Es war ein Kind der Not, das der Schweizer Schriftsteller Charles Ferdinand Ramuz und Igor Strawinsky 1918 aus der Taufe hoben. Ihr Werk sollte der Ernüchterung und Not der Endkriegszeit entsprechen und nicht in prunkvollen Opernhäusern, sondern auf Jahrmärkten für das Volk gespielt werden können. "Die Geschichte vom Soldaten" verzichtet zugunsten ihrer Jahrmarktstauglichkeit auf Sänger, und Strawinsky begnügte sich mit sieben Musikern, einem Schlagzeuger, einem Geiger und fünf Holz- und Blech-Bläsern.
Ein Erzähler berichtet über die Geschichte eines Soldaten, der seine Geige gegen ein Zauberbuch an den Teufel verhökert, Mutter und Geliebte verliert, immensen Reichtum und eine Prinzessin gewinnt, aber am Ende doch dem Teufel gehört. Die Handlung ist einfach, die einfach rhythmisierte Sprache der Schweizer Fassung steht in krassem Gegensatz zu der komplexen, spannenden und witzigen Musik Strawinskys. Der Zuhörer unserer Tage kann Letztere genießen, den etwas einfachen und manchmal einfältigen Text nimmt er als historisch geprägtes Beiwerk der "Ästhetik der Einfachheit", die die Zeitgenossen des 1. Weltkriegs der Prunkversessenheit des Groß-Bürgertums des 19. Jahrhunderts entgegensetzen wollten, hin.


Kurzweilige Neufassung

Dem Geigenvirtuosen Daniel Hope war diese Duldungshaltung für das Stück offenbar nicht genug. Für die Philharmonie Essen und den Kissinger Sommer ließ er den Regisseur Peter Jordan eine neue Textfassung und mit seinem Kollegen Leonhard Koppelmann eine dichte und kurzweilige Spielfassung für drei Rollen erarbeiten. Als Sprecher hatte er zunächst Thomas Quasthoff im Visier, der aber absagen musste und durch den ebenfalls ehemaligen Bariton Benno Schollum ersetzt wurde, für die Rolle des Teufels verpflichtete er Katja Riemann als sarkastisches Höllenluder. Daniel Hope selbst übernahm die Rolle des Soldaten und Geigers in der Kapelle, die restlichen Instrumente waren absolut hochkarätig besetzt: Klarinettist Patrick Messina , Fagottist Philippe Hanon, Kontrabassist Stéphane Logerot, Posaunist Jean Raffard, Trompeter Gilles Mercier und Schlagzeuger Hans-Kristian Kjos Sørensen gehören allesamt zu den Besten aus Klassik und Jazz auf ihren Instrumenten.


Hochkarätiges Musikensemble

Diese Musiker lieferten mit ihrem satten, überhaupt nicht spröde klingenden Ton die erste Überraschung an diesem Nachmittag: Soli, Duette, Ensemblespiel mit allen rhythmischen Vertracktheiten und dem verschmitzten musikalischen Witz Strawinskys, den Parodien der E- und U-Musik seiner Zeit - bei allem machte das Zuhören enorm Spaß. Die zweite war der neue Text, denn Ramuz' etwas dröges Libretto war nur rudimentär vorhanden. Jordan hat den bewährten Knittelvers benutzt, um die Geschichte in den Zeithintergrund des 1. Weltkriegs, in "Stahlgewitter und Granaten", zu holen, sein Joseph ist nicht ein einfacher Soldat auf Urlaub; er ist von einer Mine beinahe getötet worden. Der Deal mit dem Teufel ist nicht einfach Geige gegen Buch, sondern drei Jahre Urlaub vom Krieg im Tausch für seine Seele zum "Trinken, Weiber, was zu fressen/Geigenspielen nicht vergessen."
Mit enormem Spaß an ihrer Rolle lästerte, höhnte und berlinerte Katja Riemann in ihrer Teufelsrolle: "Das Elend ist mein Beruf!", meint dieses Teufelsbiest. Und natürlich haben sich Hope und Jordan die Bezeichnung "Teufelsgeiger" nicht entgehen lassen, und werfen sie einander zu, der eine ist ein Teufel mit Geige, der andere geigt "wie der Teufel". Daniel Hope tat das, aber er spielte auch den Soldaten zum ersten Mal auf Deutsch. Er genoss seine Doppelrolle als Geiger und Figur im Stück. Er konnte so zeigen, wie höllenschwer der Geigenpart in diesem Stück ist, wie plausibel die Faszination sogar des Teufels angesichts der Fertigkeiten des Geigers Hope.


Weite Sprünge durch die Genres

Benno Schollum gab den Erzähler überzeugend, vor allem sein sonores Kaiser-Österreichisch als König und Vater der Prinzessin, seine Einmischung in das Geschehen selbst und sein Rollenwechsel ins Teufelsfach am Schluss, wo Jordan zu Strawinskys vielschichtiger Parodie des Choralsatzes von "Ein feste Burg" einen Trugschluss im Text konstruiert: Nach der Hochzeitsfeier mit Strawinskys/Hopes sehr vergnügten Sprüngen durch die Genres Tango, Walzer, Ragtime und einer im Hintergrund tanzenden Prinzessin/ Katja Riemann stürzt die Handlung ab in die negativen Eheerfahrungen Langeweile und Eifersucht. Und in eine Desillusionierung: Die Geschichte des Soldaten Joseph war nur eine vom Teufel gewährte Schonfrist, die der Geiger mit seinem Geigenspiel bezahlt hat.
Nicht als musikwissenschaftliche Repertoire- oder Wissensergänzung, sondern als intelligente, für unsere Zeit eingerichtete, oft köstlich ironische Auseinandersetzung mit dem 100-jährigen Werk und Strawinskys mitreißender Musik hat die Truppe um Daniel Hope sich der Geschichte des Soldaten angenommen. Das Publikum war begeistert.