"Kein Elfmeter, Sauerei!", ruft einer, als Thomas Müller im Strafraum gefoult wurde - deutlich, ist sich der Fußballfan sicher. Die Masse gibt ihm recht: kollektives Kopfschütteln und Schimpfen auf der Fanmeile am Maxplatz in Bamberg.

Es ist die erste Halbzeit in der Begegnung Deutschland gegen Frankreich, Halbfinalspiel. Eines, das sich schon wie ein Finale anfühlt. Wartete man in den vergangenen Wochen auf ein Gefühl von Sommermärchen, so ist es Donnerstagabend endlich in der Stadt angekommen. Schwarz-rot-goldene Fan-Emotionen, die Stimmung beim Public Viewing knistert vor Anspannung, rund 3500 Zuschauer waren nach Schätzung der Polizei auf den Maxplatz geschwärmt.

Einer von ihnen der Nebenmann. Der zuckt in der 41. Minute zusammen, als Deutschlands Höwedes gerade noch den französischen Stürmer im Strafraum "fair vom Ball getrennt" hat. Dann, kurz vor der Halbzeitpause, der Schock: Elfmeter für Frankreich, "völlig unberechtigt", findet der Nebenmann, "der italienische Schiedsrichtier ist gekauft!" Ein Satz, den man in der Halbzeitpause häufiger hört. Es steht 1:0. "Übel" geht es weiter: Abwehrchef Boateng muss raus. Die Fans singen sich Mut an: "Auf geht's, Deutschland, schießt ein Tor!" In der 65. kommt Götze rein, "der muss was tun", sagt der Nebenmann, der gerne das Spiel kommentiert, gleichwohl seinen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte.


"Fahrlässiger Ballverlust im eigenen Strafraum"

Es ist das erste Spiel dieser EM, das er sich auf der Radio-Bamberg-Fanmeile ansieht. "Jetzt fällt das 1:1, wir haben eine gute Schussmöglichkeit" - doch nein, Mustafi köpft über das Tor. Es kommt noch schlimmer, "fahrlässiger Ballverlust im eigenen Strafraum", bilanziert der Nebenmann und dann bäm, Frankreich schießt das zweite Tor.

Plötzlich kreischt der Maxplatz, Draxler greift an - doch der Ball fliegt über den Kasten der Franzosen. Des wird nix mehr, meint der Nebenmann, "die deutsche Mannschaft ist nicht in der Lage, den notwendigen Druck aufzubauen." Schon greifen die Franzosen wieder an, Torwart Manuel Neuer hält. Zum Glück.
Der Nebenmann wird still, die Arme sind verschränkt, der Gesichtsausdruck ist ernst. "Die Franzosen werden verdient gewinnen, weil sie aus wenig Chancen zwei Tore gemacht haben." Er wird Recht behalten. Das Spiel ist aus, die Fußballfans setzten sich in Bewegung. Becher zurückgeben, Pfand abholen, Heimweg antreten.
Auf der Großbildleinwand jubeln die Franzosen. Der Nebenmann ist niedergeschlagen. Doch zum Abschluss findet er hoffnungsvolle Worte: "Die nächste Chance gibt's in zwei Jahren bei der WM."