistig behinderte Menschen als "bildungsunfähig" abstempelte. Statt dessen gehen die Jungen und Mädchen zur Schule, um später oft in Werkstätten zu arbeiten und weitgehend eigenständig zu wohnen, wie in Bamberg, Memmelsdorf, Stegaurach und bald Frensdorf: Das alles dank der "Lebenshilfe", die seit mittlerweile einem halben Jahrhundert der gleichnamige Bamberger Verein Menschen von der Geburt an bis ins hohe Alter gibt. Engagierte Eltern hatten ihn 1964 gegründet. Einen Blick zurück in die Pionierjahre warf Vorstandsvorsitzender Klaus Gallenz im Interview, mit dem wir auch über künftige Projekte und Herausforderungen sprachen.

Denken Sie an 1964 zurück: Wie unterschied sich das Leben geistig behinderter Menschen im Vergleich zu heute?
Klaus Gallenz: Anfang der 60er-Jahre hatten Eltern in Bamberg praktisch keine Möglichkeit, ihre Jungen und Mädchen fördern zu lassen. Entsprechende Kindergärten, Schulen und Werkstätten gab es nicht. Entweder betreuten Eltern ihre Kinder zu Hause oder sie gaben sie in weit entfernte Heime wie in Neuendettelsau oder Himmelkron.

Wie kam's zur Gründung der Bamberger Lebenshilfe?
Eltern kamen im Frühjahr 1964 zusammen, um für ihre Kinder Fördermöglichkeiten vor Ort zu erkämpfen. Unterstützt wurden sie von Clemens Klinger, dem damaligen Leiter des Gesundheitsamtes, und Kurt Strassberger, dem Vorstandsvorsitzenden der Joseph Stiftung. Gemeinsam gründete man die Bamberger Lebenshilfe.

Was waren die bedeutendsten Entwicklungen der Pionierjahre?
Zunächst galt es, entsprechende Räume zu finden. In der Inneren Mission an der Promenade eröffnete die Lebenshilfe 1964 eine erste Kindergartengruppe, die sich damals Sonderkindergarten nannte. Ins ehemalige Waisenhaus am Kaulberg zog im Jahr darauf die erste Sonderschulklasse - und 1966 eine Anlernwerkstatt, in der acht geistig behinderte Erwachsene arbeiten konnten.


Vom Nebeneinander zum Miteinander

Der nächste Meilenstein war sicher die Entwicklung des Lebenshilfe-Zentrums an der Moosstraße.

Mit der ersten von heute vier Werkstätten fing 1973 an der Moosstraße alles an. 80 Männer und Frauen wurden hier anfangs gefördert, deren Zahl sich innerhalb von nur zwei Jahren auf 200 erhöhte (heute 600). 1975 eröffneten die Bertold-Scharfenberg-Schule und die Heilpädagogische Tagesstätte der Lebenshilfe. 1977 begann die Arbeit der Beratungs- und Frühförderstelle. Die ersten zwölf Werkstatt-Mitarbeiter bezogen in Memmelsdorf 1978 einen von heute vier Wohnheim-Standorten. Und 1987 wurde unsere Offene Behinderten Arbeit (OBA) unter dem Motto "Vom Nebeneinander- zum Miteinander" gegründet.

22 Kindergartenkinder waren 1964 die ersten Schützlinge der Lebenshilfe. Wie viele Menschen unterstützt man heute?
Bis zu 1 000 aus Stadt und Landkreis. Darunter viele Kinder, Jugendliche und Erwachsene mit Schwerst- und Mehrfachbehinderung, die neben der Förderung ihrer geistigen Fähigkeiten auch pflegerische Unterstützung brauchen.


Über 80 der Älteste

In welchem Alter beginnt die Arbeit der Lebenshilfe? Und bis in welches Alter begleitet man Menschen derzeit?
Unser Ältester ist über 80. Auf der anderen Seite begleiten die Beratungs- und Frühförderstellen der Lebenshilfe Kinder bereits ab der Geburt. Und wir sind stolz darauf, dass gerade die sehr frühe Förderung den späteren Besuch einer unserer Einrichtungen oft überflüssig macht.

Welche Herausforderungen gilt es in den kommenden Jahren zu meistern?
Wir wollen noch vielfältigere Wohnangebote in Stadt und Landreis bereitstellen und die bestehenden Einrichtungen modernisieren. In den letzten Jahren wurden mit Unterstützung der öffentlichen Kostenträger fast 12 Millionen Euro in Modernisierung und Neubau unserer Werkstätten investiert. Erstmals wurde dabei ein Gebäude für die bundesweit einmalige Werkstatt "Integra Mensch" geschaffen. - Besonders am Herzen liegt uns darüber hinaus, schwerstbehinderten Menschen entsprechende "Lebenshilfen" anzubieten, und Männer und Frauen, die selbstständig wohnen können, auch ambulant zu begleiten. Derzeit leben über 50 Menschen in einer solchen Wohnform.

Wie veränderte sich die gesellschaftliche Akzeptanz seit den 60er-Jahren? Kamen geistig behinderte Menschen tatsächlich in der Mitte der Gesellschaft an?
Die Gründung der OBA half ganz wesentlich, behinderte und nichtbehinderte Menschen zusammenzubringen - über gemeinsame Fahrten, Sport, Kunst und Musik. Auch alles sonstigen Lebenshilfe-Einrichtungen sind in diesem Sinne tätig. Was sich in den Köpfen anderer Menschen abspielt, bleibt uns natürlich verborgen. Und bis zur Mitte der Gesellschaft ist's und bleibt's noch ein weiter Weg.

Was hilft, Vorurteile abzubauen, die die Gesellschaft noch immer hinter vorgehaltener Hand pflegt?
Menschen miteinander in Kontakt zu bringen, wie beispielsweise auch durch unser jüngstes Projekt "Kliniklotsen". Dabei helfen Männer und Frauen mit Behinderung Besuchern, sich im Klinikum zurechtzufinden. Und zeigen Stärken, die ihnen mancher sicher kaum zugetraut hätte.

Jeder Deutsche hat seit 2009 das Recht auf Inklusion, also die gleichberechtigte Teilhabe an allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens: Welche Erfahrungen macht die Lebenshilfe?
Früher sprach man von Integration, heute von Inklusion. Nachdem man sie zur Pflichtaufgabe erklärte, wird sich in dieser Hinsicht sicher auch mehr als bislang bewegen. Wobei noch viele Hürden zu nehmen sind und beispielsweise an Einrichtungen erst erforderliche Räume und personelle Kapazitäten geschaffen werden müssen. Dazu aber muss sich noch manches in den Köpfen der Menschen ändern.



Das Jubiläumsfest

25. Juli: Familientag mit vielen Infos von 10 bis 16 Uhr am Bamberger Maxplatz

26. Juli: "Bands & Bradwörscht", das Integrative Rock Open Air Festival, tobt auf dem Bamberger Lebenshilfe-Schulgelände an der Moosstraße 114 von 18 bis 23 Uhr. Seeside spielen als Sieger von Deutschlands größtem integrativen Musikwettbewerb. Die integrative OBA-Gruppe OBAnd präsentiert Perlen der Musikgeschichte vom Schlager bis zum Popklassiker. Auch die Bambägga stehen im Rampenlicht.

27. Juli: Sommerfest der Lebenshilfe auf dem Gelände Moosstraße 114 von 14 bis 19 Uhr. Zum Auftakt zeigt Geraldino Kindern seine quietschvergnügte Musik-Revue "Bunte Knaller". Ab 15 Uhr können sich Jungen und Mädchen bei einem großen Spielfest auch an vielen Stationen austoben und ihre Geschicklichkeit unter Beweis stellen. Big Sound Jack spielen Rock-Klassiker der 60er-, 70er- und 80er-Jahre. Auch werden bei dem "Tag der Offenen Tür" die Einrichtungen der Lebenshilfe vorgestellt.