Morgens um 4.45 Uhr macht Martina Dennefeld einen völlig ausgeschlafenen Eindruck. Mit strahlendem Lächeln verteilt sie am Missionskreuz der Oberen Pfarre Gebetszettel für den Karfreitagsbittgang: "Den können Sie für das nächste Jahr behalten", sagt die rührige Frau jedem, dem sie das Papier in die Hand drückt. Die Wiederholungstäter nicken zustimmend, die Neulinge unter den Pilgern reagieren dankbar.



Derweil wartet Martina Dennefelds Ehemann Robert mit dem handgeschnitzten Vortragekreuz auf Erzbischof Ludwig Schick. Dennefeld blickt den Kaulberg rauf und runter: Trotz eisiger Temperaturen knapp über Null-Grad Celsius harren fast 4000 Menschen auf die fromme Übung. Und damit mehr als die Jahre zuvor.

Unter den Bittgängern ist auch Dennefelds Sohn Andreas. Obwohl er erst 18 ist, schwärmt er von "Tradition, die ich weiter mache". Schließlich war es einst sein Ururgroßvater, der vor über hundert Jahren den Kar freitagsbittgang als zunächst rein private Initiative begründete. Die nachfolgenden Generationen führten den Gang weiter. Andreas will irgendwann seinen heute 54-jährigen Vater in der Organisation ablösen. Und im Tragen des 14 Kilogramm schweren Kreuzes, das fast drei Stunden lang bergauf, bergab geschleppt werden muss.

Sorgen und Nöte mitgebracht
Wie drückend die Kreuze des Alltags sein können, wissen die vielen Bittgänger jedoch auch. Sie haben ihre Sorgen, Nöte, Klagen mitgebracht, die sie dem Herrgott in den frühmorgendlichen Himmel hinhalten. Junge und Ältere beten den schmerzhaften Rosenkranz, den der Erzbischof angestimmt hat: "...der für uns Blut geschwitzt hat", "der für uns das schwere Kreuz getragen hat..." Der Aufstieg zur Altenburg wird so nicht nur zur sportlichen Herausforderung, sondern auch zur Erfahrung eines Leidensweges.

Dieser bündelt sich an der fünften Station: an der Kreuzigungsgruppe bei der Altenburg. Erzbischof Schick beginnt mit der Litanei vom Leiden Jesu, eine grauenvolle Auflistung von Geißelhieben, Dornenkrönung und Spott. Immer wieder ertönt der sehnsuchtsvolle Ruf "Herr, erbarme dich." Auch Bitten bestürmen den göttlichen Adressaten: "Führ uns durch dein Leiden zu Umkehr und Buße", "Befrei uns von unseren Sünden". Möge jeder erhört werden. Auch die, die vor allem am Ende des Pilgerzuges nicht ganz so andächtig bei der Sache und mit Weggefährten im Plausch vertieft sind. Sie haben dafür eine Entschuldigung. Denn auch an der sechsten Station am Rothof können nur die unmittelbar um den Erzbischof Stehenden mitbekommen, was gerade gebetet wird. Wie eine Welle pflügt sich das "Fünf Wunden" - Gebet im Pilgermeer durch. Irgendwann erreicht das "Vater unser", das "Gegrüßet seist du Maria" auch die letzten Reihen.

Weiter geht es zum Missionskreuz an St. Getreu: "...für Freund und Feind und für die ganze Christenheit" lautet dieses Mal der Zuspruch des Rosenkranzes. Inzwischen ist es taghell geworden. Deutlich sichtbar in der Menschenmenge sind nun die zwanzig Sanitäter in ihren leuchtend orangefarbenen Signalwesten, die mit Notfallkoffern ausgerüstet ein wachsames Auge auf die Bittgänger haben. "Wir sind alles Ehrenamtliche und gehen freiwillig mit", macht Christoph Treubel vom Bayerischen Roten Kreuz klar. Es sei für sie ein "wichtiges Zeichen, bei so einer traditionellen Veranstaltung mitzuwirken".

"Wir sind sehr gern dabei"
Was Gerhard Knörlein, Einsatzleiter des Malteser-Hilfsdienstes, energisch bestätigt: "Wir sind sehr gern dabei", betont er. Ähnlich schlicht und einfach drückt Günter Ohland seine Motivation aus: "Ich bin soweit Christ, dass ich den Karfreitagsbittgang mitmache", erklärt der 57-Jährige Strullendorfer, der zu den alten Hasen unter den Bittgängern zählt: "Ich bin seit 25 Jahren dabei", lächelt Ohland.

Bei der Schlussandacht in der Kirche St. Getreu zu den "Sieben Worten Jesu am Kreuz" sind dann die meisten Pilger aber nicht mehr dabei. Schnurstracks zieht es sie an den heimischen Frühstückstisch. Wer zur Andacht bleibt - und die Kirche ist ja bis auf den letzten Stehplatz gefüllt - erlebt die Todesstunde Jesu, hört sein vertrauensvolles Wort "Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist." Die Hoffnung auf Ostern wächst. Die Karfreitagsbittgänger sind vorbereitet. Zumal "der Bittgang erleichtert", ist sich Erzbischof Schick über die reinigende Wirkung dieses religiösen Kraftaktes sicher.