Susi ist ein Prachtstück. Dabei ist sie noch jung, erst 2013 geschlüpft. Sie trägt graues Gefieder mit verschiedenen Schattierungen. Nur an ihrer Brust schimmern die Federn grün und violett. Über dem Schnabel erheben sich zwei weiße Wölbungen, die sogenannte Nase. "Im vergangenen Jahr wurde sie zwölf Mal gesetzt und jedes Mal war sie erfolgreich, hat die Strecke nach Hause am schnellsten zurückgelegt", erzählt Rudi Scheuplein - nicht ohne Stolz.
Fest hält er die Susi in seiner Hand, streicht ihr zärtlich mit dem Daumen über den Rücken. "Sie hat eine gute Muskulatur in den Flügeln, am Rücken und am Becken", sagt er. Allesamt Merkmale, die eine gute Brieftaube auszeichnen.


Vorbildlicher Schlag

Dann darf das Prachtexemplar zurück in den Käfig zu den anderen reisenden Weibchen. So werden die weiblichen Tauben genannt, die regelmäßig unterwegs sind. 40 Stück hält der Taubenliebhaber, genauso viele männliche Exemplare sowie weitere für die Zucht. "Die Männchen werden in der Fachsprache Vögel genannt", erklärt der 67-Jährige.
Aktuell leben rund 140 Brieftauben in seinem Schlag in Wollbach. "Aber ich hatte auch schon 300", sagt Scheuplein. Entsprechend groß ist das Nebengebäude, in dem die Tiere herangezogen werden und leben. Die Innenausstattung ist vorbildlich: Jede Taube hat einen eigenen Kasten. Der Kot wird mit einem elektrisch betriebenen Förderband abtransportiert. Ein Hygrometer achtet auf die richtige Luftfeuchtigkeit und die Fußbodenheizung sorgt für die passenden Temperaturen, damit nichts auffriert.
Den Winter verbringen die Brieftauben zu Hause in den Käfigen und Volieren, die sich auf der Westseite des Gebäudes befinden. Männlein und Weiblein strikt voneinander getrennt. Erst Mitte Februar dürfen sie zueinander, denn dann beginnt die Paarungszeit.
"Die winterlichen Temperaturen machen den Tauben nichts aus. Im Gegenteil. Der regelmäßige Aufenthalt im Freien härtet sie ab", erklärt der Fachmann. Dafür bereiten ihnen aber die Greifvögel Probleme, wie etwa Habichte, Falken und Sperber, die es seit ein paar Jahren wieder vermehrt auch in Wollbach gibt. "Früher konnten wir unsere Tauben das ganze Jahr fliegen lassen. Jetzt geht das nur noch zwischen Mai und September", erzählt Scheuplein.
Seine fünf besten Tauben haben im vergangenen Jahr insgesamt 17 442 Kilometer zurückgelegt. Prachtexemplar Susi war eine davon. Sie zählt zu den Altweibchen und ist als weiteste Strecke 625 Kilometer geflogen. "Von Gien mitten in Frankreich zurück in den Schlag nach Wollbach", erklärt er. Doch wie kam die Gute dahin?
"Die Brieftauben der Region werden hier am Zahlbacher Schützenhaus vom Kabinenexpress abgeholt und zum entsprechenden Abflugort, dem sogenannten Auflassplatz, gebracht", erklärt der Züchter. Bei der Abholung werden die Ringe, die jede Taube um den Fuß trägt, elektronisch erfasst. Bei der Rückkehr reagiert der elektronische Zähler bei Rudi Scheuplein im Schlag und zeigt an, wie viele Kilometer die Taube zurückgelegt hat.


Ungeklärtes Phänomen

Doch wie findet sie den Weg zurück nach Hause? Eine konkrete Erklärung dafür gibt es nicht, erklärt der Fachmann. "Man vermutet, sie orientieren sich am Magnetfeld der Erde und an der Sonne", sagt er. Manchmal kann es auch passieren, dass Tauben nicht zurückkehren. Dafür gibt es dann verschiedene Gründe, wie etwa Verletzungen, Erschöpfung oder Greifvögel.
Es ist auch schon vorgekommen, dass Rudi Scheuplein ein Tier bei einem anderen Züchter abholen musste. Das musste er vor ein paar Jahren sogar ziemlich häufig tun. "Da hatte ich etliche weiße Tauben. Doch die haben nix getaugt, deshalb habe ich sie abgegeben", erzählt er. Inzwischen leben in seinem Schlag überwiegend Vögel der Sorte Jansen oder Eierkamp.
Seine ersten Exemplare hat sich Rudi Scheuplein, der in Haard aufgewachsen ist, im Alter von neun Jahren gekauft. Heimlich, erzählt er, denn seine Eltern duldeten damals keine Haustiere. Doch die Brieftauben seines Onkels hatten ihn derart fasziniert, dass er sich selber welche anschaffte und in der Scheune versteckte. "Eines Tages kam es dann raus. Zwar gab es Ärger, doch mein Vater half mir, einen Schlag für sie zu bauen", erinnert sich der Züchter.
1970 heiratete er eine gebürtige Wollbacherin, die sein Hobby zwar nicht teilte, aber akzeptierte und ihn unterstützte. Schließlich war Scheuplein als Stukkateurmeister und Baumeister unter der Woche häufig auswärts unterwegs. "Da habe ich meine Frau immer eine Liste angefertigt, wie sie die Tauben füttern muss", erzählt er. Nun ist der Taubenliebhaber Rentner und kümmert sich selbst um seine Tiere. Täglich verbringt er zwischen vier und sechs Stunden bei ihnen. "Es ist der richtige Ausgleich für mich", sagt er.

Die Reisevereinigung Burkardroth und Umgebung

Rudi Scheuplein
ist Mitglied des Taubenzüchtervereins "Rhönpfeil" Frauenroth, der gemeinsam mit "Gut Flug" Gefäll und "Rhönvögel" Langenleiten die Reisevereinigung (RV) Burkardroth & Umgebung e.V. bildet. Der hat 36 Mitglieder.

2015 wurde Walter Böhnlein aus Langenleiten RV Meister. Dessen fünf besten Brieftauben haben 18 299 Kilometer zurückgelegt und 49 Preise gewonnen. Zweiter wurde Rudi Scheuplein, gefolgt von Thomas Grom aus Burkardroth, dessen fünf Spezialisten 15 701 Kilometer geflogen sind und 42 Preise gewannen.

In den Einzelwertungen konnte Rudi Scheuplein mit Susi das beste Altweibchen sowie das beste jährige Weibchen stellen. Der beste Altvogel sitzt bei Walter Böhnlein, die beste Jungtaube bei Alfons Söder in Waldberg und der beste jährige Vogel in der Schlaggemeinschaft von Klaus, Jan und Werner Wehner. Jugendmeister 2015 der RV wurde Maurice Hillenbrand.