Vor 17 Jahren zog Doris Pickel mit einem Pferd aus Murrwangen im Allgäu nach Poppenlauer in den Landkreis Bad Kissingen. "Bisher hab ich nur kleinere Touren gemacht, so circa bis zu drei Tagen", erklärt die 49-Jährige. Der Gedanke einer großen Reise spukte jedoch schon länger im Kopf, führt sie aus. Der Zeitpunkt war für sie klar: Jetzt oder nie. "Pina(colada) ist schon 21 Jahre alt, eigentlich eine Pferde-Oma, ich bin auch nicht mehr die Jüngste", scherzt die Wahlpoppenläurerin.

Das Ziel war schnell gefunden, es sollte in ihren Geburtsort Murrwangen gehen. "Teile meiner Familie wohnen da, und Pina ist dort aufgewachsen, bevor ich vor 17 Jahren hierher gezogen bin", erklärt die Reittherapeutin ihre Beweggründe. Auf ihrer Reise wurden Doris Pickel und Pina noch von dem Warmblüter Falcon begleitet. "Das ist der Stallfreund von Pina", sagt die 49-Jährige.

Einfach losreiten konnte das Dreiergespann jedoch nicht. Wie Fußballer unterzogen sich Pina und Falcon einem dreimonatigem Intervalltraining, um Ausdauer für die Reise aufzubauen. "Ich bin dann ein bis zweimal täglich mit den Pferden geritten", führt Doris Pickel aus. Bei einer Strecke von rund 350 Kilometern sei das durchaus sinnvoll gewesen, findet auch ihr Mann Ronald Pickel.

"Ich war eigentlich dagegen, immerhin war sie alleine unterwegs. Da kann ja alles mögliche passieren. Wir haben es dann so gelöst, dass sie sich eine Ortungsapp auf ihr Smartphone geladen hat, dass ich von Zuhause aus schauen konnte, ob ihr etwas passiert ist", erinnert er sich. "Jetzt wo Doris es fast problemlos geschafft hat, bin ich stolz auf sie."

Der Ritt wäre jedoch um ein Haar ins Wasser gefallen: Ein Pferd hatte Husten. "Am Abend vor der Abreise kam dann noch der Tierarzt, zum Glück war alles in Ordnung und ich habe die Gesundheitsbescheinigung für die beiden bekommen", schwelgt die Reittherapeutin in Erinnerungen.

"Den Nachweis über die Gesundheit der Tiere habe ich bei fast jeder Unterkunft gebraucht, kein Reitverein oder Wanderreitheim lässt einen ein krankes Pferd in den Stall stellen", erläutert sie. Einige Unterkünfte konnte Pickel noch vor ihrer Abreise buchen: "Das ging nicht bei allen, es ist ja nicht so, dass alle paar Kilometer ein Reitheim steht." Manches Nachtlager blieb ihr eindrucksvoll in Erinnerung, sei es wegen der Gastgeber oder der Umstände. "Man denkt immer, dass die Leute nicht mehr so hilfsbereit sind, aber eigentlich ist das Gegenteil der Fall."

Eine Situation hat sich ihr förmlich ins Gedächtnis eingebrannt. "Ich bin nachts aufgewacht und habe das Hufgetrappel gehört und aus dem Fenster geschaut. Pina war aus der Weide ausgebrochen, Falcon war noch in der Weide. Der hat überlegt ob er mit ausreißt", erzählt die 49-Jährige. Gerade noch rechtzeitig gelang es Doris Pickel, Pina wieder in die Weide zu bringen. "Hätte das nicht geklappt, wären beide durchgebrannt", malt sie das Schreckensszenario aus.

Orientierung auf den Tagesritten lieferte ihr eine Landkarte. "Das ist mir lieber als GPS, wo man immer nur einen kleinen Ausschnitt hat. Auf der Karte sehe ich mein Ziel wenigstens", erläutert sie die Routenfindung, die durchaus ihre Tücken hatte. Zu dritt mussten unter anderem Main, Donau und Iller überquert werden. "Ich musste mir eigene Übergänge suchen, fast alle Brücken waren Bahngleise, die ich umreiten musste", schildert sie die Problematik.

Durch das Umreiten von Hindernissen erreichte sie schnell ihr Tagespensum von 25 bis 30 Kilometern. "Es war schwierig Pausen zu machen - man muss sich da wirklich auf den Rhythmus der Tiere einstellen", betont die 49-Jährige. Das Leben mit dem Pferd sei entschleunigend und schweiße Ross und Reiter zusammen. Problematisch war die Entschleunigung allerdings bei ganz alltäglichen Dingen: "Einfach zum Essen gehen ging nicht, ich hatte ja zwei Pferde dabei. Die kann ich nicht einfach auf der Straße stehen lassen, wenn es keine Möglichkeit gibt, die zwei anzubinden."

Langeweile und Einsamkeit kamen dennoch nicht auf: "Überall haben Leute gefragt, wo ich hin will, und von wo ich komme." Viele Menschen am Wegesrand hatten Erfahrung mit Pilgern und boten ihr daher eine Rastmöglichkeit an. Auch auf menschenleeren Tourabschnitten kam keine Langeweile auf. "Man musste ja ständig die Karte kontrollieren", erklärt sie.

"Je näher ich Murrwangen gekommen bin, desto aufgeregter bin ich geworden", denkt sie zurück. Jedes Autokennzeichen aus der Region habe die Aufregung außerdem gepusht. "Das schönste Gefühl war es dann, als ich in meinen Heimatort eingeritten bin." Ihre Eltern dachten zunächst noch, dass der Pferdeanhänger einige Kilometer entfernt in einem Nebenort stand und wollten ihr keinen Glauben schenken. "Als sie die Überraschung und den Schock überwunden haben, waren sie völlig baff", sagt die Reittherapeutin.


3,5 Stunden statt 15 Tage

Der Heimweg nahm verglichen mit den 15 Tagen der Anreise einen Bruchteil der Zeit in Anspruch. "Ich hab mein Motorrad in den Anhänger und bin mit dem Auto zu ihr runter gefahren", erklärt ihr Mann. In Murrwangen wurden dann die Plätze getauscht: "Das Motorrad aus dem Hänger, die Pferde in den Hänger, Ronald aufs Motorrad, ich hinters Lenkrad", beschreibt Doris Pickel den Fahrzeugwechsel. In 3,5 Stunden erreichten die beiden wieder ihre Heimat in Poppenlauer. Vorerst sei ihre Tourenlust gestillt, sagt die 49-Jährige. Die nächsten Tour mit Pina und Falcon führe zum Hufschmied, scherzt sie.