Stolz steht Bernd Detsch auf der Galerie von ATB II. Da ist eigentlich Reiner Schwab der Chef, sein Nachfolger. Aber jetzt geht's ums Jubiläum. Zufrieden stellt Detsch fest - der Laden läuft: Unten, im Betrieb, dem Arbeitstherapeutischen Betrieb II (ATB II), machen sich junge Männer konzentriert an Holzteilen zu schaffen. Krippen.

Dabei steht weniger der Verkaufserlös im Vordergrund, sondern das, was diese Krippen bedeuten: Selbsterfahrung, Selbstfindung, Selbstwertgefühl und vielleicht die Chance auf ein Leben nach dem, das sie zuvor hatten, die jungen Gefangenen. Die Krippen sind zugleich das Produkt einer bedeutenden Weichenstellung: In Ebrach wurde bei der Konzeptionierung der Arbeitstherapie - vor 30 Jahren - Pionierarbeit geleistet.

Bernd Detsch war dabei, Diplom-Psychologe Max Jäckel federführend. Das in Ebrach von Psychologen, Pädagogen und Vollzugsbeamten entwickelte Konzept wird auch in vielen anderen der insgesamt 36 bayerischen Justizvollzugsanstalten (mit Ebrach drei für Jugendvollzug) umgesetzt. Im Laufe der Jahrzehnte erfolgten Anpassungen. Was gab vor 30 Jahren den Impuls? "Wir hatten Gefangene, bei denen wir nicht wussten, was wir mit ihnen tun sollten", berichtet der heute 65-jährige Detsch. Schwierige Gefangene.

In Ebrach "sitzen" verurteilte junge Straftäter im Alter zwischen 17 und 23 Jahren. Grundsätzlich sind laut Strafvollzugsgesetz alle Gefangenen zu Arbeit verpflichtet. Es kommt aber vor, dass Gefangene schlicht zu "wirtschaftlich ergiebiger Arbeit nicht fähig sind", wie es heißt. Das kann beinhalten, dass jemandem vollkommen die Motivation fehlt, er psychisch auffällig ist, keine entsprechenden Voraussetzungen wie etwa Schulbildung hat, oder aber noch nie mit der Arbeitswelt in Berührung gekommen, beziehungsweise dort gescheitert ist, führen Detsch und Schwab aus.

Kurssystem
Dann sind sie ein Fall für die Arbeitstherapie. Das sind drei Kurse mit insgesamt 22 Plätzen und Gruppen zwischen sechs und acht Personen. Insgesamt dauern sie ein halbes Jahr - die ersten beiden je sechs Wochen, der dritte ein Vierteljahr. Sie bauen auf einander auf. Sie sollen den Weg ebnen, dass ein Gefangener nach seiner Entlassung möglichst zu einer Erwerbstätigkeit in der Lage ist.

Dabei gilt es, so zeigen die Schilderungen der beiden Vollzugs-Profis, individuelle Defizite anzugehen. Ganzheitlich. Sport und Unterricht gehört ebenso dazu wie die Entwicklung sozialer Kompetenzen und motorischen Geschicks. Konzentration, Sauberkeit, Pünktlichkeit, Ausdauer, Höflichkeit, ja Umgangsformen gehören mit dazu. Die Zielsetzung orientiert sich zugleich an den individuellen Bedürfnissen und Defiziten. Ganz wichtig, so heben Detsch und Schwab hervor, ist dabei die Arbeit an sich selbst, um Bestätigung und Wertschätzung zu erfahren. Ein langer Weg.

"Man muss durchhalten", sagt Schwab. Das gilt für das siebenköpfige Team der Arbeitstherapie. Dazu gehören neben Schwab Markus Übel-Hofmann (Schreiner), Holger Friedrich (Schlosser) und Holger Hümmer (Schreiner, alle Allgemeiner Vollzugsdienst), die Sozialpädagogen Christoph Bäumer, Ursula Leicht sowie Lehrer Jörg Hinney.

Knapp 300 Gefangene
In Ebrach sind derzeit knapp 300 junge Gefangene untergebracht, bis auf 50 haben alle eine Beschäftigung. Entweder in den anstaltseigenen Betrieben, die auch verschiedene Ausbildungen ermöglichen. Wofür die ATB auch Voraussetzungen schaffen kann. Möglich ist aber auch die schulische Ausbildung, die zu einem Abschluss führt.

Schwab (53), der vor seiner Ebracher Zeit mit Untersuchungshäftlingen (sie arbeiten nicht) zu tun hatte, weiß wie wichtig Beschäftigung ist. Damit die Gefangenen nicht nur in ihrer Zelle hocken. Freilich müssen manche auch erst "überredet werden," wie Detsch sagt.

Sport, das ist wichtig um Energie loszuwerden, aber auch Unterricht und Gruppengespräche gehören zur Arbeitstherapie. Die Defizite ihrer Schützlinge sind vielfältig, wissen die Experten. ATB bedeutet intensiven Kontakt. "Man muss sein Wort halten," sagt Schwab. "Wir haben auch Vorbildfunktion." Und immer mehr auch so etwas wie eine Vaterrolle. Die Veränderung in der Gesellschaft spiegelt sich hier wieder: Immer mehr Kinder wachsen bei der alleinerziehenden Mutter auf. Von der Krippe bis zur Realschule, ausschließlich Frauen. "Wir sind oft die ersten Männer, mit denen sich die Gefangenen auseinandersetzen", so Schwab. "Wir sind die Personifizierung des Mannes." Große Verantwortung also.

In der intensiven Zeit der Arbeitstherapie lernt man die Gefangenen gut kennen, man baut eine Beziehung auf, "ist näher dran", so Schwab. Ganz wichtig klare Linie, Wort halten und vor allem Respekt. "Das kommt zurück," weiß Detsch. Unvergessen auch die bewegenden Erlebnisse. Von Gefangenen, die besonders schwierig waren und besonders viel Engagement forderten. Groß ist die Freude, wenn sie es draußen schaffen, und noch größer wenn sie das mitteilen. "Dann sagt einem das, jawohl, es hat Sinn," sagt Schwab.

Heute kaputter
Das ist gleich geblieben. Freilich brachten die Zeiten auch Veränderung. "Früher, da haben die Gefangenenen endlos argumentiert." An die Stelle der Argumentation ist heute eher die Aggression gerückt. "Die Leute sind kaputter." Detsch und Schwab haben da so ihre Theorie: Das könne unter anderem auch mit den derzeitigen Drogen zu tun haben. Umso mehr brauchen sie die Arbeitstherapie, sind sich die Freunde einig.


Vom Glücksgefühl...

Vom Strauchdieb bis zum Mörder, 17 bis 23 Jahre jung. Welche Hände haben wohl die kunterbunten Schlüsselbretter gefertigt, die lustigen Enten, die tönernen Eulen, den stattlichen Leuchtturm, den schönen Stern und den schmucken Mond? Werkstätten als Zukunfstschmieden - im Gefängnis. "Vorm Eintreten 'bitte' klopfen" und "Bei Besprechungen 'bitte' nicht stören" steht auf den Schildern der Betriebsführung im Ebracher Arbeitstherapeutischen Betrieb.

Hier treffen wir B., 19 Jahre. Der bislang zu keiner Arbeit zu gebrauchen war. Und nun? "Ich kann nähen", sagt er selbstbewusst. "Mit Holz Gegenstände bauen, Schlüsselanhänger, Stofftaschen, Tabaksbeutel machen". Gewöhnungsbedürftig sei das schon gewesen. Farblehre habe er gelernt und "diese spiegelverkehrten Zeichnungen" gemacht. "Man hat uns gelobt", stellt er mit noch hörbarer Verwunderung fest. Ach und "wir sind zusammengwachsen. Leute, die ich nicht kannte, waren mir vorher nur egal." Draußen hatte er überhaupt keine Lust auf Arbeit. "Jetzt weiß ich, ich brauche Arbeit, um zu leben, ich will mal Familie." Und: Ein geregelter Tagesablauf ist besser, als nur rumzuhängen, stellt der 19-Jährige fest.

"Holz habe ich für mich entdeckt, das gefällt mir." Schreiner, die Richtung würde ihn interessieren, sagt B. bestimmt und lacht: "Früher hätt' ich nicht mal gedacht an Arbeit."

Aber man gewöhne sich daran, auch ans frühe Aufstehen, das hat der 19-Jährige im letzten Vierteljahr erfahren. Und: Lob. Das hat er früher schon mal in seiner Familie erfahren. Aber jetzt, von fremden Menschen, "das macht ein Glücksgefühl."

Weitere junge Männer aus B.s Kurs feilen und sägen konzentriert an Krippenteilen. Vorweihnachtssaison. Die Märkte in Ebrach und Trabelsdorf wollen bestückt werden. Die Arbeit der jungen Gefangenen ist zwar in erster Linie Therapie, aber sie kann sich auch sehen lassen. Die Krippen, Sterne, Monde, sie sollen nach draußen. Sie sollen verkauft werden. Freilich, Geld bringen. Aber auch Anerkennung. Mit ihrer Hände Arbeit haben die jungen Männer Dinge geschaffen. Schöne, gute.