Selbst gebackene Herzen aus Teig mit eingeprägtem "SPD" gab es, als der SPD-Ortsverein im Burkardus-Wohnpark sein 110-jähriges Bestehen feiern konnte. Unter den zahlreichen Gästen konnte Vorsitzender Tobias Schneider auch die Landesvorsitzende und stellvertretende Bundesvorsitzende Natascha Kohnen begrüßen. Rosalinde Heider bekam die Willy-Brandt-Medaille, die höchste Auszeichnung der Partei.
Natascha Kohnen bat in ihrer Festrede die Ortsvereine, junge Leute in die Verantwortung zu nehmen, "denn die haben oft ganz andere Ideen als die Alten". Bildung sei der Schlüssel für alles, "Bildung ist der einzige Rohstoff, den wir haben. Bildung muss sich jeder leisten können", hob sie hervor. Sie äußerte sich zudem zu Lehrerentlassungen vor den Ferien, Kinderbetreuung, dem Tariftreuegesetz und Wohnungsproblemen in vielen Städten.
Tobias Schneider blickte zurück in die Geschichte der Bad Kissinger SPD. Der Ortsverein wurde am 29. März 1908 gegründet. Erster Vorsitzender war Peter Krämer. "Eine Mitgliedschaft bei den Sozialdemokraten war durchaus mit Risiken verbunden, da man mit Nachteilen oder Schikanen rechnen musste" , betonte Schneider. Ab 1933 wurden Mitglieder in "Schutzhaft" genommen oder kamen ins KZ. Der verbotene Ortsverein wurde 1945 wieder gegründet. Christian Zoll wurde 1974 Ortsvereinsvorsitzender, kandidierte 1978 erstmals als Oberbürgermeister und schaffte es schließlich 1990. Nach einer Wahlperiode Unterbrechung eroberte im Jahr 2008 Kay Blankenburg erneut den Stuhl des Oberbürgermeisters für die Sozialdemokraten. Die Bundestagsabgeordnete und SPD-Kreisvorsitzende Sabine Dittmar betonte, Arbeit in den Ortsvereinen an der Basis sei entscheidend für die offene und solidarische Gesellschaft. Dass sich die Bundesrepublik zu einer der stabilsten Demokratien weltweit entwickelt habe, sei auch und gerade ein Verdienst der Sozialdemokratie. Landtagskandidat Norbert Schaub hob in seinem Grußwort hervor, die Mitglieder der SPD hätten für Freiheitsrechte und Demokratie gestritten und sich jeder Diktatur widersetzt. Der Ortsverein sei in 110 Jahren zu einem Stück Bad Kissinger Geschichte geworden.
Als Bernd Czelustek, der Fraktionssprecher der SPD im Stadtrat, seinen Vater zitierte, gab es Gelächter im Saal: "du kannst einen Esel vom Klaushof nehmen und CSU drauf schreiben und er wird gewählt!" 40 Jahre später habe sich die Kommunalpolitik in Bad Kissingen gewandelt, "die vergangenen 30 Jahre waren sozialdemokratische Jahre." Starke Persönlichkeiten wie Christian Zoll und Kay Blankenburg hätten der Partei Ansehen verschafft.
Die Geschichte des Ortsvereins wurde auch bei der Talkrunde mit Mitgliedern, die Lara Schmitt moderierte, lebendig. Der ehemalige Stadtrat Norbert Paulus sagte, dass nicht nur auf dem flachen Land die Sozialdemokraten früher Nachteile gehabt hätten. Sein Kollege Gustav Brandt erzählte schmunzelnd, dass es im Stadtteil Arnshausen früher keine politischen Parteien, aber zwei Wirtshäuser mit zwei "Wirtshaus-Parteien" gegeben habe, die gegeneinander kandidierten. Stefica Schön berichtete von ihrem ersten Besuch bei ihrer Schwiegermutter in spe. Von der bekam sie zu hören "das gefällt mir nicht, dass du in der SPD bist."
Ein Höhepunkt des Festabends war die Verleihung der Willy-Brandt-Medaille an Rosalinde Heider, die seit 49 Jahre Mitglied der SPD ist. Tobias Schneider würdigte ihr jahrzehntelanges Engagement nicht nur in der Mutterpartei, sondern auch in der AsF (Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Frauen) und der Arbeitsgemeinschaft 60plus. Als Beisitzerin und Delegierte habe sie den Ortsverein in verschiedensten Gremien vertreten. Sie habe mit dafür gesorgt, dass der Ortsverein "eine Gemeinschaft mit echtem Zusammenhalt" geworden sei. Schneider vergaß auch nicht, dass sie das ehemalige Erholungsheim der Arbeiterwohlfahrt (AWO) in Münnerstadt und später den Rosenhof in Bad Kissingen leitete und dass sie AWO-Orts- und Kreisvorsitzende war.